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18.10.2013

09:52 Uhr

Der Werber-Rat

Geistliche Verirrung

VonBodo Hombach

Die katholische Kirche, eine Pyramide mit geschichteter Befehlskette, hat ein Problem. Transparenz und demokratische Kontrolle werden allzu kurz gehalten. Das führt unweigerlich zu Spannungen.

Papst Franziskus, das Oberhaupt der katholischen Kirche. Er setzt sich für Bescheidenheit, Liebe und Barmherzigkeit ein. dpa

Papst Franziskus, das Oberhaupt der katholischen Kirche. Er setzt sich für Bescheidenheit, Liebe und Barmherzigkeit ein.

Wie ist das möglich? Eine große Organisation mit weltweit über einer Milliarde Menschen hat ein sensationelles Produkt anzubieten: Lebenssinn und Nächstenliebe. Sie kennt Verfahren, die Ängstliche ermutigen, Hass überwinden und Bündnisse stiften. Sie punktet mit hochgefragten Dienstleistungen wie Sorge für Randgruppen, Orientierungshilfe in einer komplexen Welt, Heilung moralischer Verirrungen, tröstende Begleitung in Lebenskatastrophen. In Deutschland ist sie größter Arbeitgeber. Ihr Zusammenbruch wäre eine soziale Katastrophe.

Aber dieser „Konzern“ namens katholische Kirche hat ein Problem. Er ist die letzte Großorganisation der Antike, die es in die Gegenwart geschafft hat. Er ist eine Pyramide mit geschichteter Befehlskette. Die Entscheidungsträger haben fast sakrale Funktionen. Wer sie kritisiert, zeigt mangelnde Demut. Historische Festlegungen gelten über die Zeit als göttlichen Ursprungs. Transparenz und demokratische Kontrolle sind „neumodisch“ und werden kurz gehalten. Viele Führungskräfte empfinden sich als das moralische Gewissen der Menschheit.

Autor Bodo Hombach ist Jurymitglied für die Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises und Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

Autor Bodo Hombach ist Jurymitglied für die Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises und Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

Da bleiben Spannungen nicht aus. Das Selbstbild kollidiert mit hässlichen Realitäten. Fehlerhafte Entwicklungen werden spät erkannt. Probleme werden lieber verboten als gelöst. Persönliche Charakterschwächen können lange schaden, weil „nicht sein kann, was nicht sein darf“. Wer einen Glauben vertritt, steht und fällt mit seiner Glaub-Würdigkeit. Unfehlbarkeitsanspruch ist unmenschlich, denn nichts ist menschlicher als Fehlbarkeit.

Klar, dass dann „die böse Welt“ mit Häme und Jagdlust unter den Teppich schielt. Sie tut es schon deshalb mit so theatralischer Wucht, weil sie weiß, dass sie um keinen Deut besser ist. Vielleicht tut sie es aus der Enttäuschung heraus, dass auch diese Kirche keinen Deut besser ist als sie.

Hier setzt eine geheimnisvolle Dialektik ein. Wie eine Zeitung schrieb: Der neue Papst ist an allem schuld. Er verändert nämlich die Kulisse, vor der das alte Stück nicht mehr funktioniert. Er stellt die ursprüngliche Botschaft wieder klar. Die heißt Bescheidenheit, Liebe und Barmherzigkeit, auch mit dem Gestrauchelten. Es heißt nicht: Eine Moral ist gut - eine doppelte ist besser.

Der Autor:

Bodo Hombach ist Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik und Vorstand der Brost-Stiftung. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare (9)

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hermann.12

18.10.2013, 10:06 Uhr

Bodo Hombach schildert das Bild der katholischen Kirche, so wie die Vorurteile sie sehen.
Fast alle Probleme, die er dabei anspricht gibt es wirklich. Nur die Dimension ist bei näherer Betrachtung kaum größer als vergleichbare Mängel bei demokratischen Strukturen.
Hier wird häufig zeitgeistliche Opportunität mit Hierarchie verwechselt.
Sicher, die kompromisslose Dominanz des Klerus ist ein Problem. Wer aber das kleingeistige Spießertum von so manchem evangelischem Presbyteriums oder die Weltfremdheit mancher protestantische Bischöfe erlebt hat, fragt sich schon ob damit wirklich was gewonnen ist, oder nur der Mob seine Angriffsfläche verlieren würde.

Der weg den Papst Franziskus eingeschlagen hat verspricht Besserung, wie immer wird die katholische Kirche dabei weniger kurzfristigen zeitgeistlichen Protestgeschrei, als viel mehr langfristigem Nutzen folgen.
Rückbesinnung auf die Kernaussagen und grundsätzliche Moral lassen schon sehr viel Spielraum.
Aber zumindest in Finanzdingen wäre mehr Autonomie und demokratische Kontrolle sinnvoll, schon weil sie weltlichen Charakter haben.

H.

Anonym

18.10.2013, 10:50 Uhr

Lieber Herr Hombach,

Ihre Ausführungen finde ich recht gut nachvollziehbar. Allerdings möchte ich auch ergänzen, dass der genannte "unmenschliche Unfehlbarkeitsanspruch" an Bischöfe, Priester und Gläubige so nicht existiert. Der Heiligen Schrift kann gar entnommen werden, dass der Weizen auf dem Felde gemeinsam mit dem Unkraut wachsen müsse. Ein Bild, das für die Kirche steht, die durchsetzt ist mit Unkraut. Sicherlich muss ich Ihnen nicht sagen, dass ausnahmslos alle Laien und alle Priester inklusiv Papst nach katholischer Lehre selbstverständlich fehlbare Menschen sind. Das ist geradezu mit dem Sündenfall vorausgesetzt. Die katholische "das Ganze umfassende" Kirche umfasst ja eben unsere Welt, die gute und die böse. Wir sind sie und sie ist wir. Natürlich werden uns Ziele gesetzt, die einen ordentlichen Anspruch haben und wir "Unmenschen" aufgerufen sind endlich "Menschen" zu werden.
Das "unfehlbare" Zünglein an der Waage ist anders zu verstehen: Wenn das Bischofskollegium in einer konkreten Frage der Sitte, der Moral oder des Glaubens zu keiner Einigung kommt, dann hätte der Bischof von Rom - nur in solchen Fragen und "ex Cathedra" - die "unfehlbare" Richtungsentscheidung (was übrigens bisher keine wirkliche praktische Relevanz hatte).
Sie schreiben auch so schön, dass die katholische Kirche die letzte antike Institution ist, die es in unsere gegenwärtige Zeit geschafft hat. Dies ist nicht von der Hand zu weisen: Es kommt einem Wunder gleich, dass die Kirche es trotz der fehlbaren handelnden Personen bis heute geschafft hat. Gläubige Menschen würden dies mit jener Zusage verbinden, die Jesus Christus selbst den Aposteln gegeben hat: Die Kirche wird nicht vom Bösen besiegt werden können, sie wird Bestand haben! Das ist göttliche "Garantie". Deshalb gilt, was immer gilt: Man richte sich immer an Christus aus, der das Haupt der Kirche ist! Dann wird das Gute in Mensch und Kirche sichtbar. Es gibt viele gute Beispiele. Dann enttäuschen auch Diskrepanzen nicht.

Anonym

18.10.2013, 10:52 Uhr

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