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19.05.2014

21:36 Uhr

Der Werber-Rat

Europa und die Frau mit Bart

VonMarianne Heiß

Die Dragqueen Conchita Wurst ist über Nacht zu einer Marke geworden. Die ESC-Siegerin verwirrt und ist dennoch gut als Werbeträger geeignet. Welche Firma wird als Erste zuschlagen?

Conchita Wurst bei einem Auftritt in Wien: Sie wurde über Nacht zu einer Ikone, die als sehr charmante Entertainerin zeigt, dass uns in Europa ein einheitliches Wertesystem verbindet. ap

Conchita Wurst bei einem Auftritt in Wien: Sie wurde über Nacht zu einer Ikone, die als sehr charmante Entertainerin zeigt, dass uns in Europa ein einheitliches Wertesystem verbindet.

Die Maschine aus New York landet pünktlich, etwas müde komme ich in die Ankunftshalle des Wiener Flughafens. Dort: große Aufregung, eine Menschenmenge wartet, darunter viele mit auffällig geschminkten Gesichtern, überall Fotografen und Journalisten. Im Taxi, auf der Fahrt nach Hause, erfahre ich den Grund für den Trubel: Der erste Sieg für Österreich beim europäischen Songwettbewerb seit 1966. Conchita Wurst wird am Airport erwartet. Eine androgyne Kunstfigur, ein Mann als Frau mit Bart.

Felix Barba Austria. Ausgerechnet mein Land, das sich oft traditionell, konventionell und brav gibt, hat eine vollbärtige Dragqueen zum ESC geschickt - und gewonnen. Conchita, mit einem tollen Song, zugleich mit einer deutlichen Botschaft: gegen Homophobie, für Respekt, unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung und für Diversität.

Was mich auch noch gut eine Woche nach Conchitas ESC-Sieg beeindruckt: Sie wurde über Nacht zu einer Ikone, die als sehr charmante Entertainerin zeigt, dass uns in Europa trotz vieler Anfeindungen ein einheitliches Wertesystem verbindet: das der Toleranz. Das ermutigt sechs Tage vor der Europawahl, wo mitten im Wahlkampf leider wieder in vielen Ländern selbstgerechte, intolerante und nationalistische Parolen salonfähig werden.

Marianne Heiß ist Finanzchefin der Agentur BBDO Germany.

Marianne Heiß ist Finanzchefin der Agentur BBDO Germany.

Was mich als Österreicherin freut: Conchita Wurst, aufgewachsen als Tom Neuwirth im Salzkammergut, stellt so nonchalant chauvinistische Parolen bloß wie die des FPÖ-Chefs Heinz-Christian Strache, der tönt: „Liebe deinen Nächsten. Für mich sind das unsere Österreicher.“

Conchita sang und siegte und trat dabei liebenswürdig und souverän auf. Die Mehrheit Europas feiert sie , der Mann als Frau mit Bart ist über Nacht zu einer länderübergreifenden Marke geworden - wegen ihrer selbstbewussten, authentischen Attitüde.

Conchitas Song „Rise like a Phoenix“ wird schon bald vergessen sein. Aber nicht ihr dunkler Bart, der sie unterscheidet von vielen anderen Popstars, der zunächst verwirrt, der gleichsam für Vielschichtigkeit steht. Bleibt die Frage: Wann greifen die Werber zu? Welches Unternehmen wird Conchita zuerst als Testimonial einsetzen - etwa für Frauenkosmetik oder für Bartschneider oder am besten für beides?

Die Autorin:
Marianne Heiß ist Finanzchefin der Agentur BBDO Germany. Die Autorin ist eine von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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