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21.08.2013

15:53 Uhr

Der Werber-Rat

Nächster Halt Absurdistan

VonFrank Dopheide

Mainz war für die Bahn der kommunikative Gau. Warum tun sich Mitarbeiter oft so schwer, ihrem Unternehmen zu helfen? Angestellte haben gelernt: Sich persönlich ins Zeug zu legen, lohnt nicht.

Die Nachrichten rund um die deutsche Bahn füllen das „Sommerloch“. Reuters

Die Nachrichten rund um die deutsche Bahn füllen das „Sommerloch“.

DüsseldorfDie Deutsche Bahn hat im alljährlichen Nachrichtenloch die Festspielleitung des Sommertheaters übernommen. Acht urlaubsreife oder krankgeschriebene Stellwerker genügen, um einen Dreihunderttausend-Mann-Konzern Hohn und Spott auszusetzen und Tausende Fahrgäste wochenlang aufs Abstellgleis zu schieben. Der kommunikative Sommer-GAU. In seiner Not greift Zugführer Rüdiger Grube zum Telefon, um die Mitarbeiter zu Hilfe und Ferienabbruch zu bewegen. Reflexartig springt der Vorsitzende der Eisenbahngewerkschaft vor die Medien, um für den wohlverdienten Urlaub der Bahnbeamten zu kämpfen, koste es, was es wolle.

Frank Dopheide ist Inhaber der Agentur Deutsche Markenarbeit.

Frank Dopheide ist Inhaber der Agentur Deutsche Markenarbeit.

Willkommen in Absurdistan. Wir Kunden sitzen in der Wartehalle, betrachten das Trauerspiel und fragen uns, wie sich der Stellwerker im Urlaub fühlt und warum niemand auf den Gedanken kommt, seinem Unternehmen zu Hilfe zu eilen. Gleichgültigkeit ist aller Ende Anfang. Eine Krankheit namens innere Kündigung schwappt über unser Land. Sie kostet deutsche Unternehmen geschätzte 130 Milliarden Euro. Management, Gewerkschaften, Unternehmensberatungen und Medien haben ganze Arbeit geleistet. Die angestellte Bevölkerung hat gelernt: Sich persönlich ins Zeug zu legen, lohnt sich nicht. Individuelle Antriebsschwäche wird zum Bremsklotz der deutschen Wirtschaft.

Mit Regulierungswut steuern die Unternehmen dagegen und streuen weiter Sand ins unternehmerische Getriebe. Misstrauen, Kontrollsucht, Globalisierung - es gibt tausend gute Gründe für neue Vorschriften. Heute wird selbst die Begrüßung am Telefon vorformuliert und auswendig gelernt. Doch wenn alles vorgeschrieben ist, lässt die eigene Aufmerksamkeit nach. An Ampeln geschehen mehr Unfälle als im Kreisverkehr. Die Anordnung von oben fördert Dienst nach Vorschrift statt Dienst nach Verstand. So dauert es nur wenige Monate, bis sich das eigene Verantwortungsgefühl wie eine Brausetablette auflöst. Kunde hin oder her, der Verkäufer schließt den Laden vorschriftsmäßig um sechs. Auf dem Fußballplatz gewinnt man nur, wenn jeder für den anderen rennt. Ein bisschen mehr Trapattoni wäre gut: "Ich bin der Trainer, nicht Pontius Pilatus", sagte der Maestro und holte die deutsche Meisterschaft.

Der Autor:

Frank Dopheide ist Inhaber der Agentur Deutsche Markenarbeit. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Zugausfälle in Mainz

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Kommentare (9)

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Charly

21.08.2013, 16:36 Uhr

"Wir Kunden sitzen in der Wartehalle, betrachten das Trauerspiel und fragen uns, wie sich der Stellwerker im Urlaub fühlt und warum niemand auf den Gedanken kommt,......"

Wann sind Sie zuletzt Bahn gefahren, -Wartehallen- hat die Bahn längst aus Kostengründen abgeschraubt dort steht jetzt die 150 ste. Pommesbude, genauso wie Uhren zunehmend abgeschraubt werden.
Dafür klebt an vielen Abfahrtsanzeigen auf Bahnsteigen seit Monaten ein Klebeband als Hinweis dass die Anzeige defekt ist. Beliebt sind bei der Bahn auch die gelben Zettel die reihenweise an den Zugtüren kleben weil die nicht mehr repariert werden.

Was ich vermisst habe war eine Invasion von Alligatorschildkröten auf deutschen Bahnhöfen. Das hätte es nochmal getopt.

Account gelöscht!

21.08.2013, 16:40 Uhr

Die meisten Arbeitnehmer engagieren sich durchaus in ihrer Firma. Aber ich küsse dem Chef nicht noch die Füsse, nachdem er mir immer wieder in den Hintern getreten hat.

K.a.t.a.s.t.o.p.h.e.D

21.08.2013, 16:57 Uhr

Das Versagen des Staates geht längst ans Existenzielle. Trotz Rekord-Steuereinnahmen ist die Politik unfähig, klassische Aufgaben des Staates voll zu übernehmen.

Die skandalösen Zustände am Mainzer Hauptbahnhof sind symptomatisch für den Zustand der Republik: Immer weniger gelingt es den Verantwortlichen,die simplen Grundlagen eines funktionierenden Staatswesens sicherzustellen. Sei es Verkehrsinfrastruktur,sei es die innere und äußere Sicherheit oder sei es die Sicherheit der Energieversorgung. Und das alles in einem Land,das gerade in all diesen Bereichen vorbildlich war und in einem Staat,der sich über die höchsten Steuereinnahmen aller Zeiten freut.
Nicht nur der Schienentransport leidet unter falscher Politik,auch das Straßennetz,um das die Deutschen einst beneidet wurden,sinkt immer tiefer herab: Spediteure klagen,daß sie für Schwertransporte immer größere Umwege fahren müssen, weil die maroden Brücken nicht mehr tragen. Teilweise seien die damit verbundenen Zusatzkosten bereits existenzbedrohend. Energieversorger warnen,daß infolge der Hauruck-Energiewende die Gefahr flächendeckender Stromausfälle so hoch sei wie seit Kriegstagen nicht mehr.
Aber das Versagen des Staates geht längst auch ins Existenzielle: Mehrere Polizeipräsidenten in Nordrhein-Westfalen empfehlen in einem internen Papier,das die Beamten aus Personalmangel bei etlichen Vorfällen nicht mehr ausrücken sollen. Neben Verkehrsunfällen ohne Verletzte,Ruhestörung oder Objektschutzaufgaben sollen die Beamten auch nicht mehr bei Anzeigen von häuslicher Gewalt eingreifen. Opfer,die sich hilfesuchend bei der Wache melden,würden darauf vertröstet, doch morgen mal vorbeizukommen zwecks Aufgabe einer Anzeige. Damit ließe der Staat seine steuerzahlenden Bürger in existenziellen Bedrohungssituationen systematisch allein. In Brandenburg sind die Personaleinsparungen bei der Polizei schon derart fortgeschritten,daß weite Teile der Region keinen angemessenen Schutz mehr haben...
Deshalb AfD, 22.09.2013!

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