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10.10.2013

22:00 Uhr

Der Werber-Rat

Die große Angst vor der Zukunft

VonUli Mayer-Johanssen

Steigender Leistungsdruck, unsichere Perspektiven und ein verändertes Familienbild stellen viele Unternehmen vor Probleme. Doch Herausforderungen an das Betriebsklima können auch eine Chance sein.

Die Kosten aufgrund psychischer Erkrankungen steigen. Immer größere Belastungen am Arbeitsplatz sind auch eine Herausforderung für Arbeitgeber. dpa

Die Kosten aufgrund psychischer Erkrankungen steigen. Immer größere Belastungen am Arbeitsplatz sind auch eine Herausforderung für Arbeitgeber.

Etwa 29 Milliarden Euro, so schätzt das Statistische Bundesamt, betragen die Krankheitskosten aufgrund psychischer Erkrankungen. Steigende Anforderungen am Arbeitsplatz, die Suche nach Orientierung und die zunehmende Komplexität unseres Alltags ergeben nicht selten ein unheiliges Gemisch, das uns gefühlt immer weiter von dem entfernt, was Menschen Zuversicht schenkt und glücklich macht.

Nicht nur der demografische Wandel verschärft den Kampf um kompetente und motivierte Mitarbeiter. Nicht selten leiden gerade jene Menschen, die in den Unternehmen extrem motiviert und engagiert sind, am meisten unter dem kontinuierlich steigenden Leistungsdruck und den Folgen für die Unternehmenskultur.

Uli Mayer-Johanssen ist Gründerin und Chefin der Markenagentur Meta-Design in Berlin.

Uli Mayer-Johanssen ist Gründerin und Chefin der Markenagentur Meta-Design in Berlin.

Menschen lieben bekanntlich keine Veränderungen, außer sie führen sie selbst herbei. Insbesondere unsere Vorstellung von persönlicher Freiheit, dem Wunsch nach Entfaltungsmöglichkeit und Selbstbestimmtheit verschärfen den Konflikt mit unserem Selbstverständnis und den tatsächlichen Anforderungen einer zunehmend fremdbestimmten unübersichtlicher werdenden Welt.

Und so lassen Freiheits- und Entfaltungsdrang auf der einen Seite und die persönlich empfundene Unfreiheit auf der anderen Seite die Kluft immer größer werden. Wie so oft hat am Ende eben alles seinen Preis. Die zunehmende Digitalisierung bietet nicht nur ein Mehr an Lebensqualität und Freiheit. Mehr Möglichkeiten, mehr Gestaltungsfreiheit werden plötzlich zu viel, zu unpersönlich, zu komplex. Identifikation und Orientierung sind gefragt, wenn nichts mehr trägt, was gestern noch Halt bot.

Insbesondere engagierte Mitarbeiter sind stark darauf angewiesen, sich mit dem Unternehmen identifizieren zu können. Wie bemerkte der Psychologe Gustav Buck in einem Gespräch vor kurzem so schön: "Was bei der Immobilie die Lage, die Lage, die Lage ausmacht, bedeutet im Unternehmen Betriebsklima, Betriebsklima, Betriebsklima." Und Betriebsklima heißt Kommunikationsqualität mit Vorgesetzten, mit Kollegen und mit Kunden. Und so fragt man sich in Anbetracht der rasant steigenden Distanziertheit und Orientierung am Funktionalen, wo bleibt das Menschliche, wo bleiben Bedürfnisse und Respekt?

Unternehmen müssen sich mit diesen Fragen auseinandersetzen, um auch morgen noch beantworten zu können, warum Mitarbeiter bleiben, junge Potenziale kommen und Kunden Produkte und Dienstleistungen attraktiv finden sollen. Was für eine Chance für jene Unternehmen und Marken, die dies erkennen und zu nutzen wissen und der Angst vor der Zukunft keine Chance geben.

Die Autorin:

Uli Mayer-Johanssen ist Gründerin und Chefin der Markenagentur Meta-Design in Berlin. Sie ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare (4)

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Justizius

11.10.2013, 09:25 Uhr

Tolle Leistung unserer vielfach lediglich auf Kosten und Umsätze fixierten Super-Manager der Deutschen Wirtschaft nach über 60 Jahren Bundesrepublik Deutschland erkannt zu haben, dass eine permanente "Arbeitsverdichtung" (schöner verniedlichender Begriff!) die Mitarbeiter über kurz oder lang in ihrer Leistung eher hindert und krank macht, als dass irgend etwas Positives daraus resultierte.

Prima wäre es, wenn diese Hornochsen und Vollidioten der Deutschen Wirtschaft (Geschäftsführer und Vorständler) wieder die Wirtschaftsschulen besuchen würden. Dann würden sie nämlich in der 1. Stunde Personalwirtschaftslehre mit magischen Begriffen wie Personalbedarfsrechnungen in Berührung kommen. Aber das kostet ja Zeit und Geld und das wollen diese Leute nicht investieren.

Man könnte die seit Jahren in der Deutschen Wirtschaft betriebene HR-Doktrin mit den unschönen Worten "Vernichtung durch Arbeit" beschreiben. Anders ist die hohe Zahl ausgebrannter und psychisch kranker Mitarbeiter wohl kaum zu erklären.

Da ich als "Abfangjäger" brisanter Informationen des Öfteren in den Besitz belastenden Materials komme, weiß ich, dass es bereits seit den 1980er Jahren in den Wirtschaftsverbänden eine ausgesprochene Empfehlung gibt, die Mitarbeiter "vollzupacken" (O-Ton!).

Das heißt, dass Leute, die von zuhause mit edlen Tugenden wie Empathie und sozialer Kompetenz in keinster Weise ausgestattet sind, über das Arbeitsleben Anderer in negativer Form bestimmen.

Kein Wunder also, dass ein Gutteil der Mitarbeiter deutscher Arbeitnehmer an Erschöpfung und Depressionen leidet.

Account gelöscht!

11.10.2013, 09:46 Uhr

Sie sprechen mir aus dem Herzen und ich habe das ganze selbst erlebt. Da kommen diese Jungspunte von der UNI ohne Ahnung und meinen gut funktionierende Systeme umkrempeln zu müssen. Personalabbau und Angstkultur tuen den Rest. Auch bei mir in der Firma heißt es immer, wir möchten gut motivierte Mitarbeiter, aber man handelt grundsätzlich gegensätzlich. Gerade ältere Mitarbeiter haben hier ihre Schwierigkeiten, was diese Typen ebenfalls nicht begreifen und die jüngeren, weiblichen, Mitarbeiter retten sich evtl. über Schwangerschaften.
Wie heißt es so schön: "Wer Mitarbeiter führen will muss Menschen mögen". Diese Typen sind aber nur egoistisch und karrieregeil und gehen dafür über Leichen.

gamoschka

11.10.2013, 10:32 Uhr

Fü mich ist das kein Alters- oder Nationalitätenproblem, sondern eher eins der Organisationsgröße. Und die haben scheinbar auch ihre Vorteile, z.B. mehr Lohn. Wenn man Leute fragt, Daimler oder Krauter um die Ecke, was würden die meisten wählen? Egal ob Arbeitsteilung und standardisierte Prozesse und Zielvorgaben das Arbeitsleben öde machen. Der Wohlstand hat weder die Menschen noch das Leben besser gemacht. Dabei ist es heute und hier so einfach wie nie: Raus aus Babylon! Freiheit heisst leider auch immer Unsicherheit.

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