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14.08.2012

06:59 Uhr

Der Werber-Rat

Der Sadismus der Krise

VonInes Imdahl

Der Erotik-Roman 50 Shades of Grey sorgt in den USA für Furore. Das ist kein Zufall: Sadismus und Masochismus haben in Umbruchzeiten Hochkonjunktur. Die entscheidende Frage lautet: Wer hat über wen und was die Kontrolle?

Das erste Buch der Erotik-Reihe „50 Shades of Grey" ist bereits als deutsche Übersetzung erschienen. dpa

Das erste Buch der Erotik-Reihe „50 Shades of Grey" ist bereits als deutsche Übersetzung erschienen.

Der angebliche Weltbestseller der britischen Autorin E.L. James „Fifty Shades of Grey" überrollt Deutschland. Bisher liegt nur der erste Band „Geheimes Verlangen" in deutscher Übersetzung vor, der zweite erscheint in Kürze. Dennoch ist in vielen Medien von geheimsten Entschlüsselungen der weiblichen Seele die Rede. Gerade starke und mächtige Frauen hätten, so die meisten Berichterstattungen, devote sexuelle Wünsche. Grund genug, einmal genauer hinzusehen.

Der erste Band zumindest lässt diese Schlussfolgerung nicht zu. Es handelt sich vielmehr um einen schriftstellerisch nicht einmal besonders herausragenden Erotik-Roman. Eine Jungfrau macht ihre ersten sexuellen Erfahrungen, zugegebenermaßen mit einem „sadistisch" dominanten Mann, trennt sich aber am Ende von ihm, weil ihr genau diese Neigungen zuwider sind. Mächtige, erfolgreiche Frauen, die dazu noch masochistisch veranlagt sind, kommen nicht vor. Umso spannender also, wieso Kultur und Medien die allgemeine Mär von mächtigen, aber heimlich devoten Frauen kolportieren.

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon.

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon.

Nach der Freud'schen Psychoanalyse ist der Sadismus eng mit einer entwicklungspsychologischen Zeit verknüpft, in der es um die Kontrolle der Körperausscheidungen geht. Er nennt dies die anal-sadistische Phase. Abstrahiert man von der engen Lebensphasenbindung, geht es beim Sadismus wie Masochismus immer um das Thema Kontrolle und Kontrollverlust.

Wer bestimmt über wen, wer lässt dominieren? Wie sehr haben wir uns selbst im Griff, wie sehr andere uns? Wie stark glauben wir, unsere Kultur bestimmen zu können? Und wie ausgeliefert fühlen wir uns zum Beispiel den Entwicklungen rund um die Euro-Krise?

Der Glaube, die Krise beeinflussen zu können, ihrer sogar Herr zu sein, ist noch immer fast unerschütterlich. Zu beängstigend ist die Vorstellung, die Kontrolle über die Finanzwelt zu verlieren. Kein Wunder, dass das Thema "Kontrolle" ein derzeit besonders relevantes ist. Der zunehmende Machtgewinn von Frauen bedeutet ebenfalls einen "Umbruch". Jede Veränderung aber geht mit Unwägbarem und Unkontrollierbarem einher.

Je erfolgreicher Frauen sind, desto häufiger lösen sie Angst aus - und sei es nur, weil sie die Veränderung symbolisieren. Ihnen devote und unterwürfige Neigungen zu unterstellen hilft, die Frauen wieder „unter Kontrolle" zu bekommen. Und die Frauen selbst stellen sich gern in diesen „Schatten". Um nicht so angsteinflößend zu wirken, machen sie sich selbst oft „grauer", als sie sind.

Die Autorin:

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon. Sie ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare (1)

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das_Verlangen

14.08.2012, 07:37 Uhr

Also eine Steigerung von sadomasochistischen Tendenzen im sexuellen Repertoire mit der Krise in Verbindung zu bringen, ist schon ein Spagat. Das dann entwicklungspsychologisch zu erklären mit der analen Phase, zeigt zwar, dass man mit den Theorien einigermassen vertraut ist, aber die anale Phase, so wie Freud sie definiert hat, besteht auch ohne Krise. Und das Verhalten der Erziehungspersonen dürfte sich nicht so verändert haben, dass es einen wesentlichen Impakt auf die Entwicklung gehabt haben kann. Zumindest da die Krise ja dann schon vor 30 Jahren Effekte haben hätte sollen.

Somit bleibt das Verlangen und der Wunsch nach vollkommener Hingabe in Kombination mit einer sexuellen Moral, die durch Entabuisierung immer mehr die Grenzen verlegt, weil es das Verbot ist, das Lust schafft. Wenn es dieses Verbot nicht gibt, dann wird es langweilig und werden Grenzen verlegt, bis man halt wieder was Verbotenes tut und somit Lust empfindet.
Mir tun die zukünftigen Generationen leid.

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