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09.10.2015

19:09 Uhr

Der Werber-Rat

Dieselgate – nichts bleibt, wie es ist

VonChristoph Metzelder

Nicht nur der VfL Wolfsburg profitiert massiv vom Geld des Volkswagen-Konzerns, VW engagiert sich quer durch die Bundesliga. Nach dem Abgasskandal wird sich das nun allerdings ändern. Eine Chance für andere Autobauer.

Dass Volkswagen nach dem Abgasskandal sein Sponsoring in der Bundesliga zurückfahren dürfte, eröffnet anderen Autobauern neue Möglichkeiten. AFP

VW und die Bundesliga

Dass Volkswagen nach dem Abgasskandal sein Sponsoring in der Bundesliga zurückfahren dürfte, eröffnet anderen Autobauern neue Möglichkeiten.

Mit den Worten „Wir drehen jeden Stein um“ stellte der neue VW-Chef Matthias Müller vor wenigen Tagen das Sportsponsoring infrage. Als ich nach der Demission von Winterkorn über Facebook die Prognose wagte, dass dies massive Auswirkungen auf das Sportsponsoring haben könnte, waren die Reaktionen unterschiedlich. Von Schadenfreude über die Folgen für den VfL Wolfsburg über Sorge um den Konzern und seine Jobs bis hin zu völligem Unverständnis.

VW sei nur einer von vielen Sponsoren, und Entscheidungen über Sponsoring in Millionenhöhe sei keine One-Man-Show. Mit Sicherheit nicht. Wie überall heißt es jedoch auch in Wolfsburg: Einer – oder einige wenige – geben die Strategie vor!

So könnte VW die „Dieselgate“-Kosten schultern

Kann sich der Konzern das leisten?

Der Abgas-Skandal kratzt nicht nur am Image des Volkswagen-Konzerns - er dürfte vor allem sehr teuer werden. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Kosten des Skandals und wie VW sie stemmen könnte.

Quelle: dpa

Mit welchen Kosten muss VW rechnen?

Darüber rätseln Beobachter derzeit. Bislang bekannt ist: Volkswagen hat 6,5 Milliarden Euro für Kosten aus dem Abgas-Skandal zurückgelegt. Das Geld ist aber wohl in erster Linie für eine technische Umrüstung der Autos mit Manipulations-Software bestimmt, wie Finanzchef Hans Dieter Pötsch laut dem Fachblatt „Auomobilwoche“ kürzlich vor VW-Managern erklärte. Unklar ist, welche Strafzahlungen auf VW zukommen. Dazu dürften noch mindestens drei andere mögliche Kostenblöcke kommen: Strafzahlungen, Schadenersatzforderungen, Anwaltskosten. Wie hoch diese Ausgaben sein werden, lässt sich derzeit nur grob schätzen. Die Landesbank Baden-Württemberg rechnet derzeit mit einem Schaden von 47 Milliarden Euro für den Konzern. Ein möglicher Imageverlust und damit verbunden ein Rückgang der Autoverkäufe ist dabei noch nicht eingerechnet. Allerdings werden die Kosten wohl nicht auf einmal anfallen, sondern sich über Jahre verteilen.

Wie viel Geld hat VW auf der hohen Kante?

Vergleichsweise viel. VW hat sich in den vergangenen Jahren ein stattliches Kapitalpolster zugelegt. Zur Jahresmitte hatte der Konzern rund 18 Milliarden Euro Bargeld auf dem Konto. Das ist mehr als ganze Dax-Konzerne wie Adidas oder Lufthansa einzeln an der Börse wert sind. „Über den Daumen gepeilt kann VW davon die Hälfte verwenden, um mögliche Kosten zu begleichen“, sagt Nord-LB-Analyst Frank Schwope. Dazu kommen bei VW noch schnell veräußerbare Wertpapiere über 15 Milliarden Euro und Schätzungen zufolge mindestens 5 Milliarden Euro aus dem Verkauf der Beteiligungen am ehemaligen Partner Suzuki und an einer niederländischen Leasingfirma.

Könnte VW durch den Abgasskandal pleitegehen?

