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12.02.2013

19:48 Uhr

Der Werber-Rat

Dauerflirt unter Gleichen

VonInes Imdahl

Großereignisse wie Karneval brechen Schranken zwischen den Gesellschaftsschichten auf. Unter dem Krümelmonster-Kostüm sind Statussymbole nicht mehr zu erkennen. Auch Nationalitäten spielen keine große Rolle mehr.

Zwei Narren nutzen die Kussfreiheit beim Karnevalsumzug in den Straßen. dpa

Zwei Narren nutzen die Kussfreiheit beim Karnevalsumzug in den Straßen.

Alle Jahre wieder zeigt sich: Die Funktion des Straßenkarnevals beschränkt sich nicht aufs Feiern. Kurzzeitig werden auch die gesellschaftlichen und nationalen Schranken aufgehoben.

„Jedes Jahr im Winter“ läutet ein Kölsches Karnevalslied das wiederkehrende Wintermärchen ein. Der Rest Deutschlands kann oft nicht nachvollziehen, weshalb von Altweiberdonnerstag bis Veilchendienstag Ausnahmezustand herrscht. Der aufgezeichnete Sitzungskarneval kann das genauso wenig vermitteln wie die endlosen Alaaf- und Helau-Übertragungen der Rosenmontagszüge.

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon.

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon.

Vergleichbar mit dem, was sich gerade auf den Straßen abspielt, ist vielleicht nur das Sommermärchen zur WM 2006. Dabei sind die Deutschen in einen Rausch geraten, den die Kölner jedes Jahr inszenieren. Was war passiert? Wahrscheinlich erstmalig seit den „Leiden des jungen Werther“ entstand eine für fast alle spürbare Lebensfreude, ein Optimismus und eine sich durch ungewöhnliche Leichtigkeit auszeichnende Feierkultur. Denn bekannt sind die Deutschen international eher für ihre "German Angst" und ihre humorlose Ernsthaftigkeit.

Fast zufällig entwickelte sich beim Public Viewing 2006 eine Art deutschlandweiter Straßenkarneval: Männer und Frauen, Engländer, Holländer und Deutsche, Arm in Arm, Glas an Glas vor den öffentlichen Riesenbildschirmen. Nationalfarben auf Blumenketten, bunt angemalte Gesichter, Fahnenumhänge waren die beliebtesten Kostüme. Es war ein sechswöchiger Flirt, ein Riesenfest, das auch ohne Alkohol berauschende Qualitäten hatte.

Weil Gäste zu Freunden wurden, jeder mit jedem fieberte und feierte, entwickelte sich das Sportereignis zu einer großen gemeinsamen Sache. Gesellschaftliche und nationale Schranken wurden aufgehoben. Dieses Grundprinzip des Straßenkarnevals gab es schon vor 5000 Jahren in Mesopotamien. Für wenige Tage galten alle vom Sklaven bis zum Würdenträger gleich viel.

Heute wird das „Gleichmachen“ paradoxerweise gerade durch die unterschiedlichen Kostümierungen hergestellt: Sie signalisieren nicht nur die Bereitschaft mitzufeiern, sondern heben auch die „Codes“ der Berufs- und Standeszugehörigkeit auf. Statt Anzug und Blaumann zu tragen, werden in diesem Jahr viele einheitlich zum „Tier“. Wer das WM-Feeling wiederbeleben will, kommt am besten nach Köln. Hier wird gemeinsam mit den Düsseldorfern und Mainzern Karneval der Standesdünkel aufgehoben.

Ines Imdahl ist Psychologin sowie Inhaberin und Geschäftsführerin des Rheingold-Salons. Sie ist eine von fünf Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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