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28.05.2015

22:06 Uhr

Der Werber-Rat

Humor als Waffe

VonBritta Poetzsch

Mit Kreativität und Humor haben zwei Werbeagenturen einen Naziaufmarsch zu einem Spendenlauf umgewandelt. Ein hervorragendes Beispiel dafür, was man mit einer guten Idee bewegen kann.

In Wunsiedel hat man einen Weg gefunden, sich auf subtile Art und Weise gegen die Nazis zur Wehr zu setzen. dpa

Gegen Faschismus

In Wunsiedel hat man einen Weg gefunden, sich auf subtile Art und Weise gegen die Nazis zur Wehr zu setzen.

Ihre Gesichter guckten unbeschreiblich dämlich aus der braunen Wäsche. So richtig schienen sie nicht verstanden zu haben, was da gerade mit ihnen passierte. Entschlossen marschierten sie durch ein Örtchen namens Wunsiedel im Dienste der Rechtsradikalität. Kahlrasiert. Springerbestiefelt. Reichsbeflaggt. Hass in den dumpfen Gesichtern. Die üblichen Parolen grölend. Aber irgendwie war alles ganz anders als sonst. Keine aufgebrachte Gegendemonstration. Keine Empörung. Keine wütenden Linken, die sich ihnen in den Weg warfen.

Die Rede ist von einer Nazidemonstration, die mit Hilfe zweier Werbeagenturen so ganz anders verlief als sonst. Die Werber hatten eine ganz einfache, aber um so genialere Idee. Warum kann man den jährlichen Naziaufmarsch im Örtchen Wunsiedel nicht zu einem Spendenlauf machen? Für jeden Meter, den so ein Springerstiefelträger zurücklegte, zahlten Sponsoren Geld. Das gesammelte Geld floss in die Organisation Exit, die Menschen hilft, aus der rechten Szene auszusteigen. Die Nazis liefen also unfreiwillig Geld zusammen, um sich möglichst selbst abzuschaffen.

Britta Poetzsch ist Global Creative Director der Agentur Ogilvy.

Britta Poetzsch ist Global Creative Director der Agentur Ogilvy.

Begleitet wurde die Aktion von liebevoll gestalteten Plakaten mit der fröhlichen Information „Wenn das der Führer wüsste!“. Freundliche Bürger drückten den erstaunten Braunen Bananen als Wegzehrung in die Hand mit der Aufschrift „Mein Mampf!“. Das Ergebnis: Die Aktion brachte weltweite mediale Aufmerksamkeit, in den Social-Media-Kanälen wurde sie gefeiert, und das Örtchen Wunsiedel war enorm stolz auf sich. Vergangene Woche wurde diese Idee beim Festival des Art Directors Club mit der höchsten Auszeichnung der deutschen Kommunikationsbranche regelrecht überschüttet. Es gab Gold in fast jeder Kategorie, die der Art Directors Club bewertet.

Warum? Weil auch Werber es lieben, Dinge zu tun, die wirklich relevant sind. Weil sie es lieben, Ideen zu entwickeln, die ein echtes Problem lösen.

Die Waffe der Kreativen ist Kreativität. Mit dieser Idee haben sie bewiesen, dass Kreativität wirklich etwas bewegen kann. Vielleicht sogar mehr als Gewalt oder Empörung. Natürlich reicht es am Ende nicht allein, Nazis mit Konfetti zu bewerfen. Aber mit Humor schlägt man Hass.

Die Autorin: Britta Poetzsch ist Global Creative Director der Agentur Ogilvy.

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