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12.11.2013

15:00 Uhr

Der Werber-Rat

Tage des Gebets

VonFrank Dopheide

Im Handel werden 30 Prozent des Jahresumsatzes in der Vorweihnachtszeit erzielt. Für Karstadt und Konsorten sind dies Tage des Gebets. Denn wie gewinnt man Käufer, die eigentlich schon alles haben?

Einkaufen zur Weihnachtszeit: 273 Euro legt der Deutsche im Schnitt auf den Gabentisch. dpa

Einkaufen zur Weihnachtszeit: 273 Euro legt der Deutsche im Schnitt auf den Gabentisch.

Seit Wochen liegen Lebkuchen, Dominosteine und Nikoläuse friedlich neben der Kasse und verkünden frohlockend das nahende Weihnachtsfest. Heute Abend, in sechs Wochen, sitzen wir vor Baum und Krippe im Kreise der Liebsten und lauschen dem Blockflötenspiel unserer nachwachsenden Generation.

Die Vorweihnachtszeit bedeutet für Karstadt und Konsorten Tage des Gebets. Denn bis zu 30 Prozent des Jahresumsatzes werden in den finalen Wochen gemacht. Zum Fest schlüpft der Deutsche in seine extragroße Spendierhose, greift tief in die Tasche und legt 273 Euro auf den Gabentisch.

Frank Dopheide ist Inhaber der Agentur Deutsche Markenarbeit.

Frank Dopheide ist Inhaber der Agentur Deutsche Markenarbeit.

Das Internet nutzt das Fest der Liebe als Fest der Verdrängung. Der Weihnachtsmann ist mittlerweile Zeitarbeiter bei Amazon. Und Heiligabend ist der Tag der Abrechnung. Läuft es schlecht, gehen mit den Kerzen auch die Lichter einiger Kaufhäuser aus.

Der Einzelhandel setzt alles auf die Karte. Werbeblöcke und Briefkästen platzen aus allen Nähten. Willkommen in der Überflussgesellschaft. Mit seiner Maßlosigkeit hat der Handel eine akute Mangelerscheinung geschaffen: den Mangel an Wünschen. Dieser macht dem Ehepartner, der Werbeindustrie und dem Verkaufspersonal schwer zu schaffen. Wie erzielt man 80 Milliarden Umsatz mit Menschen, die schon alles haben?

Geld spielt keine Rolle. Was fehlt, ist die Idee. So verschieben wir die Käufe bis zum letzten Moment, vielleicht fällt ja noch ein Wunsch vom Himmel. Deshalb ist aus Handelssicht das richtige Timing Gold wert: Die neue Spielekonsole oder das neue Smartphone muss auf den letzten Drücker kommen, damit das Gefühl der Erlösung bleibt. Als Last-Minute-Shopper hetzen wir am heiligen Vormittag mit einem Anflug von Panik durch die Einkaufspassage.

So landet alle Jahre wieder das Liebste aller Geschenke auf Platz eins: der Umschlag mit Geld. Da sieht der Beschenkte auf den ersten Blick, wie viel er wert ist. Und das Geld landet am Ende ja schließlich doch beim Handel. Warum also der ganze Stress?

Was sich der entnervte Käufer allerdings vom Handel wünscht, ist ein kreativer Einpack-Service für sein Geldgeschenk. Damit macht er mehr Eindruck, als mit seinem Briefumschlag und der Handel taucht mit seinem Logo zumindest unter dem Baum auf. Fröhliche Weihnachten.

Der Autor:

Frank Dopheide ist Inhaber der Agentur Deutsche Markenarbeit. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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