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24.07.2012

15:26 Uhr

Der Werber-Rat

Der anständige Luxus ist notwendig

VonInes Imdahl

Luxus ist etwas, das wir brauchen. Unbedingt. Doch was gemeint ist, ist nicht die unanständige Version des Überflüssigen. Es sind die immateriellen Dinge. Das kann so profan sein wie eine Tasse Kaffee - ohne Telefon.

Ein Kaffee ohne Telefonstress ist für viele schon eine Form von Luxus. dpa

Ein Kaffee ohne Telefonstress ist für viele schon eine Form von Luxus.

Brauchen wir Luxus? Ist Luxus nicht etwas, das nur die Reichen angeht? Ist er in Zeiten der Euro-Krise nicht gar unanständig? Tatsächlich war Luxus Jahrhunderte lang in seiner Bedeutung als Prunksucht und Verschwendung ein Schimpfwort. Immer noch wird heute vor allem das nicht zwingend zum Leben Notwendige als Luxus bezeichnet. Aber das Wort ist nicht mehr per se unanständig.

Unter Luxus verstehen die Menschen derzeit ohnehin viel mehr als nur den puren Wunsch, Reichtümer anzuhäufen. In unserer schnelllebigen Zeit ist für viele Immaterielles wie ein langer Waldspaziergang, ein ruhiger Abend zu zweit oder ein Kaffee ohne nervige Telefonate Luxus. Luxus ist so etwas wie eine seelische Verfassung - etwas, das wir uns quasi gönnen müssen. Wir können gar nicht anders.

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon.

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon.

Aber völlig unabhängig davon, was als Luxus empfunden wird, gemeinsam ist den Menschen das Streben danach. In diesem Sinne ist Luxus tatsächlich eine Art Sucht. Denn auch mit einfachsten Mitteln versuchen Menschen, sich etwas Besonderes zu schaffen. Sie suchen immer, auch und vielleicht sogar besonders in Krisenzeiten, eine gewisse Form der Exklusivität; etwas, das abweicht von dem, was sie sonst haben oder tun. Das geht natürlich auch mit luxuriösen Gütern. Entspannung, Unerreichbarkeit und Ruhe werden jedoch derzeit beinahe häufiger als Luxus empfunden. Dinge, die den Menschen früher im Zusammenhang mit Luxus gar nicht erst eingefallen wären.

Die Metamorphose des Luxus lässt sich auch an den Waren selbst nachvollziehen: Der für unsere Großeltern noch luxuriöse Kaffee ist heute Standard. Auch Uhren oder später Fernseher galten als reine Luxusartikel. Heute sind die letztgenannten unpfändbar und Massengut. Und Produkte wie Handys haben die Phase der Exklusivität schon für fast jeden nachvollziehbar schnell durchlaufen.

Spätestens aber, wenn der persönliche Luxus wieder als normal empfunden wird, und wenn plötzlich alle um uns herum iPhones haben, fängt die Suche nach Luxus wieder von vorne an. Dieses Streben nach Anderem und Besonderem unterscheidet den anständigen Luxus vom unanständigen Anhäufen der Reichtümern. Luxus mag physisch etwas Überflüssiges sein - seelisch ist das Streben nach Luxus eine unabdingbare Notwendigkeit.

Indem wir dieser inneren Notwendigkeit immer wieder einmal folgen, erweisen wir uns selbst sogar einen guten Dienst. Wir gönnen uns etwas, genießen das Leben und können besser entspannen - das ist alles andere als unanständig, sondern macht schlicht glücklich.

Die Autorin:

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon. Sie ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare (4)

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andycayoon

24.07.2012, 17:13 Uhr

Es hört sich so an, als ob die möglichst weite Verbreitung von i-phones anständiger Luxus sei, während gleichzeitig die "Anhäufung von Reichtümern" unanständig sei. Nein, ich empfinde es genau umgekehrt. Ist es anständig, dass jeder Freiberufler sein i-phone als Aufwand steuerlich absetzen kann und von allen Angestellten subventionieren läßt? Nein, es ist unanständig. Unanständig ist auch, dass dieser Konzern seine Produkte unter menschenunwürdigen Umständen z.T. mit Kinderarbeit herstellen läßt und unanständig ist auch, wenn über der so erwirtschaftete Gewinn über Beteiligungen in Irland nur zu 10% besteuert wird. Nicht unanständig, aber typisch für unsere Gesellschaft ist hingegen, dass die zweite wesentliche Gruppe der i-phone Besitzer besteht aus Leuten, die entweder wenig verdienen oder einigermaßen viel verdienen, aber ihr Einkommen vollständig konsumieren, weil sie mit i-phones und anderen Produkten mithalten wollen in einer Gesellschaft, in der die wahren Werte verloren gehen und in der niemand mehr so genau weiß, was Anstand ist. Anständig ist es nämlich durchaus, Reichtümer anzuhäufen, ohne gleich jeden Konsumrausch mitzumachen und auf diese Weise sein Leben selbstbestimmt leben zu können unabhängig von diesen Marken und vor allem auch im Rentenalter finanziell unabhängig zu sein. Ich habe diese Phase längst erreicht und brauche weder Hemd oder Anzug von Boss (entweder man ist es oder man trägt es) noch ein i-phone, mit dem ich mich ständig beim verlernen der Konzentration weiter bilde und mich mit Unwesentlichem umgeben. Ich konzentriere mich auf die wesentlichen Dinge des Lebens, von denen Sie in Ihrem Artikel nur erahnen lassen, welche es sein könnten. Viel Spaß bei der Nachahmung!

Account gelöscht!

25.07.2012, 03:23 Uhr

Wer ein Produkt wie ein i-Phone kauft, obwohl es technisch gleichwertige Produkte gibt, die nur ca. 60-70% kosten, hat entweder zu viel Geld oder zu wenig Ahnung.
Mein Samsung Galaxy setze ich selbstverständlich als Freiberufler von der Steuer ab.

aha

25.07.2012, 05:50 Uhr

"Anständig ist es nämlich durchaus, Reichtümer anzuhäufen, ohne gleich jeden Konsumrausch mitzumachen und auf diese Weise sein Leben selbstbestimmt leben zu können unabhängig von diesen Marken und vor allem auch im Rentenalter finanziell unabhängig zu sein."


Ach wirklich?
Finanzielle Freiheit wird ja von vielen angestrebt, und heißt allerdings nichts anderes, als dass Selbige von ihren Zinsen leben wollen. Dieser Gewinn ist jedoch jemand Anderes Verlust, und muss von Anderen zusätzlich erarbeitet werden. Und zwar weltweit. Ihr Gewinn ist der Verlust Anderer. Und das finden Sie anständig?
Diese Anderen sind eben genau die Minderjährigen 80-Stunden-Arbeiter, die woanders auch Ihr Samsung oder Nokia zusammenbauen müssen.

Solange Ihre Investitionen und Anlagen nicht nachweislich Nachhaltig sind, kann ich Sie nur zu Ihrer Lebenslüge beglückwünschen, Sie Anstandsbolzen.

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