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09.07.2012

06:13 Uhr

Der Werber-Rat

Live von der Stange

VonBodo Hombach

Die manipulierte Wirklichkeit der UEFA-Fernsehbilder bei der EM ist zwar empörend, aber nicht überraschend. Inszenierung gehört zur Medienwelt. Wer es zu bunt treibt, muss aber mit der Verachtung des Betrachters leben.

Bundestrainer Joachim Löw (r.) beim Spiel Deutschland - Niederlande während der UEFA EURO 2012 in Charkow, Ukraine. Vor dem Spiel hatte Löw mit der Hand dem verdutzten ukrainischen Jungen den Ball aus dem Arm gespitzelt. Die Bilder von Löws Spaß wurden dann in der 22. Minute des Spiels in die Liveübertragung eingespielt. dpa

Bundestrainer Joachim Löw (r.) beim Spiel Deutschland - Niederlande während der UEFA EURO 2012 in Charkow, Ukraine. Vor dem Spiel hatte Löw mit der Hand dem verdutzten ukrainischen Jungen den Ball aus dem Arm gespitzelt. Die Bilder von Löws Spaß wurden dann in der 22. Minute des Spiels in die Liveübertragung eingespielt.

Seit Marshall McLuhan wissen wir: „Das Medium ist die Botschaft.“ Was ins Fernsehen kommt, ist vor allem eines: „Fernsehen“. Gewissenhafte Reporter kennen das Problem und zeigen das möglichst authentische Bild. Sie unterscheiden sauber zwischen Fiktion und Realität. Wer die Grenze verwischt, indem er die Wirklichkeit inszeniert, fällt der Verachtung anheim. Wenn schon auf vielen Kanälen gelogen wird, dass sich die Kabel biegen, ist Vertrauen ein hohes Gut.

Die Uefa wollte heitere Spiele, besonders in einem Land, in dem die Opposition ihren Platz nicht im Parlament, sondern in den Gefängnissen hat. Die angemieteten Fernsehteams hatten offenbar den Auftrag, es dem Welt-Zuschauer behaglich zu machen. Sie schnitten sich von der Stange, was sie vor der Sendung gesammelt hatten und fummelten es in die Live-Übertragung. Der ahnungslose Zuschauer schmunzelte, wenn dann Jogi Löw locker mit einem Balljungen scherzte. Wenn beim Absingen der deutschen Hymne Rührung angesagt war, stand - dank kluger Vorratshaltung - ein tränenumflortes Frauengesicht bereit, dem eine Träne über die schwarz-rot-goldene Wange rollte.

Autor Bodo Hombach ist Jurymitglied für die Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises und Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

Autor Bodo Hombach ist Jurymitglied für die Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises und Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

Bevor wir uns alle empören: So ungewöhnlich ist der Vorgang nicht. Die Wirklichkeit war schon immer, was wir dafür halten. Was geschehen sein könnte, war oft wirkmächtiger, als was tatsächlich geschehen war. Als Konrad Adenauer 1955 von seiner erfolglosen Moskaureise heimkehrte (er wollte die Wiedervereinigung erreichen und war im Kreml vor die Wand gelaufen), mussten die russischen Kriegsheimkehrer, die Chruschtschow schon lange loswerden wollte, mit Pomp und Rührung als Verhandlungserfolg präsentiert werden. Auf dem Bonner Flugfeld stand ein altes Mütterchen bereit, um dem Kanzler unter Tränen die Hände zu küssen. Im Film hört man fast noch die Stimme des Regisseurs: „Weinen Sie - jetzt!“ Große Szenen der Französischen Revolution entstanden erst auf der Leinwand im Atelier des Malers Jacques Louis David, bevor sie dann realisiert wurden.

Der Medienkonsument sollte nie die kritische Gleitsichtbrille absetzen. Mit Betreten der digitalen Welt sind wir ohnehin beim Manipulieren im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Und die Uefa? Sie sollte bei der Vermarktung ihrer Supershow dem Publikum nicht nur große Gefühle verordnen, sondern auch Wirklichkeitsnähe. Warmes Lächeln als Dauerpose und Meterware wird schnell zur Grimasse. Man spürt die Absicht - und ist verstimmt.

Der Autor:

Bodo Hombach ist Hochschullehrer und ehemaliger WAZ-Chef. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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