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12.08.2013

16:05 Uhr

Der Werber-Rat

Die Doppelmoral des Dopings

VonInes Imdahl

Die Aufregung ist groß, seit klar ist, dass auch im Westen gedopt wurde. Dabei fehlt die Einsicht: Leistungssport wird in Deutschland nicht ernsthaft gefördert. Also ist es nicht verwunderlich, wenn Medaillen ausbleiben.

Doping-Kontrolle beim Fußball: Da sich Geld und Ruhm nur durch immer weitere Leistungssteigerungen einstellen, ist der Weg zum Doping vorprogrammiert. dpa

Doping-Kontrolle beim Fußball: Da sich Geld und Ruhm nur durch immer weitere Leistungssteigerungen einstellen, ist der Weg zum Doping vorprogrammiert.

Weder Breiten- noch Leistungssport wird in Deutschland ernsthaft gefördert. Bereits in den Grundschulen gibt es oft nicht mehr als ein bis zwei Stunden Sport pro Woche. An weiterführenden Schulen sieht es noch schlimmer aus. Da die Anzahl der Wochenstunden seit Einführung der G8 oft an die eines erwachsenen Arbeitsalltags heranragt, bleibt kaum Zeit für Freizeit- und Vereinssport. Spaß an der Bewegung oder am gemeinsamen aktiven Spiel erfordert Freiraum und Förderung. Beides haben Kinder nicht.

Dabei ist nachgewiesen, dass Konzentration und Aufnahmefähigkeit steigen, wenn sich Kinder sportlich betätigen. Stattdessen sollen sie still sitzen und Höchstleistungen bringen. Paradox.

Genauso ist es im Leistungssport. Deutschland will immer vorn mitmischen. Beim Fußball sowieso. Tennis wird für uns erst interessant, wenn ein deutscher Spieler im Endspiel steht. Und beim Medaillenspiegel der olympischen Spiele akzeptieren wir bestenfalls die USA und China vor uns. Im Vergleich zu anderen Ländern sollen unsere Sportler aber ohne ernsthaften Schulsport und ohne ernsthafte Sportförderung ganz oben auf das Treppchen gelangen. Und ohne Aussicht, mit Ausnahme des Fußballs, von ihrem Sport leben zu können, solange sie nicht mindestens eine Medaille gewonnen haben. Das ist unmöglich. Und da sich Geld und Ruhm nur durch immer weitere Leistungssteigerungen einstellen, ist der Weg zum Doping vorprogrammiert.

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon.

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon.

Weil wir insgeheim alle jährlich neue Bestmarken erwarten, wird zugelassen, dass „erfolgreiche“ Trainer der ehemaligen DDR weiter beschäftigt werden. Empört wird sich erst, wenn auch für die Bestleistungen des westlichen Deutschlands Doping nachgewiesen wird. Wie es scheint, ist das Öffentlich-Werden dabei fast schlimmer als das Doping selbst.

Die Doppelmoral des Bildungs- und Fördersystems wird letztlich nicht zu weniger Doping, sondern nur zu raffinierteren Verschleierungsstrategien führen.

Erst wenn in Schulen Sport den gleichen Stellenwert hat wie Mathe und Deutsch und viel mehr Sportler von ihrem Beruf leben können, macht eine Doping-Diskussion wieder Sinn. Bis dahin bleibt sie Makulatur.

Die Autorin:

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon. Sie ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare (1)

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Dissection

12.08.2013, 16:25 Uhr

Es ist wirklich hanebüchen den zweifellos zu gering geschätzten Schulsport mit fehlenden Medaillen in einen Topf zu werfen. Leistungssport ist eine ganz andere Kategorie als Schul- oder Breitensport. Sport wird in Deutschland gefördert, mit einer Vereinslandschaft samt steuerlicher Förderung und vielen weiteren Dingen. Die Medaillen kommen ja nicht aus dem Nichts. Die These fehlende finanzielle Ausstattung würde zu Doping führen, ist ebenfalls lachhaft. Gedopt wird im Leistungssport immer, solange es so gut wie nicht nachweisbar, leicht zu bekommen und leistungssteigernd ist. 1-2% mehr Leistung machen doch schon den uneinholbaren Vorsprung auf dem Niveau. Warum wird gedopt? Es hat nichts mit dem Geld zu tun. Den Leuten wird eingeredet, dass so eine ****** Medaille es wert wäre die Gesundheit zu ruinieren. Das ist doch das Problem: die unglaubliche Verherrlichung und Romantisierung von modernen Gladiatorenkämpfen, die für nichts den Körper verbrauchen.

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