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31.01.2014

08:15 Uhr

Der Werber-Rat

Verteidigung des Generalisten

VonBodo Hombach

Wir alle spotten über Experten, die so sehr spezialisiert sind, dass sie kaum noch etwas wissen. Aber trotzdem brauchen wir sie. Genau wie die, die auch die Zusammenhänge sehen.

Mehr Wissen, feinste Analyse und immer speziellere Kenntnisse. Das sind die Experte von heute. Doch zu viele Details können ganzheitliche Zusammenhänge verschleiern. Das gilt nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für die Politik. ap

Mehr Wissen, feinste Analyse und immer speziellere Kenntnisse. Das sind die Experte von heute. Doch zu viele Details können ganzheitliche Zusammenhänge verschleiern. Das gilt nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für die Politik.

Ein Klempner besucht die Niagarafälle. Nach dem Staunen sagt er: „Das kann ich in Ordnung bringen.“ Der Experte weiß immer mehr – über immer weniger. Am Ende weiß er alles – über nichts. So spotten wir, aber wir brauchen ihn. Ohne spezielle Kenntnisse und Fertigkeiten würden Brücken einstürzen, Mondlandungen scheitern und Blinddarmentzündungen noch immer tödlich enden.

Gleichzeitig verringert sich das Wissen um ganzheitliche Zusammenhänge. Trotz feinster Analyse und Steuerung entstehen ringsum Verluste und Probleme.

Das Publikum ist irritiert. Auf blinde Expertengläubigkeit folgt blinde Expertenschelte. Menschen mit Haltung und Überblick werden als „Generalisten“ abgetan. Grenzgänger gelten als zwielichtig.

Autor Bodo Hombach ist Jurymitglied für die Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises und Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

Autor Bodo Hombach ist Jurymitglied für die Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises und Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

Es gibt die Logik des Differenzierens und die Logik des Integrierens. Beide haben ihr Recht. Wir brauchen den Spezialisten, der die Komplexität erhöht, die Bereiche zerlegt und sie unter dem Mikroskop genau betrachtet. Aber auch den „philosophischen Kopf“ (Schiller), der die künstlich getrennten Bereiche wieder zusammenführt, die Komplexität reduziert und das Machbare mit dem Wünschbaren versöhnt.

Das gilt nicht nur in Wissenschaft und Technik, sondern auch in der Politik. In den Parlamenten fallen Entscheidungen über Großprojekte der Infrastruktur und über ethische Grenzbereiche. Expertenwissen benötigt Menschenkenntnis und Lebenserfahrung. Wenn’s hochkommt, auch noch Charakter und Rückgrat.

Gegenwärtig diskutieren wir über Grenzgänger, die aus der Politik in die Wirtschaft wechseln. Wir vermuten Interessenkollisionen und sind vorauseilend misstrauisch. Andererseits wünschen wir der Wirtschaft politisches Gespür und Argumentationsfähigkeit. Wir haben nicht zu viele „Quereinsteiger“, sondern zu wenige. Sie exportieren nicht heimliche Interessen, sondern nützliche Kenntnisse und Maßstäbe.

Die moderne Zivilisation agiert in einem Netzwerk von Kompetenzen. Seiteneinsteiger und Wanderer sind kein Störfall. Sie zeigen Risikobereitschaft und Mut.

Der Autor:

Bodo Hombach ist Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik und Vorstand der Brost-Stiftung. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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