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21.06.2012

14:03 Uhr

Der Werber-Rat

Die Olympischen Spiele der Werbung

VonStefan Kolle

Cannes ist das größte und wichtigste Werbefestivals in der Welt. Dieses Jahr wird der Wettbewerb von Einsendungen geradezu überschüttet - ein goldener Cannes-Löwe zählt mehr als jede andere Trophäe.

Cannes 2012. Kolle Rebbe GmbH

Cannes 2012.

Werbeleute sind eitel, brauchen Anerkennung für ihre Arbeit, Applaus von anderen Werbeleuten, sie wollen im Scheinwerferlicht stehen und das Gefühl, einen Oscar gewonnen zu haben. Und Werbeleute lieben große Partys. So weit die menschliche Sicht auf Cannes. Jetzt die geschäftliche:

Werbeagenturen lechzen nach Kreativpreisen. Denn wer viele Preise gewinnt, steht ganz oben in den Kreativrankings. Und wer ganz oben im Ranking steht, der bekommt mehr Anfragen von potenziellen Neukunden, die sich an den Rankings orientieren.

Cannes ist das größte und wichtigste von über 100 Werbefestivals in der Welt. Ein goldener Cannes-Löwe zählt mehr als jede andere Trophäe. Erstmals fand das schillernde Festival 1954 statt. Damals sollte es den Werbefilm im Kino fördern. Und es gab nur diese eine Kategorie. Die Werbefilme dauerten 60 Sekunden oder sogar länger. Anschließend gab es die berühmte Cannes-Rolle - die Sammlung der tollsten Werbespots der Welt, die über Jahre im Kino gezeigt wurde. So war das einmal.

Heute werden in Cannes alle möglichen Werbedisziplinen ausgezeichnet: Filme, Anzeigen, Plakate, Funkspots, Designs, Promotions, Mailings, PR-, Mobile- und Online-Ideen und - ganz neu - "Branded Content & Entertainment". Das alles wird in Hunderte von Unterkategorien aufgeteilt, vom Casting über Musik bis zur besten Farbabstimmung.

Stefan Kolle ist Geschäftsführer der Agentur Kolle Rebbe.

Stefan Kolle ist Geschäftsführer der Agentur Kolle Rebbe.

Für alles gibt es einen Preis. Jede zusätzliche Kategorie generiert neue Einsendungen. Vor allem aber: neue Einsendegebühren. Pro Arbeit sind zwischen 300 und 1 200 Euro fällig. Dieses Jahr gab es über 34 000 Einsendungen - rund 20 Prozent mehr als im Vorjahr.

Das Festival ist unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten der größte Gewinner. Nach Abzug aller Kosten liegt der geschätzte Reingewinn 2012 bei über zehn Millionen Euro. Kein schlechtes Geschäft für den Veranstalter, das britische Medienhaus Emap (FHM, Kiss), das vor acht Jahren die Show für 80 Millionen Euro gekauft hat. Ein Coup, auf den deutsche Verlagshäuser sicher neidisch sein können.

Deutschland schickt als drittgrößter Einsender nach den USA und Brasilien Arbeiten für circa eine Million Euro ein. Ein Festivalpass kostet noch mal rund 3 000 Euro. Da fällt es kaum ins Gewicht, wenn das Bier (0,2 l) abends in der Martinez Bar zwölf Euro kostet. Der eine Werber braucht fünf davon, um seine Freude über einen Löwen zu begießen. Der andere, um den Frust des Nichts-Gewinnens, gepaart mit den hohen Einsendegebühren, wegzuspülen.

Der Autor:

Stefan Kolle ist Geschäftsführer Kreation der Agentur Kolle Rebbe in Hamburg. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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