Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.09.2013

21:06 Uhr

Der Werber-Rat

Filter- oder normaler Kaffee?

VonStefan Kolle

Jahrelang galt er als widerliches Überbleibsel bundesrepublikanischen Spießertums. Jetzt ist er zurück. Die Rückkehr des Filterkaffees verrät einiges über die Entstehung von Hypes.

Frisch gebrühter Kaffee wird am Prenzlauer Berg serviert. Filterkaffee ist so In, dass er schon so Out, dass er schon wieder In ist, schreibt unser Kolumnist. dpa

Frisch gebrühter Kaffee wird am Prenzlauer Berg serviert. Filterkaffee ist so In, dass er schon so Out, dass er schon wieder In ist, schreibt unser Kolumnist.

Als die freundliche Studentin hinterm Kaffeetresen auf der Internetkonferenz Republica fragte: „Filter- oder normaler Kaffee?“, war klar: Kaffee ist am Trendwendepunkt angekommen. Das ist der Punkt, an dem ein Produkt vom langweiligen Ladenhüter zum angesagten Hipster-Accessoire wird. Die Trendwende im Kaffeemarkt zeigt, man kann diesen Moment für wirklich jedes Produkt herbeiführen. Die einzige Voraussetzung: Das Produkt ist uncool. Vor einigen Jahren hat ein Bionade-Plakat, das am Prenzlauer Berg in Berlin hing, es so formuliert: So „In“, dass es schon wieder so „Out“ ist, dass es wieder „In“ ist.

Erinnern wir uns: Ende des letzten Jahrhunderts musste der deutsche Filterkaffee dem italienischen Kaffeegenuss-Diktat weichen. Vorbei die Zeit, als der „Kapputschino“ in Deutschland noch aus Filterkaffee mit Sprühsahne-Häubchen zusammengeschustert wurde. Bis in den letzten Winkel der deutschen Provinz breiteten sich Cappuccino, Espresso und Milchschaum aus.

Stefan Kolle ist Geschäftsführer der Agentur Kolle Rebbe.

Stefan Kolle ist Geschäftsführer der Agentur Kolle Rebbe.

Unter Latte Macchiato ging gar nichts, am besten noch „to go“ und mit „Low-Fat-Soya-Vanilla-Topping“. Dass die in Milch ertränkte Kaffeepfütze dem Italiener die Schuhe ausziehen würde — uns doch egal. Und Filterkaffee? Hahaha, schlimme Plörre, das hat höchstens die Oma noch getrunken, und draußen gibt’s nur Kännchen, höhöhö.

Woher kommt die Trendwende? Ganz einfach: Spätestens seit der bundesweiten Haushaltsabdeckung mit Kaffee-Pads und -Kapseln ist der einst für distinguierten Genuss stehende Italo-Kaffee langweilig. Wenn es in jeder Wohnküche guten Espresso gibt, was machen dann die Trendsetter, um sich von der öden Masse abzuheben? Sie besinnen sich auf das Manufactum-Prinzip: „Es gibt sie noch, die guten Dinge.“

Dass jetzt selbst Hochglanz-Klatschmagazine auf mehrseitigen Strecken Filterkaffee feiern, garniert von Kaufempfehlungen für Handfilter, Kaffeemaschine und Thermoskanne, zeigt, der Trend ist rasend schnell im Mainstream angekommen.

Was wohl als nächstes den Trendwendepunkt erreicht: Aerobic statt Yoga? Stulle schmieren statt Sushi? Oder gar Reklame statt integrierter Kommunikation? Warten wir’s ab. Erst mal einen Filterkaffee.

Der Autor:

Stefan Kolle ist Geschäftsführer Kreation der Agentur Kolle Rebbe in Hamburg. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare (5)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Christian

12.09.2013, 12:50 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Christian

12.09.2013, 12:52 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

David

19.09.2013, 12:56 Uhr

Hierbei wird leider übersehen, dass es sich bei dem schnöden "Filterkaffee", den man heutzutage bekommt um etwas ganz anderes handelt, als das, was man früher bei Oma zum Kuchen bekommen hat.

Es handelt sich um feinen Kaffee, der präzise zubereitet wird um die besten Geschmacksergebnisse zu erzielen. Im Gegensatz zum Industriekaffee von damals, der mit kochendem Wasser bitter-stark und kaum unterhalb der Verbrennungstemperatur genießbar zubereitet wurde.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×