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08.04.2014

08:32 Uhr

Der Werber-Rat

The next big thing: Lesen!

VonArmin Jochum

Kann man etwas so Archaisches wie „Lesen“ neu erfinden? Ein Startup aus Boston unternimmt den Versuch und bricht das Lese-Paradigma. Doch Schnelllesen ist längst nicht in jeder Situation von Vorteil.

Texte von links nach rechts und von oben nach unten lesen – mit der App Spritz ist das Vergangenheit. Screenshot

Texte von links nach rechts und von oben nach unten lesen – mit der App Spritz ist das Vergangenheit.

Neulich, ich saß gerade mit meinem Agenturpartner Michael Trautmann in einem gut besuchten ICE-Bordrestaurant, überraschte er mich mit einem wahren Innovations-Stahlgewitter. Wer denkt, jetzt kommt das nächste Kapitel im Big-Data-Wahnsinn, oder sonst was aus der branchenüblichen Neuigkeits-Schublade, der irrt. Es ging um das größte „New Entry“ der letzten Jahre. Es wird wieder gelesen! Allerdings, und das war zu fürchten, anders als ich dachte.

Ich liebe Bücher. Ich gehe gerne in Buchläden, da riecht es so gut nach Papier und auch ein bisschen nach heiler Welt. Ein Buch, das mich fesselt, schaffe ich in zwei Tagen. Nicht ganz so lange brauche ich auch, um festzustellen, ob das Buch und ich Freunde werden. Nach zwei unglücklichen Absätzen ist meist Feierabend.

Mein Manko: Ich lese Bücher noch so, wie es mir auf der Hasenschule beigebracht wurde: von links nach rechts und von oben nach unten. „Viel zu lahm!“ So schallt’s durch den Speisewagen. „Hier, schau mal: Damit kann man in doppelter Geschwindigkeit Bücher lesen.“ Meine erste Reaktion: So ein Quatsch, das braucht kein Mensch! Dann habe ich es ausprobiert.

Spritzinc.com die Adresse. „Reading reimagined" das Versprechen. Ich hätte niemals für möglich gehalten, dass man etwas so Archaisches wie „Lesen“ neu erfinden kann. Worte. Nacheinander. Zentriert. Ein roter Buchstabe. Ich starrte fasziniert auf Michaels Smartphone. Und testete gleich mehrere Geschwindigkeiten. Größtes Eroberungspotenzial. Warum ist das nicht schon früher jemandem eingefallen?

Während Verlage nach neuen Möglichkeiten suchen, eine neue Nähe zwischen Autoren und Lesern herzustellen, passiert hier und jetzt, vor meinen Augen der nächste Evolutionssprung.

Dermaßen emotional aufgepeitscht, zog ich die Notbremse, stolperte zum erstbesten Taxi, sprang durch die Ligusterhecke und fand mich mit einem echten Buch in der Hand neben unseren Kindern wieder, um ihnen „Neues vom Räuber Hotzenplotz“ vorzulesen. Von Dimpfelmoser, Zwackelmann und Gimpel. Allerdings in entschleunigtem Tempo. Bald einsetzendes Schnarchen bestätigte mich in meiner Hoffnung, dass Geschwindigkeit doch nicht immer das Maß aller Dinge ist.

Der Autor:

Armin Jochum ist Vorstand Kreation und Co-Gründer der Agentur Thjnk. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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