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17.09.2012

07:41 Uhr

Der Werber-Rat

In der Wahrnehmungsfalle des Zahlensystems

VonBodo Hombach

Wir predigen den Griechen das Sparen, aber zahlen selbst unsere Schulden trotz guter Wirtschaftslage nicht zurück. In der Dezimalfalle lässt es sich eben gemütlich wohnen.

Die Schuldenuhr am Sitz des Bundes der Steuerzahler in Berlin zeigt eine Zahl von über 2 Billionen Euro an. dpa

Die Schuldenuhr am Sitz des Bundes der Steuerzahler in Berlin zeigt eine Zahl von über 2 Billionen Euro an.

Den "Kölner Stadt-Anzeiger" schmückte jüngst eine Karikatur: Im Universum steht ein winziger Fixstern namens "Griechenland". Ihn umkreist die Erde als riesiger Trabant. "Verrückte Welt" nennt der Zeichner sein Werk. Wer oder was ist hier verrückt?

Sind Finanzjongleure unbelehrbar und unbeherrschbar? Ist es das pubertäre Euro-Finanzsystem, in dem sich ein Staat nach Herzenslust austoben darf, bis man ihm irgendwann das Taschengeld kürzt? Teilt sich Europa in unmündige Schutzbefohlene und "Erziehungsberechtigte"? Muss man den Sonnenländern des Südens preußische Tugenden und schwäbische Sparsamkeit verordnen? Sind 2,7 Billionen Euro deutsche Staatsschulden "Peanuts", weil alle Welt glaubt, wir könnten sie aus der Portokasse bedienen?

Autor Bodo Hombach ist Jurymitglied für die Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises und Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

Autor Bodo Hombach ist Jurymitglied für die Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises und Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

In Nordrhein-Westfalen sollen Externe einer Effizienzkommission in zwei Jahren beim Sparen helfen. Vielleicht stecken wir in einer gemütlichen Wahrnehmungsfalle unseres Zahlensystems. Sie schrumpft gigantische Beträge auf wenige Ziffern, die harmlos tun. Man kann mit ihnen jonglieren und auf dem Hochseil tanzen, als wäre nichts dabei.

Ein kleines Spiel mag uns heilsam das Fürchten lehren: Schreiben wir die Zahl 2,7 Billionen mal in einzelne Tausender zerlegt nebeneinander auf einen Papierstreifen. (Wer wissen will, welchen Wert 1 000 EURO haben, kann sich bei jedem Hartz IV–Empfänger erkundigen.) Wenn nun jeder Tausender einen Zentimeter beansprucht, wie lang müsste der Papierstreifen sein, um auf diese Weise die deutschen Staatsschulden auszudrücken?
Man frage, wen man will. Die Zaghaften versuchen es mit 20 Metern, die Mutigen mit 200. Die richtige Antwort ist: 27.000 Kilometer.

Der europäische Schuldenzettel würde zweieinhalb Mal um die Welt reichen. Der Amerikanische vier Mal. Wir predigen den Griechen mit erhobenem Zeigefinger: sparen inmitten dramatisch schrumpfender Wirtschaft. Bei uns sprudeln die öffentlichen Einnahmen, und wir haben noch keinen Cent unserer Schulden zurückgezahlt.

Eine geringere Kreditaufnahme, und schon schlagen wir uns anerkennend auf die Schulter. In der Dezimalfalle lässt es sich behaglich wohnen. Wer vom Wolkenkratzer stürzt, meint, es sei ja schon hundert Stockwerke gutgegangen.

Und wer nicht an seiner Kette zerrt, hält sich für frei. Wer öffentliche Ausgaben als soziale Geschenke verkleidet und nicht danach fragt, wer die Rechnung zahlt, führt in die Irre. Der Autor ist einer von fünf Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Der Autor:

Bodo Hombach ist Hochschullehrer und ehemaliger WAZ-Chef. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare (6)

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Begadan

17.09.2012, 08:04 Uhr

27000 km reichen nur bedingt 2 1/2 mal um die Welt - zumindest nicht um unsere -

Kilian Kraus

raimondo

17.09.2012, 08:10 Uhr

Wer lesen kann, ist klar im Vorteil:

der europäische Schuldenzettel passt zweieinhalb mal um die Welt, nicht der deutsche. Der misst ja "nur" 27.000 km.....

Account gelöscht!

17.09.2012, 09:59 Uhr

Schon gemerkt?! Das Dezimalsystem ist ein Exponentialsystem. Es lohnt sich allemal, sich damit zu beschäftigen und es zu verstehen. Es gibt nur eine Berufsgruppe, die das ernsthaft tut und verinnerlicht hat, nämlich die Epidemologen. Und denen glaubt man nicht, am allerwenigsten die Politiker, siehe die Geschichte von AIDS.

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