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09.07.2013

16:48 Uhr

Der Werber-Rat

Die Guten ins Töpfchen?

VonInes Imdahl

Edward Snowden hat mit seinen Enthüllungen über den US-Geheimdienst NSA Mut und Moral bewiesen. An beidem mangelt es uns Deutschen, weil wir ihm nicht Asyl gewähren - wie feige!

In Indien demonstrieren Menschen ihre Unterstützung für Snowden. Asyl haben ihm jetzt drei lateinamerikanische Staaten angeboten. ap

In Indien demonstrieren Menschen ihre Unterstützung für Snowden. Asyl haben ihm jetzt drei lateinamerikanische Staaten angeboten.

In Grimms Märchen Aschenputtel gibt es eine klare Trennung von Gut und Böse. Hier wissen sogar die Tauben, dass die Guten ins Töpfchen und die Schlechten ins Kröpfchen gehören. Unser Wertesystem hingegen scheint von Relativierungen geprägt. Edward Snowden hat Deutschland und anderen Ländern einen Dienst erwiesen. Er hat Mut und Moral bewiesen, die Abhörmachenschaften der NSA offenzulegen.

Aber wir leben in einer Welt, in der Mut und werteorientiertes Handeln nicht belohnt werden. Im Gegenteil. Ein Land nach dem anderen lehnt den Asylantrag von Snowden ab. Die Gründe dafür sind fadenscheinig und wohl auch feige. Natürlich will die Bundesregierung das Verhältnis zu den USA nicht gefährden.

Natürlich will umgekehrt die Opposition zumindest theoretisch, Snowden Asyl gewähren. Fraglich ist, ob sie das auch wollen würde, hätte sie die Regierungsverantwortung. Fragt man die Menschen auf der Straße, sind auch sie zwiegespalten.

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon.

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon.

Die Angst der Bundesregierung dürfte sich vor allem auf wirtschaftliche Konsequenzen beziehen. Vielleicht auch ganz allgemein auf eine Verschlechterung des Verhältnisses zur USA. Aber letztlich führt diese Angst dazu, dass wir Deutschen es mit dem moralischen Handeln wieder einmal nicht ganz so genau nehmen. Das Gute wird relativ.

Wir stellen lieber in den Vordergrund, dass die USA ein Rechtsstaat und eine Auslieferung Snowdens deswegen in Ordnung ist. Trotzdem zählen die USA zu den Ländern, in denen die Todesstrafe noch nicht vollständig abgeschafft ist. Snowden mag vielleicht nicht der Tod drohen, aber doch so massive Repressalien, dass Schutz zu gewähren gerechtfertigt ist.
Stattdessen muss Snowden den Preis für sein Handeln allein zahlen und neben seiner Freundin auch sein komplettes bisheriges Leben hinter sich lassen.
Den Preis für unmoralisches Handeln aber zahlen wir. Wir helfen Banken wie der Anglo-Irish-Bank, die sich über unsere Hilfe, ebenfalls durch Abhörprotokolle aufgedeckt, auch noch lustig macht. Ich finde es schwer, dieses Verständnis von Moral meinen Kindern zu erklären. So leicht wie bei den Tauben ist es mit den Guten und den Schlechten sicher nicht immer. Aber es ist viel zu leicht, sich so wie Deutschland aus der Verantwortung zu stehlen.

Die Autorin:

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon. Sie ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare (14)

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Account gelöscht!

09.07.2013, 17:16 Uhr

Voll einverstanden mit diesem Artikel, bei dem auch die Autorin Zivilcourage zeigt. Es ist in der Tat äußerst bedauerlich wie duckmäuserhaft sich nicht nur unsere Politik sondern auch das Bürgertum in Deutschland benimmt. Aber das muss das Elternhaus und die Schule lehren sich für das Recht einzusetzen und nicht immer wieder kleinbei geben
und sich dumm stellen. Auch die Medien sind keinesfalls Helden und schwimmen lieber mit der Strömung um eben ja nicht anzuecken.

Account gelöscht!

09.07.2013, 17:57 Uhr

Dies ist zu einfach dargestellt. Problem ist, die Regierung arbeitet offensichtlich in einem ziemlich rechtsleeren Raum. Sie sollte die Interessen der Buerger vertreten, aber was die "Interessen der Buerger" sind, legt sie nicht selten selber fest. Und somit beginnt der "rechtsleere Raum", den man leicht abschaffen koennte, wenn man nur wollte und die Buerger oefters befragen wuerde.

Die Schweiz und teilweise Oesterreich sind da zum Beispiel wesentlich weiter. Aber dies scheint so bei uns nicht gewollt. Die Frage WARUM waere berechtigt, aber wird nie WIRKLICH ERNSTHAFT gestellt. Warum eigentlich nicht???

RobertP

09.07.2013, 18:09 Uhr

Das Beispiel Snowden lehrt vor allem eines: Anstand, Ehre und Stolz oder auch Moral, Ethik und Solidaritaet, Patriotismus wem's schmeckt, sind Opium fuers Volk: dazu geeignet Massen vom Wahren, Schoenen und Guten zu begeistern. Eliten kennen nichts davon, sind frei von allem was bindet: Wer eben noch Subventionen eingestrichen hat und offene Kommunikation als Unternehmenskultur vertritt, verlagert das Handywerk ins Ausland und laesst es die Belegschaft aus der Presse erfahren. Der saudische Koenig schuettelt mit Westerwelle freundschaftlich Haende und speist mit Angela Merkel, ganz ohne Vorbehalt. Franzoesische Vorzeigeschauspieler lassen sich in Russland einbuergern wenn die Steuern zu hoch werden. Amerikanische Kongressabgeordnete wuerden ihre eigenen Kinder nur ueber ihre Leiche in Einsaetze senden, die sie selbst beschlossen haben und britische Politiker schimpfen ueber Pluenderer und lassen sich auf Staatskosten Privathaueser sanieren und luxurioes ausstatten.
Da ist es nur selbstverstaendlich, dass wirtschaftliche und politische Interessen einem kleine-Leute-Held vorgehen. Alles andere ist "Gedoehns".

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