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08.08.2013

09:00 Uhr

Der Werber-Rat

Perfekter Lebenslauf, perfekte Mitarbeiter?

VonStefan Kolle

Vielen Berufsanfängern fehlt Lebenserfahrung inklusive Irrwegen. Für Firmen eine Gefahr: Wer hauptsächlich Schema-F-Absolventen einstellt, der wird zum Schema-F-Unternehmen.

Manche Lebensläufe sehen perfekt aus – zu perfekt? gms

Manche Lebensläufe sehen perfekt aus – zu perfekt?

Sind Bewerber mit perfekten Lebensläufen die perfekte Verstärkung für Unternehmen? Nicht immer, wenn die Unternehmen auf der Suche nach innovativen Köpfen sind.

„Wissen ist ein Schatz, der seinen Besitzer überallhin begleitet“, sagt ein chinesisches Sprichwort. Leider, sagen chinesische Genforscher und gehen dazu über, verstärkt Studienabbrecher in ihren Laboren zu beschäftigen. Der Grund: Je mehr Fachwissen angehende Forscher im Studium anhäufen, desto mehr verlernen sie das kreative Denken. Der amerikanische Evolutionsforscher James A. Shapiro hat ähnliche Erfahrungen gemacht: „Die meisten Biologen scheuen sich, über Evolution anders zu denken als auf die Art, die sie gewohnt sind; Kollegen aus anderen Disziplinen tun sich da leichter.“

Stefan Kolle ist Geschäftsführer der Agentur Kolle Rebbe.

Stefan Kolle ist Geschäftsführer der Agentur Kolle Rebbe.

Schaut man sich unter Deutschlands Marketingleuten um, dann scheint es, als entließen die Hochschulen auch in dieser Disziplin immer mehr Absolventen, die vor allem perfekt in Systemen und Prozessen denken. Für die Absolventen ist das kein Nachteil. Sie kennen sich mit allen Test-Designs ebenso aus wie mit der rechts- und linksseitigen Hirnforschung und Action-Standards. Ihre Agenturen briefen sie auf Top-Box-Kampagnen mit Stopping Power. Sie fügen sich perfekt ins System der Konzerne und „performen“ im vorgegebenen Rahmen.

Die Frage ist, ob sie in der Lage sind, den Rahmen auch mal zu sprengen. Eher nicht. Was man schon daran sieht, dass fast alle Konzerne dieselben Marketingtools anwenden, dieselben Produkte entwickeln und sie am Ende mit derselben Werbung in den Markt drücken. Außergewöhnliches entsteht da, wo man die Regeln entweder ignoriert oder gar nicht erst beherrscht.

Steve Jobs, Bill Gates oder Erich Sixt waren allesamt Studienabbrecher, die zu Innovatoren wurden. Natürlich steckt nicht hinter jedem von Brüchen durchsetzten Lebenslauf ein kreativer Kopf. Hinter einem glatten Lebenslauf mit wohlklingenden Praktikumsstationen und Auslandsaufenthalten aber eben auch nicht.

Wer sich nie fragt, was seine wahren Interessen sind, und stattdessen ausschließlich für den perfekten Lebenslauf lernt und arbeitet, hat meistens eine wichtige Disziplin verpasst: echte Lebenserfahrung inklusive aller Irrwege. Für Unternehmen bedeutet das: Wer hauptsächlich Schema-F-Absolventen einstellt, wird zum Schema-F-Unternehmen.

Der Autor:

Stefan Kolle ist Geschäftsführer Kreation der Agentur Kolle Rebbe in Hamburg. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare (9)

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anno

08.08.2013, 10:02 Uhr

Ist ja vielleicht auch das Ziel, der reine Systemerhalt?
Eine Gesellschaft, die sich nicht nur vor der Zukunft fürchtet, will selten, das sich was ändert. Und wozu originell sein, wenns die andern auch nicht sind.

Angstrepublik-Deutschland

08.08.2013, 11:20 Uhr

Unser Problem ist das überall krankhaft grassierende Sicherheitsdenken und die null Risiko Mentalität bei der Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung. Nicht nur Politiker kleben an ihren Stühlen, sondern auch die Arbeitnehmer. Dazu kommen noch Personalchefs, welche nur junge Bewerber/innen mit glatten Lebensläufen einstellen, anstatt auch älteren lebenserfahrenen Arbeitsplatzwechslern oder Arbeitssuchenden eine Wechsel- und Wiedereinstiegschance zu ermöglichen.
Desweiteren ein Kündigungsschutzgesetz, welches Wechselwilligkeit und Veränderung blockiert!
Negativ zu bewerten sind die Leiharbeitsbranche und deren willfähige Arbeitnehmerzuhälter, welche auf Kosten der Arbeitnehmer kräftig absahnen. Leiharbeit sollte verboten werden. Deshalb liegt auf dem deutschen Arbeitsmarkt auch alles im Argen! Wenn man überhaupt noch von einem Arbeitsmarkt sprechen kann?

Ebenso sollte der Verwaltungsapparat der Bundesanstalt für Arbeit und deren Wasserkopf endlich abgeschlagen werden. Ich bin für ein bedingungsloses Grundeinkommen ohne kostenintensiven bürokratischen Verwaltungsaufwand. Dazu kommen noch die zukünftig hohen Pensionszahlungen an die Staatbediensteten und Beamten, welche wiederum vom Steuerzahler/Arbeitnehmer finanziert werden müssen.

kokolores

08.08.2013, 11:33 Uhr

der "Schema-F-Personaler" stellt eben auch "Schema-F-Mitarbeiter" ein.
Das ist "Schema-F-Managementverhalten": Absicherung, indem nur Leute eingestellt werden, bei welchen die Dokumente passen. darauf kann man sich ggfls. berufen, wenn's nicht klappt.

Und die "alten Hasen" sind auch zufrieden: Ruderer, die fleissig rudern; Hamster, welche sich in ihrem Laufrad einen abstrampeln; Mitarbeiter, die die Karriereleiter akzeptieren und "leben".
http://fun.drno.de/flash/Karriereleiter.swf

Ok, im echten Leben ist die Musik eine andere - und da immer gleich mehrere gleichzeitig wollen, werden die Ellenbogen ausgefahren und bei jeder Gelegenheit nach unten getreten.

Der Stress ist nicht der Arbeitsinhalt - sondern das Arbeitsumfeld.

Und es wird von Jahr zu Jahr immer ausgeprägter - das Bildungssystem leistet da ganze Arbeit.

In diesem Sinne: Viel Spass!

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