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23.04.2013

07:02 Uhr

Der Werber-Rat

Tod aus dem Topf

Die westliche Kultur trennt gerne das Leben präzise vom Tod. Deshalb war der Anschlag auf den Boston-Marathon mit einem zur Bombe umfunktionierten Schnellkochtopf so verstörend.

Eine Frau legte eine Rose in Gedenken an die Opfer des Boston Marathons nieder. Reuters

Eine Frau legte eine Rose in Gedenken an die Opfer des Boston Marathons nieder.

Die Anschläge während des Marathons in Boston sind an ein einprägsames, wiederkehrendes Bild geknüpft: den Topf. Wäre es nicht so makaber, könnte man den Topf als "Werbebotschaft" des Anschlages verstehen. Er ist quasi das "Key Visual" der brutalen Tat. Und er beinhaltet eine Aussage. Keine, die den Menschen gefällt, und möglicherweise auch keine, die intendiert war, aber er hat eine.

Da ein Topf gemeinhin zur Zubereitung von Nahrung dient, wird er mehr oder weniger bewusst mit Leben und Überleben in Zusammenhang gebracht. Es erschüttert auf besondere Weise, dass ein solcher Gegenstand nun eingesetzt wird, um Menschen zu töten. Denn wir möchten in unserer westlichen Kultur das Leben gerne präzise vom Tod trennen. Zumindest gibt es in der heutigen Zeit, in der medizinisch so viel möglich ist, insgeheim auch so etwas wie Unverwundbarkeitsfantasien. Vielleicht ist diese Fantasie der Unverwundbarkeit besonders ausgeprägt, wenn bei einem Marathon-Lauf kurz vor dem Ziel die Schmerzen der 42 Kilometer überwunden sind und sich ein besonderes Gefühl der Lebendigkeit einstellt.

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon.

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon.

Wie eng jedoch Leben und Tod zusammenhängen, machen diese Anschläge erneut deutlich. Obwohl nicht klar ist, ob wie beim 11. September ebenfalls Terrororganisationen für dieses Attentat verantwortlich sind, trifft der Anschlag den gleichen Nerv. Als damals El Kaida verlauten ließ: "Ihr liebt das Leben, wir den Tod", wurde auf unheimliche Weise deutlich, wie unterschiedlich die Werte der Kulturen sind. Im Westen sind wir nicht bereit, für unsere Ideale zu sterben. Aus Perspektive der El Kaida kleben wir am Leben. Schon die Anschläge in New York führten zu einem Wertewandel. Werte der 90er waren vor allem persönliche Profilierung und Profit. Darüber hinaus galt wenig als erstrebenswert. Die mangelnde Wertekultur wurde vordergründig beklagt, tatsächlich aber hingenommen. 9/11 machte sehr deutlich, dass wir doch noch einen Wert haben, von dem wir nicht lassen wollen: das Leben selbst.

Wie perfide und unheimlich nun, dass der Tod mit einem Topf kommt. Er ist eben keine eindeutige Waffe, sondern greift implizit unsere Liebe zum Leben auf, um damit zu attackieren. Bleibt zu hoffen, dass uns der Wert des Lebens durch diesen erneuten Anschlag, wer immer ihn verursacht hat, nochmals deutlich wird. Bleibt darüber hinaus zu hoffen, dass wir uns nicht dazu hinreißen lassen, die Werte der Attentäter zu übernehmen. Denn mit todbringenden Maßnahmen wie Krieg zu reagieren, ist nicht vereinbar mit dem Wert Leben.

Die Autorin:

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon. Sie ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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Kommentare (1)

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Account gelöscht!

23.04.2013, 08:49 Uhr

Das ist aber schon sehr weit her geholte "Kuechenpsychologie"...

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