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23.10.2012

06:50 Uhr

Der Werber-Rat

Uns fehlen echte Werte

VonInes Imdahl

Die Politik hegt und pflegt die „Märkte“, als seien sie die eigenen Kinder. Dabei wurden Märkte in unserem Land nicht immer so stark ins Zentrum der Gesellschaft gerückt: Was heute fehlt, ist Werteorientierung.

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon.

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon.

Märkte gehören zu den VIPs unserer Zeit. Es wird über sie gesprochen als seien es Personen mit menschlichen Gefühlen: Sie sind nervös und empfindlich oder sollen sich beruhigen. Was sagt es aber über die Moral und die Werte der Gesellschaft aus, ein Abstraktum "Markt" auf diese Weise zu personifizieren?

Werte werden heute kaum noch über Obrigkeiten oder "Instanzen" vermittelt. In den 50er Jahren dagegen waren Politik, Kirche, Schule und Familie maßgebliche Wertelieferanten. Dabei spielte es weniger eine Rolle, dass sich alle Menschen mit den vermittelten Werten identifizieren konnten. Wichtig war, dass die Instanzen als solche eine Relevanz hatten.

In einer Erhebung für die RAL Gütezeichen stellte sich heraus, dass nur noch sechs Prozent der Menschen glauben, Politik oder Wirtschaft könnten Werte vermitteln. Bei der Kirche sind es elf Prozent.

Allerdings war zum Zeitpunkt der Umfrage der Papst in Deutschland, ansonsten wäre diese Zahl vermutlich auch einstellig. Mit dem "Tod der Instanzen" fungiert Geld aus Sicht vieler Menschen als letzte Autorität. Diese kann derzeit die Welt regieren, weil es niemand anders tut.

Märkte bestimmen, was richtig und falsch ist: Steigende Kurse sind gut, fallende schlecht. Eben weil Kirche und Politik keine Sinnstiftung mehr liefern, können Märkte und Geld dieses Vakuum füllen. Inzwischen fühlen sich die Menschen existenziell abhängig vom Wohlergehen der Märkte und glauben, nicht genug zum Leben zu haben, wenn es diesen schlecht geht oder der Euro crasht.

Gleichzeitig findet sich jenseits des kalten Geldes eine große Sehnsucht nach anständigem Verhalten. Für moralisch wertvoll halten die Menschen vor allem Ehrlichkeit (86%), Verlässlichkeit (84%) und Rücksicht (82 %). Wenn weder Politik noch Wirtschaft dies vermitteln können, dann muss die Moral von "unten", also den Menschen, kommen, wie etwa in der Occupy-Bewegung erlebt. Dafür, dass auch in Europa das moralisch anständige Verhalten vor allem von den Bürgern eingefordert wird, hätte die Bevölkerung der EU vielleicht wirklich einen Friedensnobelpreis verdient.

Nun wird aber die ehemalige Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und heutige EU für ihren Beitrag zum Frieden ausgezeichnet. Dies zeigt, dass auch aus ursprünglich rein wirtschaftlichen Interessen echte Werte entstehen können. "Geld oder Leben?" muss also keine Entscheidung sein, denn Geld und friedvolles Leben sind nicht notwendig ein Widerspruch.

Kommentare (5)

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Gast44

23.10.2012, 08:53 Uhr

Das Problem sind nicht die "Märkte" oder das Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage. Das Problem ist die extreme Unfairness und die Ungleichverteilung von Wissen und Chancen.
Ein Privatanleger der 50000 Euro in Aktien anlegen möchte hat doch keine Chance gegen die grossen Banken und Marketmaker, die Eigenhandel betreiben.
Im Bereich der Derivate ist es noch schlimmer (aber wer diesen Mist kauft ist selber schuld).
Die Märkte sind heute ein Zusammentreffen von wenigen Wölfen mit vielen Schafen.
Jeder, der eine Lebensversicherung hat oder mit Rister spart gehört zu den Schafen.
Und was mit Schafen passiert wissen wir ja.

Account gelöscht!

23.10.2012, 11:26 Uhr

Ehrlichkeit, Authentizität, Echtheit scheinen mehr und mehr Relikte der Vergangenheit zu werden.

Es ist so beschämend, wie verlogen bspw. politische Akteure handeln, in welcher Farce öffentliche Personen egal ob Wirtschaft oder Politik zwar geschwulstige, politisch korrekte Phrasen dreschen - dabei aber nur auf die Außenwirkung abzielen mit Minimierung der eigenen Angriffsfläche, keinesfalls aber Echtheit darstellen.

In einer Demokratie werden die Massen mittels manipulierender Phrasen der Mainstream-Medien eingelullt, unbesorgt & ruhig gestellt - und die Mächtigen drehen im stillen Hintergrund ihre bösartigen Spielchen.

Und da macht es keinen Unterschied, ob ich simuliere, den Euro zu retten aber im Stillen den Nationalstaat abschaffe und mich fremden Mächten unterwerfe, oder ob ich tolle Börsenprospekte meiner Finanzinnovationen erstelle, die dann leider doch nicht halten, was einst suggeriert und versprochen wurde.

Account gelöscht!

23.10.2012, 11:34 Uhr

Ebenfalls pervers: Die vermeintliche Befindlichkeit 'der Märkte' wird ja vollständig über die Nachrichtenagenturen Reuters/AP in die westliche (Medien-)Welt geflutet.

Diese Agenturen haben vollwertiges Themenmonopol & Deutungshoheit, wie die Dinge zu bewerten sind.

Wenn man dann noch berücksichtigt, dass diese Nachrichten-Agenturen denselben Eigentümer-Dunstkreis wie auch die drei Ratingagenturen und die US-FED haben, dann könnte man nur schreiend davon rennen.

Früher dachte ich, das wäre alles billige Science-Fiction - heute weiß ich, dass diese Machtstrukturen das öffentliche Geschehen einschließlich des entwurzelnden Werteverfalls gemäß willkürlicher Programmatik herbeiführen.

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