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25.07.2012

19:25 Uhr

Der Werber-Rat

Kapseln wie Schmuckstücke

VonFrank Dopheide

Männer sind nicht mehr das, was sie mal waren. Das heutige Marketing braucht Unisex, damit es für beide Geschlechter begehrlich ist. Gefragt sind Kampagnen, die unsere linke und rechte Gehirnhälfte aktivieren.

George Clooney wirbt für Nespresso „la dolce vita“. dpa

George Clooney wirbt für Nespresso „la dolce vita“.

Wir haben es immer schon geahnt: Frauen haben die Macht. Sie treffen 80 Prozent aller Kaufentscheidungen und überlassen das Zücken der Kreditkarte generös dem Gatten, was ihn und die Marktforscher in falscher Sicherheit wiegt. Dabei sind Männer auch nicht mehr das, was sie mal waren.

Der Mann von Geschäftswelt greift im Flieger ohne zu Zögern zu "Gala" und "Bunte" statt zur Managerlektüre. Der maulfaule Kerl von früher ist dank E-Mail, SMS und Smartphone nicht wiederzuerkennen. Redete das vertraute Ehepaar einst ganze neun Minuten am Tag, zückt er heute schon auf dem Rollfeld sein Handy, um die Landung anzumelden. Er gibt Wasserstandsmeldung am Kofferband, wenn er ins Taxi steigt und unten vor der Tür steht. Beide lockt Sonntagabend der Tatort, in dem mehr weibliche Kommissare ermitteln, als männliche. Ein Selbstfindungsbuch von Hape Kerkeling wird zum Bestseller in beiden Zielgruppen. Und ihre "sexiest men alive" findet auch er reizvoll: George Clooney und Brad Pitt. Dass Brad seiner sechsfachen Vaterrolle gerecht wird und lässig bleibt, wirkt geschlechterübergreifend vorbildlich.

Frank Dopheide ist Inhaber der Agentur Deutsche Markenarbeit.

Frank Dopheide ist Inhaber der Agentur Deutsche Markenarbeit.

Männer werden weiblicher. Flavio Briatore und seine Freunde werden zur Nische. Mario Barths Weltbild von Mann und Frau taugt nur noch für schenkelklopfende Comedy. Marketing wird sich für alle Zeiten ändern. Es heißt Produkte zu entwickeln, die für beide begehrlich sind. Es geht darum Kampagnen zu kreieren, die unsere linke und rechte Gehirnhälfte aktivieren. Machoindustrien wie Banken und Autos kommen in schweres Gewässer.

Die Erfolgsbilder der Industrie zeigen, wohin die Reise geht:

Nespresso verkauft "la dolce vita". Die italienischen Designerläden wirken ebenso wertsteigernd wie die eingebauten Sprachkurse, die uns "volluto", "lungo" und "decaffeinato" locker über die Zunge gehen lassen. Die Kapseln, zelebriert wie Schmuckstücke, sorgen dafür, dass sich ein Pfund Kaffee für knapp 23 Euro verkauft - an Männer und Frauen. Und wer hätte sich vorstellen können, dass Männer ein weißes Handy stolz durch die Welt tragen, das mehr einem Schminkspiegel, denn einem Arbeitsgerät gleicht? Mancher würde sich wünschen, dass der Ehepartner mit ihm so zärtlich umginge, wie mit dem iPhone. Bosch setzte dem 1 500 Watt Bohrhammer, den handlich kleinen Akkuschrauber IXO entgegen, der sofort in jeder Küchenschublade und Werkzeugkiste Platz fand und eine neue Kategorie schuf.

So geht Marketing heute.

Kommentare (1)

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zugespitzt

26.07.2012, 01:09 Uhr

ich habe immer wieder erlebt, dass wenn es wirklich ernst wird, frauen doch eher an ihre urinstinkte appellieren bzw. denen nachgeben.
dabei gehts nicht um den jäger, der sein ding durchzieht und der frau ein heim und sicherheit bietet, sondern eher um reizpunkte.
es liegt wohl auch an unserer reizüberflutung, die uns immer mehr gleichgeschaltet durchs leben gleiten lässt.
emotionen werden zu waren.
welche spannungen und große ausschläge gibt es denn noch, die uns existenziell bedrohen?
viele öden diese überflutungen an, so dass es am ende doch wieder um triebe, begierde und verführung geht.
"Der Mann von Geschäftswelt greift im Flieger ohne zu Zögern zu "Gala" und "Bunte"..."?
Ist das die regel?
und findet das die "frau von Welt" erstrebenswert?
ich denke nicht...es ödet sie eher an. aber vielleicht täuscht mich ja auch mein subjektiver eindruck....

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