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15.12.2013

09:50 Uhr

Der Werber-Rat

Der Europa-Traum

VonBodo Hombach

In Kiew demonstrieren Hunderttausende den Europa-Traum. Ein Geist, den wir unachtsam verschüttet haben, lebt. Europa sollte aufwachen und sich seiner ausgleichenden Fähigkeiten erinnern.

Pro-EU Demonstranten gehen in Kiew auf die Straßen. Jetzt liegt es an Europa, ausgleichend zu agieren. Doch Pflege des russisch-europäischen Dialogs sieht anders aus. dpa

Pro-EU Demonstranten gehen in Kiew auf die Straßen. Jetzt liegt es an Europa, ausgleichend zu agieren. Doch Pflege des russisch-europäischen Dialogs sieht anders aus.

Man reibt sich die Augen. Alt-Europäer des Westens grübeln melancholisch über die Zukunft des Jahrhundertprojekts Europa. In Kiew demonstrieren Hunderttausende den Europa-Traum. Ein Geist, den wir unachtsam verschüttet haben, lebt. Das große Integrationswerk steht auf der Agenda. Inmitten schlechter Stimmungen wie Spardiktat, Zerfallserscheinungen, populistischen Fliehkräften und hinter Drohkulissen wie Finanz-, Wirtschafts- und Währungskrise taucht das Europa auf, das Gründerväter erträumt haben.

Nachkriegsgenerationen haben den Frieden im Kopf. Den Wert von Freiheit und Rechtsstaat haben die mit Erfahrungen östlich des „Eisernen Vorhangs“ auch im Herzen. Europa war und ist ein Kontinent der Gegensätze. Egal, was einer darüber sagt, es stimmt immer, irgendwie und irgendwo. Es gibt wachsenden Widerstand gegen die Regelungswut der Brüsseler Bürokraten. Zugleich sind die EU-Bürger mit großer Mehrheit vom Wert der Einigung überzeugt.

Autor Bodo Hombach ist Jurymitglied für die Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises und Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

Autor Bodo Hombach ist Jurymitglied für die Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises und Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

Niemand, der seine Sinne beisammenhat, wünscht sich zurück in das Europa der Schützengräben. Populistische Trends stiften Schaden, scheitern aber letztlich an ihrer Eindimensionalität.

Trennungslinien laufen weniger zwischen Mitgliedstaaten, sondern mehr innerhalb nationaler Gesellschaften.

Im europäischen Familienstreit knallen Türen, aber keiner will ausziehen. Europa braucht mehr zusammenführende Argumente als das des wirtschaftlichen Nutzens.

Aber Vorsicht! Schon beeilen sich einige, den Wind der Ukraine auf falsche Mühlen zu leiten. Sie reiben sich theatralisch die Hände, dass Kiewer Demonstranten russischen Rückwärtsträumen die orangene Karte zeigen. Schadenfreude und hastige Einmischung erzeugten den Eindruck, der Aufstand würde instrumentalisiert. Ein Hauch von „Kaltem Krieg“ statt Pflege des europäisch-russischen Dialogs. Wandel durch Handel, Austausch und anständiger - auch sprachlicher - Umgang sind ein historisches Friedenskonzept. Europa sollte aufwachen und sich seiner ausgleichenden Fähigkeiten erinnern. Freiheitsrechte gelten übrigens nicht nur in Moskau und Peking, sondern auch im eigenen Haus und bei ziemlich besten Freunden.

Der Autor:

Bodo Hombach ist Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik und Vorstand der Brost-Stiftung. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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