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20.12.2013

19:42 Uhr

Der Werber-Rat

Volkswille

VonBodo Hombach

Das eindeutige Ergebnis bei der Befragung der SPD-Mitglieder zur Großen Koalition hat viele Auguren kalt erwischt, die eine Ablehnung vorhergesagt hatten.

76 Prozent stimmten bei dem SPD-Mitgliedervotum mit „Ja“. Dabei spiegelte das Internet eine ganz andere Wirklichkeit wider. dpa

76 Prozent stimmten bei dem SPD-Mitgliedervotum mit „Ja“. Dabei spiegelte das Internet eine ganz andere Wirklichkeit wider.

Der Vorsitzende der bei der Wahl glücklosen Sozialdemokraten hat hoch gepokert und gewonnen. Den Seinen hat er Chancen zur Gestaltung eröffnet: Den Ausgleich zwischen Ökologie und Ökonomie, zwischen Wohlfahrtsstaat und soliden Finanzen. Veröffentlichte Meinungen in Ton, Bild, Schrift oder im Netz lagen wieder mal daneben. Danach waren kaum zehn Prozent der Genossen für das schwarz-rote Bündnis. Die sind auch Mediennutzer. Jeder einzelne musste glauben, zum Fähnlein der sieben Aufrechten zu gehören, wenn er - anders als der meistgefilmte randständige Bochumer Ortsverein - ein tapferes „Ja“ votierte.

Mancher tat so, als ginge es bei dem Votum um eine Art gefühlter Kriegsanleihe wie 1918. Das Ergebnis der Mitgliederbefragung spricht eine andere Sprache. Mit 76 Prozent „Ja“ bei den abgegebenen Stimmen überflügelt es auch notorische Optimisten.

Autor Bodo Hombach ist Jurymitglied für die Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises und Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

Autor Bodo Hombach ist Jurymitglied für die Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises und Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

Es stellt viele der sich multimedial verbreitenden Auguren ins Aus. Die geben ihre eigenen Prophezeiungen gern als Volkes Stimme aus. Selbst die „Bild“-Zeitung hatte zeitweilig Schwierigkeiten, die richtige Witterung aufzunehmen.

Es gibt sie, die schweigende Mehrheit! Sie wird vom Netz weder ein- noch aufgefangen. Umfragen können das eher. Die Entdeckung der schweigenden Mehrheit ist alt und hat sich vielfach bestätigt. Gibt es auch eine schweigende Wahrheit? Sie dreht Journalisten eine lange Nase, wenn sie sich zu sehr an Klick-Kontakten im Web bedienen. Darf man von der hysterisierenden Wirkung des Internets sprechen?

Zwar gibt es das Massenphänomen einer subkutanen Bereitschaft, sich unterzuordnen. Man möchte Teil einer möglichst großen Gruppe sein. Das wurde und wird gern zur Stimmungsmache benutzt. Wir lernen aber, dass Volkes Stimme - nicht nur in der geübten Schweiz - mehr von Maß und Mitte geleitet wird als die von polarisierenden Meinungen überfütterte Talkshow-Gesellschaft vermuten lässt.

Im Internet kann jeder seine ganz persönliche Einschätzung so weit verbreiten, dass Journalisten der unkritischen Art diese für den allgemeinen Konsens halten. Wir vergessen leicht: Das Web ist Gegenstand der Analyse, aber nicht ihr Werkzeug.

Der Autor:

Bodo Hombach ist Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik und Vorstand der Brost-Stiftung. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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