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23.07.2014

20:36 Uhr

Der Werber-Rat

Die beste Verkäuferin der Welt

Liegt die Rettung des vom Online-Wettbewerb unter Druck gesetzten Einzelhandels vielleicht auf einem kleinen Bauernmarkt in Frankreich? Ein Urlaubserlebnis legt diesen Schluss nahe.

Eine Verkäuferin sortiert ihren Hofladen: „Das Entscheidende: Wir hatten nie das Gefühl, kaufen zu müssen. Stattdessen bedauerten wir, nicht kaufen zu können, denn wir erfuhren echtes Mitgefühl“ dpa

Eine Verkäuferin sortiert ihren Hofladen: „Das Entscheidende: Wir hatten nie das Gefühl, kaufen zu müssen. Stattdessen bedauerten wir, nicht kaufen zu können, denn wir erfuhren echtes Mitgefühl“

Mein Kolumnen-Kollege vom Dienstag, Armin Jochum, schrieb hier kürzlich in einem wunderbaren Beitrag über sein Wasserspiel aus Bubenreuth, die beste Werbung sei „immer noch ein liebevollst hergestelltes Produkt“.

Mir fällt dazu ein noch recht frisches Erlebnis aus dem Urlaub ein. Meine Frau und ich schlenderten am Rande des Provence-Dörfchens Velleron über den allabendlichen Marché agricole - einen Bauernmarkt, auf dem die Einheimischen ihrer Leidenschaft für gutes Essen nachgehen. Unser Beuteschema: Leckereien für ein Picknick. Nach 20 Minuten - wir hatten eigentlich schon mehr als genug fouragiert - kosteten wir an einem Stand selbst gemachte Gänseterrine. Kenner französischer Bauernmärkte ahnen es: Sie war gar köstlich.

Torben Bo Hansen ist Mitinhaber der Agentur Philipp und Keuntje.

Der Autor

Torben Bo Hansen ist Mitinhaber der Agentur Philipp und Keuntje.

Mein Repertoire an Gestensprache reichte gerade aus, um auf die kleinste Dose zu deuten. Traurigkeit legte sich über die zuvor lebhaften Gesichtszüge der jungen Bäuerin am Stand. Nach einigem Radegebreche verstand ich die Ursache: Die kleine Dose enthielt Gänseleber - die gewünschte Terrine gab es nur in sehr viel größeren Portionen, definitiv zu viel für ein Picknick zu zweit. In den folgenden fünf Minuten suchte die stolze Produzentin unermüdlich nach Wegen, unseren Appetit auf Gans doch noch angemessen zu stillen. Ob nicht etwa ein schönes Confit d’oie infrage käme? Bedauernd schüttelten wir die Köpfe: Die zwei Gänsekeulen wären allein eine komplette Mahlzeit gewesen. Vielleicht doch die Stopfleber? Nein? In einer Tour hellten sich ihre Gesichtszüge auf oder umwölkten sich - je nachdem, ob sie gerade eine neue Idee hatte. Oder diese bei uns durchfiel.

Das Entscheidende: Wir hatten nie das Gefühl, kaufen zu müssen. Stattdessen bedauerten wir, nicht kaufen zu können, denn wir erfuhren echtes Mitgefühl - fast Mitleid -, weil wir nicht in den Genuss ihrer Produkte kommen würden. Was könnte mehr Überzeugungskraft entfalten als diese ehrliche Freude am eigenen Sortiment!

Liegt in dieser Erfahrung nicht auch ein Ansatz für manchen vom Online-Wettbewerb unter Druck gesetzten Händler? Die Kombination aus Beratungs- und Begeisterungsqualität könnte ein echtes Pfund sein. Eins ist sicher: Beim nächsten Besuch in Velleron bringen wir eine große Kühlbox mit.

Der Autor: Torben Bo Hansen ist Mitinhaber der Agentur Philipp und Keuntje.

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