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03.09.2012

06:22 Uhr

Der Werber-Rat

Hauptsache, die Philosophie stimmt!

VonBodo Hombach

Mit der Sendung „Precht“ kommt die Philosophie endgültig im Mainstream an. Sie soll die bohrende Frage nach dem Sinn im 21. Jahrhundert klären. Ein Prinzip, das auch die Werbung verstanden hat.

Richard David Precht darf künftig regelmäßig in seiner Sendung „Precht“ im Zweiten philosophieren. dpa

Richard David Precht darf künftig regelmäßig in seiner Sendung „Precht“ im Zweiten philosophieren.

Philosophie ist „in“. Jedes Unternehmen hat seine Philosophie, jede Behörde hat die ihre. Es gehört ganz einfach zum guten Ton und zum rechten Image, eine Philosophie zu haben. Niemand weiß so genau, was das Wort in solchem Zusammenhang bedeutet, aber bedeutsam ist es.

Das war lange Zeit anders. Bis zu Jostein Gaarders Weltbestseller „Sophies Welt“, worin eine 14-jährige Göre die Neugiergeschichte des menschlichen Denkens über die großen Fragen erlebt, galt Philosophie als verstiegen und schwierig. Denken „an sich“ war brotlose Kunst. Philosophen waren verschrobene Existenzen, die sich nachtaktiv mit der Frage beschäftigten, warum das Sein „ist“ und nicht „nicht ist“. Einsame Gegenbeispiele in den Radio- und Fernsehprogrammen wurden erst verhöhnt, dann verelendet und schließlich abgeschafft. Aber – so war es schon immer – Philosophie kann warten. Sie hat Zeit.

Autor Bodo Hombach ist Jurymitglied für die Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises und Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

Autor Bodo Hombach ist Jurymitglied für die Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises und Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

Und nun ist sie wieder da. Es gibt einen Hunger nach Sinn. Leute wie du und ich treffen sich in „Philosophischen Cafés“. Der neue „Sloterdijk“ oder „Dworkin“ werden wirklich gelesen und diskutiert. Und auch Rundfunk und Fernsehen sind wieder da. Kürzlich hieß die ZDF-Reihe noch etwas betulich „Philosophisches Quartett“. Ihr Nachfolger heißt nur noch „Precht“, und jeder weiß Bescheid.

Das Phänomen ist modern, aber nicht modisch. Unsere Welt hat einen Grad von Komplexität erreicht, der dem biblischen Tohuwabohu gleicht. Wir sind der Fragmentierung vieler Abläufe nicht mehr gewachsen. Der ethische Schwund in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft macht uns Kummer. Der weltweite Umbruch ins 21. Jahrhundert stellt bohrende Fragen. Der Bedarf an Durch- und Überblick ist kaum zu stillen.

Auch Werbung der AAA-Klasse hat erkannt, dass sie den Leuten nur dann Produkte verkaufen kann, wenn sie ihnen beim Leben hilft. Der teuerste Rohstoff ist dabei Vertrauen. Er wurde in den vergangenen Jahren rücksichtslos vergeudet.

Politik wurde ungewöhnlich argumentationsarm. Es lohnt sich nicht nur, es ist auch gut und richtig, wenn Betriebe, Parteien und Gruppen aller Art sich zuweilen fragen, warum sie „sind“ und nicht „nicht sind“. Es lohnt sich gerade auch für die Wirtschaft, Argumentationsfähigkeit zu üben; für ihre Sache einzustehen. Politiker glauben, dass von ihnen vertretene Wirtschaftsprojekte zu oft Wähler verschreckt haben. Zu viele surfen lieber auf den Emotionswellen, statt ihnen Richtung zu geben.

Der Autor:

Bodo Hombach ist Hochschullehrer und ehemaliger WAZ-Chef. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare (6)

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Radiputz

03.09.2012, 12:29 Uhr

Über "Sinn" und "Unsinn" zu philosophieren und den Sinn der im Unsinn liegt ist vielleicht gar nicht so schlecht. Es muß ja nicht gleich die große Seinsfrage sein und dem Seiendem im Sein, das dem Nichts benachbart ist und ihm Heimat gibt, auch wenn es das "Nichtseiende" Martin Heideggers ist und die blitzhafte Erleuchtung, die dieses Nichts dem Sein zu spenden vermag.

Rapid

03.09.2012, 13:01 Uhr

Meinem Sie mit dem "Sinn" der im "Unsinn"liegt den Euro?
Ja, wenn die Philosophie da weiter helfen könnte, wäre meinem inzwischen sehr seichtem Nachtschlaf geholfen indem ihm wieder die notwendige Tiefe zukäme, die sowohl ihm als auch mir bekömmlich ist, und die ihm irgendwie unterwegs abhanden gekommen ist. LOL

CochmaSapientia

03.09.2012, 13:09 Uhr

Orginalton Martin Heidegger."Nur ein Gott kann uns noch helfen."
Und da Merkel/Schäuble keine Götter sind resp. ein göttliche Paar, wie etwa Zeus und Hera, auch wenn sie tief Euro-religiös sind, muß man einfach mal abwarten. LOL

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