Das ist sehr unwahrscheinlich. VW könnte sich über Anleihen und Kredite Geld leihen, auch wenn einige Ratingagenturen ihre Bewertungen der Kreditwürdigkeit des Konzerns zuletzt angepasst hatten. Wenn es irgendwann hart auf hart käme, könnte Volkswagen immer noch sein Tafelsilber verkaufen. Am einfachsten ließen sich wohl die Luxusmarken Bentley, Bugatti und Lamborghini aus dem Konzern herausnehmen. Nord-LB-Analyst Schwope schätzt den möglichen Verkaufserlös für die drei Marken und den Motorradhersteller Ducati auf 5 bis 10 Milliarden Euro. Durch einen Verkauf der Lastwagenbauer MAN und Scania ließen sich nach seinen Berechnungen sogar 30 bis 35 Milliarden Euro erzielen. Das wertvollste Juwel in der Sammlung, den Sportwagenbauer Porsche, dürften die VW-Anteilseigner kaum abgeben wollen.

Könnte sich Volkswagen über eine Kapitalerhöhung Geld besorgen?

Nur begrenzt. Eine Kapitalerhöhung - also die Ausgabe neuer Aktien - ist bei VW nicht so leicht wie in anderen Konzernen. Damit die Familien Porsche und Piëch sowie das Land Niedersachsen als Anteilseigner ihre Macht im Konzern nicht verlieren, darf sich deren jeweiliger Anteil an den Stammaktien nicht stark verringern. Vor allem Niedersachsen dürfte aber derzeit kaum ein Interesse daran haben, weitere Stammaktien zu kaufen und Geld in den VW-Konzern zu stecken. VW könnte deshalb wohl höchstens neue Vorzugsaktien ausgeben, das sind Aktien ohne Stimmrecht auf der Hauptversammlung des Konzerns. Laut Aktiengesetz darf die Zahl dieser Vorzugsaktien die Zahl der Stammaktien allerdings nicht übersteigen. VW könnte deshalb höchstens rund 114 Millionen neue Aktien ausgeben und damit auf Basis derzeitiger Kurse rund 11 Milliarden Euro einsammeln.

An welchen Stellen kann VW für die Bewältigung der Krise sparen?

In der Regel setzen Sparmaßnahmen bei großen Konzernen zuerst bei den Mitarbeitern an: Weniger Gehalt, Einstellungsstopps, bis hin zu Stellenstreichungen und Entlassungen. Bei Volkswagen wäre das allerdings nicht so einfach. Die Arbeitnehmervertreter haben in Wolfsburg deutlich mehr Macht als in anderen Konzernen. Einfacher wäre die Kürzung geplanter Investitionen. Hier hatte Volkswagen angepeilt, bis 2019 eine Summe von mehr als 100 Milliarden Euro in Standorte, Modelle und Technologien zu stecken. Laut Experte Schwope könnte VW hier den Rotstift ansetzen und so 2 Milliarden Euro jährlich sparen, vor allem bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Nur: Dann besteht die Gefahr, von der Konkurrenz abgehängt zu werden. Der Zeitpunkt wäre denkbar ungünstig - die Autoindustrie steht durch Digitalisierung und Elektroantriebe vor einem Umbruch.

Winterkorns Vorgänger Pischetsrieder reduzierte konsequent die Spendings nach dem Motto: Raus aus dem Fußball. Erst danach wurde massiv in die Spitze, aber vor allem auch Breite investiert. Damit ist eben nicht nur der VfL Wolfsburg gemeint, der kolportierte 80 Millionen Euro im Jahr erhält. Auch nicht der FC Bayern über die Konzerntochter Audi. VW gehört zu den mächtigsten Sponsoren im deutschen Fußball und engagiert sich in 17 Vereinen sichtbar und unsichtbar von Greuther Fürth über Schalke 04 bis zum DFB-Pokal.

Bei einer noch nicht zu kalkulierenden Schadenshöhe, wird nichts bleiben, wie es ist. Dabei steht auch das Sponsoring auf dem Prüfstand. Der Ansatz, die hochemotionale Sportart Fußball zu nutzen, um die eigenen Produkte aufzuladen, sollte sich nicht ändern. Aber: Eine Fokussierung auf die eigene Erfolgsstory VfL Wolfsburg und die europäische Top-Klub-Strategie mit Audi ist wahrscheinlich.

Die Bandenpräsenz in der halben Republik und Fuhrparks für Profimannschaften wird es künftig nicht mehr geben. Das heißt aber auch: Das kommunikative Territorium Fußball wird für andere Automarken wieder eröffnet.

Der Autor: Christoph Metzelder ist Mitinhaber der Agentur Jung von Matt/Sports.

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