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10.07.2013

08:34 Uhr

Einfach mal blank ziehen – nicht die Textilien, sondern die mobilen Endgeräte weglassen. Das fällt heute vielen schwer, dabei wäre es so wichtig. dpa

Einfach mal blank ziehen – nicht die Textilien, sondern die mobilen Endgeräte weglassen. Das fällt heute vielen schwer, dabei wäre es so wichtig.

Die heutige Beobachtung führt uns in die malerische Toskana. Um den Hotel-Pool gruppieren sich Familien, Kinder toben im Wasser, Mütter lesen auf schattigen Liegen, die Kellner sorgen unaufdringlich für Erfrischungen und stets richtig positionierte Sonnenschirme. Das sanft hügelige und satt grüne Land ist ein kleines Paradies, könnte man meinen. Der absolut perfekte Ort für ein paar erholsame Urlaubswochen. Doch etwas stört die Idylle: Es sind diese Falten. Sie verlaufen quer und furchig ausnahmslos über die Stirnen der Väter. Seit dem ersten Tag sind sie dort, und man hat das Gefühl, sie würden stündlich tiefer. Beobachten wir die Szenerie noch ein bisschen, dann kommen wir dem Geheimnis auf die Spur: Zahl und Furchigkeit der Falten stehen in direktem Zusammenhang mit der Anzahl der Telefonate und E-Mails, die die Väter täglich per Smartphone am Pool erreichen. In diesem Hotel, scheint es, haben sich ausnahmslos Manager, Banker und Unternehmer versammelt, die zwar ihrer Familie Erholung gönnen, sich selbst aber nicht. Woran es liegt ist schwer zu sagen. Mangelnde Fähigkeit, loszulassen? Zunehmend distanzlose Kunden und Geschäftspartner? Wie auch immer, die Volkskrankheit Burnout lässt sich auf diese Weise ganz bestimmt nicht heilen.

Stefan Kolle ist Geschäftsführer der Agentur Kolle Rebbe.

Stefan Kolle ist Geschäftsführer der Agentur Kolle Rebbe.

„Ach, Sie sind in Italien - prima, prima!“, tönt es aus dem Telefon, und man würde sich nicht weiter wundern, wenn der Anrufer nur ein paar Liegen entfernt läge, „Ich wollte auch nur kurz mit Ihnen die Marktsituation in Zusammenhang mit unserer Produktneueinführung besprechen.“ Darauf folgt ein ungefähr einstündiger Monolog, in dessen Verlauf die allgemeine Urlaubslaune einen Tiefpunkt erreicht. Eine alte Weisheit sagt: Keine Nachrichten sind gute Nachrichten, vor allem im Urlaub. Insofern wäre es durchaus eine Marktlücke, ein Handy-Hotel vielleicht irgendwo an der Nordsee zu eröffnen. Dorthin schickt man dann sein iPhone oder Blackberry in einer gepolsterten Versandtasche zum Ausspannen. Worauf man dann selbst einen wunderbar entspannten Urlaub mit seiner Familie verbringen kann. Sogar am Hotel-Pool in der Toskana. In diesem Sinne: schöne Ferien!

Sie erreichen den Autoren unter: kolle@kolle-rebbe.de

Der Autor ist einer von fünf Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Stefan Kolle ist Mitinhaber und Geschäftsführer Kreation der Agentur Kolle Rebbe, Hamburg.

Kommentare (2)

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gamoschka

10.07.2013, 10:11 Uhr

Na ja, auch eine Sache der Perspektive; für Kinder vielleicht sogar die bessere Lösung. Es ist ja diese bestimmte Art von Vätern, die sich eben immer irgendwie bewegen müssen. Und ich hätte mir damals als Kind schon diese Kommunikationsform gewünscht. Das hätte meinen Geschwistern und mir sicher angenehmere Ferien beschert, als wenn sich der Handlungsfokus von Vati auf seine Kinder richtet

Account gelöscht!

11.07.2013, 21:12 Uhr

Mich hat man auch schon aus dem Urlaub geholt, weils eng wurde.
Ich kenne einen Fall, wo der AN vom Chef verpflichtet wurde, das Diensthandy eingeschaltet mit in den Urlaub zu nehmen und das des Öfteren.
Soweit zum Erholungswert?

Schönen Abend noch.

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