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27.02.2013

11:56 Uhr

Der Werber-Rat

Im Zeitalter der Überskandalisierung

VonFrank Dopheide

Täglich geht in den Medien eine Bombe hoch. Aufmerksamkeit ist alles. Das Ansprechen ist dem Anschreien gewichen. Aus Selbstschutz stumpfen Menschen ab. Kein gutes Umfeld, um Werbung zu schalten.

Mikrofone verschiedener Fernseh- und Radiosender. dpa

Mikrofone verschiedener Fernseh- und Radiosender.

Aufmerksamkeitsökonomie heißt der neue Kampfsport der kommunikativen Welt. Zu gewinnen gibt es ein paar Sekunden Aufmerksamkeit. Wer in der Informationsflut oben schwimmen will, setzt auf Eigenblut-Doping. Was sonst nur kleine Wellen schlägt, wird künstlich zur Springflut gepusht.

Diese kann schon mal den Bundespräsidenten aus Schloss Bellevue spülen. Ikarus Wulff. Welchen Grund hatte noch mal genau dieser Absturz ins Bodenlose? In diesen Tagen wird uns Pferdefleisch aufgetischt. Jeder, der Lasagne im Regal hat, wird unersättlich vor die Kamera gezerrt und weichgekocht. Mediales Spießrutenlaufen wird auf die Marathondistanz verlängert. Ein flacher Spruch über die Größe von Kuheutern taugt auch ein Jahr später zur wochenlangen öffentlichen Auspeitschung eines Politikers.

Frank Dopheide ist Inhaber der Agentur Deutsche Markenarbeit.

Frank Dopheide ist Inhaber der Agentur Deutsche Markenarbeit.

Die Lärmbelastung durch die Medien nimmt zu. Das Ansprechen ist dem Anschreien gewichen. Die Verhältnismäßigkeit bleibt auf der Strecke. Leise Zwischentöne zählen längst zu den bedrohten Arten. Wir Konsumenten können kaum noch wichtig von unwichtig unterscheiden.

Dabei hat das Spielen am medialen Panikknopf katastrophale Auswirkungen: Wir mutieren zu einer nervösen Gesellschaft. Täglich geht eine Bombe hoch. Der Dauer-Alarm prägt die Wahrnehmung: Aus purem Selbstschutz stumpfen wir ab. Wir hören nicht mehr zu. Kein gutes Umfeld, um Werbung zu schalten.

Im Zeitalter der Überskandalisierung steht frohsinnige Vermarktung auf verlorenem Posten. Wer will noch den Produktvorteil einer Zahnbürste mit Schwingkopf sehen, wenn ein Meteoriteneinschlag unseren Untergang bedeutet? Werbung braucht den optimistischen Blick nach vorne, sonst schließt man keinen Bausparvertrag ab. Mit Anschreien gewinnt man keine Kunden.

Das gilt auch für den medialen Verdrängungskampf. Darum gewinnt ein Blatt aus Münster namens Landlust über eine Million Leser und lässt die dümpelnden Hamburger Flaggschiffe alt aussehen. Mit Bildern von knackigen Äpfeln und naturbelassenen Geschichten. Fragen Sie Tom Buhrow. Der Anchorman aus der ersten Reihe blickt von Grund auf optimistisch in die Welt. Das wirkt beruhigend. Wenn wir abends auf der Couch Herrn Buhrow sehen, wissen wir, die Welt ist nicht untergegangen - allen Nachrichten zum Trotz. Ein schönes Gefühl.

Der Autor:

Frank Dopheide ist Inhaber der Agentur Deutsche Markenarbeit. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare (3)

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Michael

27.02.2013, 12:11 Uhr

Wenn man die kurze Einleitung liest, muss man sich ja schon wieder einmal fragen, ob nicht ein System hinter der momentanen "öffentlichen Bekanntwerdung" (jeder normal denkende Mensch sollte sich diese Dinge eigentlich schon gedacht haben.) der Skandale steckt.
Ablenkung? Wenn ja, wovon?

Leser

27.02.2013, 12:47 Uhr

Sehr geehrter Herr Dopheide,
die von Ihnen kritisierte Überskandalisierung ist vielleicht auch nur eine Reaktion auf die "Übersensationalisierung" der Werbezunft. Und geschrien wird dort schon viel länger. (Im Radio, sehr laut:) "Und für alle, die es vorhin nicht mitbekommen haben - 20% auf alles!" Dabei ist "vorhin" nur zwei Werbeeinblendungen alt.

Ich denke, was Sie bedauern, ist das Gefühl an Terrain zu verlieren, das Sie für sich reklamieren. Was Sie beschreiben, könnte man auch als Ausdruck des Vorzuges der Wahrheit über die Suggestion auffassen.

Account gelöscht!

27.02.2013, 14:57 Uhr

Wir wollen nicht vergessen: Skandale sind in 85 % aller Fälle künstlich generiert weil thematisiert. Die (gesteuerten) Medien machen Meinung, Gefällige werden hochgeschrieben, in Ungnade gefallene werden diskredidiert und zerstört.

Warum wurde Wulff rausgemobbt?

Warum nur Guttenberg, Schavan und Koch-Merin wg. gefakter Doktorarbeit skandaliert, obwohl doch seinerzeit fast schon JEDERMANN Gefälligkeitsdienste rund um seine Doktorarbeit annahm? Zufall?

Warum wird ein hochintelligenter Doktor Sarrazin in seiner Reputation systematisch zerstört?

Warum wird monatelang eine NSU-Affäre thematisiert, bis schließlich der größte Teil der Verfassungsschützer personell neu geführt und struktuiert worden sind?

Und vor allem: Warum werden WIRKLICH skandilisierende Themen wie eine ESM-Durchwinkung eines englischsprachigen Vertragsentwurf am Deutschland-Endspiel von Dünnbesetzung im Bundestag schlichtweg IGNORIERT?

Meinung besteht nicht, Meinung wird gemacht.

Demokratie ist super: Die Masse der Leute denken und bappeln, was ihnen die Medien täglich in den Kopf legen. Steuere ich die Medien, dann steuere ich die öffentliche Meinung, dann steuere ich die Macht.

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