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10.12.2012

08:14 Uhr

Der Werber-Rat

Die Komplexitätsfalle

VonBodo Hombach

Unsere Welt leidet unter wuchernder Komplexität. Behörden, Konzerne, das Finanzsystem sind Gebilde, deren Komplexität jedes menschliche Maß überschreitet. Ein Plädoyer für mehr Einfachheit.

Ein Wirrwarr an Feuerwehr-Schläuchen. ap

Ein Wirrwarr an Feuerwehr-Schläuchen.

Werbung tut gut. Nicht nur dem Umsatz, auch dem frei laufenden Konsumenten. Sie liefert, wonach er sich sehnt: Einfachheit, Klarheit, Übersichtlichkeit.

Autor Bodo Hombach ist Jurymitglied für die Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises und Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

Autor Bodo Hombach ist Jurymitglied für die Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises und Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

Unsere Welt leidet eher unter wuchernder Komplexität. Jüngst sprach einer von der „Komplexitätsfalle“, in die wir geraten sind. Führungskräfte nicht ausgeschlossen. Kleine Steuerungsimpulse lösen Kaskaden von Folgen aus, die ihrerseits unentwirrbar miteinander interagieren. Die Regelwerke schwellen an. Gesetzesbündel, die uns um die Ohren fliegen, werden von keinem Menschen mehr durchschaut.

Schlimm genug, aber es kommt noch schlimmer: Es gibt Komplexitätsgewinnler. Sie machen aus der Chaostheorie ein lohnendes Interessenmodell. Sie verwirren zusätzlich die Entscheidungsbäume, lenken unerwünschte Projekte gegen die Wand oder vernebeln dubiose Praktiken, so dass niemand ihre Gefährlichkeit erkennt.

Der „Souverän“ soll nicht wissen. Er soll glauben. Man verspricht ihm nicht Aufklärung, sondern Erlösung. Der Experte wird zum Hüter verheißungsvoller Geheimnisse. Der Kunde bleibt treu, selbst wenn er enttäuscht wurde. Allein zu sein, ist ihm das schlimmere Gefühl. Behörden, Konzerne, das internationale Finanzsystem sind Gebilde, deren Komplexität jedes menschliche Maß überschreitet. Sie steuern sich über statistische Wahrscheinlichkeiten.

Bundespräsident Joachim Gauck beklagte mangelndes Fehlerbewusstsein der Wirtschaft. Analoges gilt für die Politik.

Könige hatten ihren Hofnarren. Der drückte zuweilen mit einem gewagten Scherz auf die Reset-Taste. Heutige Politik braucht mehr wissenschaftliche Beratung. Trotz mancher Wunden aus früheren Missverständnissen: Es lohnt sich, an einem Tisch zu sitzen und einander zuzuhören, und bessere Wege zu finden.

Die Nach-Denker können den Vor-Denkern gute Dienste leisten, allerdings nicht mit abstrakten Theorien, sondern mit gesicherten Erkenntnissen und prägnant formuliertem Handlungswissen. Einfachheit ist nicht automatisch falsch. Für Finanzminister genügen beispielsweise schon zwei elementare Erkenntnisse: Erstens, von nix kommt nix, und zweitens, gib nicht ständig mehr aus, als du einnimmst!

Der Autor:

Bodo Hombach ist Hochschullehrer und ehemaliger WAZ-Chef. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare (3)

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FoCS

10.12.2012, 11:40 Uhr

Sehr richtig!

Leider stecken die Komplexitätsgewinnler vor allem in den unproduktivne Branchen:

- Bei den Rechtsanwälten und Richtern, weil die Gesetzgebung so komplex und nicht konsistent ist.
- Bei Steuerberatern und Finanzbeamten, weil die Steuergesetzgebung komplex ist.
- usw usf.

merxdunix

10.12.2012, 11:53 Uhr

Es ist wirklich überfällig, sich den Auswüchsen der Komplexität mal anzunehmen. Schade, dass Herr Hombach das Thema durch Oberflächlichkeit gleich wieder vom Tisch wischt. Wie kommt er dazu, gerade die Werbung als Maßstab der Einfachheit heranzuziehen, als ob sie Klarheit und Übersichtlichkeit verbreitet?! Man könnte meinen, er kann es nicht besser oder er darf es nicht. Die Werbung bedient sich doch viel mehr salopper Lügen, die über Komplexität und die daraus folgende Abhängigkeit hinweg täuschen sollen. Und während dem Leser mit dem Hinweis auf die Komplexitätsgewinnler gerade ein Licht aufgeht, bläst es Herr Hombach mit seinem Fazit, dass die Politik mehr wissenschaftliche Beratung annehmen sollte, gleich wieder aus. Wo bleibt also sein Plädoyer?!
Wenn man Einfachheit in der Politik haben will, dann sollten sich die Politiker doch eher weniger wissenschaftlich beraten, Information genügt. Und vor allem sollten sie sich vor Theorien schützen. Es gibt genug einfache, aber wiederholt bewiesene und bewährte Wahrheiten, an denen man sich als Politiker aber vor allem als Verbraucher orientieren kann. Diese sind umgangssprachlich unter dem Begriff des gesunden Menschenverstandes zusammengeführt. Wer sich aber dessen bedient, braucht keine Politiker, der braucht nur andere gesunde Menschen. Nur kommt man damit auch dem Problem auf die Schliche. Nicht nur gewinnsüchtigen Chaostheoretikern entgeht mit der Einfachheit die Existenzgrundlage, sondern auch den Politikern und in Anbetracht des Artikels vermutlich sogar dem Herr Hombach.
Der gesunde Menschenverstand hat leider keine Lobby. Er bekommt aber zu unserem Glück in der letzten Instanz immer Recht.

Numismatiker

10.12.2012, 12:06 Uhr

@FoCS

Nicht zu vergessen:

- Politiker, die ohne neue, noch komplexere Gesetze sich einen ehrlichen Beruf suchen müßten

- Betriebswirte im mittleren Management, die ohne komplexe Firmenstruktur keine Daseinsberechnigung hätten

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