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25.03.2013

07:00 Uhr

Der Werber-Rat

Wechselhafter Meinungswind

VonBodo Hombach

Selbst alte Hasen der Meinungsforschung sind irritiert: Die Stimmungen der Menschen schwanken wie nie zuvor. Statische Bestandsaufnahmen gelten anscheinend nur noch im Moment der Erhebung.

Eine Frage, viele Meinungen. Da hat man nicht mehr immer den Durchblick. picture alliance / dpa

Eine Frage, viele Meinungen. Da hat man nicht mehr immer den Durchblick.

Meinungsumfragen sind nicht mehr, was sie mal waren. Früher hatte man einen sorgfältig ausgetüftelten Fragebogen. Die Leute gaben Auskunft. Wechselwähler waren Minderheiten und der Zusammenhang sozialer Daten mit Einstellungen stabil. Die Welt war übersichtlich. Man konnte planen. Parteipräferenzen lösten sich schleichend aus alten Bindungen. Bei Meinungsäußerungen waren Pendelausschläge nachvollziehbar.

Das Internet zerrüttet auch dieses Verhältnis. Es ist der größte anzunehmende Stammtisch. Das kleinste Ereignis erzeugt Sturzbäche von Meinungen. Geist und Ungeist wehen, wo sie wollen. Der Mensch agiert wie ein elektronischer Ladungsträger, beliebig, abhängig von der anliegenden Spannung. Was er heute mit Nachdruck verkündet, hat er morgen fröhlich vergessen.

Politiker tun es ihnen nach. Der Ratio zu folgen, ist mühsam und ein Balanceakt auf schmalem Grat. Die Wähler folgen ihr auch nicht. Es ist leichter, Parteifähnchen in den Wind zu halten. Vergesslichkeit ist verlässliche Basis.

Autor Bodo Hombach ist Jurymitglied für die Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises und Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

Autor Bodo Hombach ist Jurymitglied für die Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises und Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

Bei Großprojekten wird es extrem schwierig, im Knäuel den Faden zu finden. „Bist du dafür oder dagegen?“ ist sinnlos, denn wer heute für die Energiewende ist, ist morgen gegen Windräder. Was richtig erscheint, ist sicher falsch, wenn es den eigenen Vorgarten tangiert. Jeder ist „sozusagen“ und „gewissermaßen“ für die Energiewende, aber gleichzeitig zutiefst skeptisch, dass die Entscheidungsträger richtig handeln.

Auch alte Hasen der Meinungsforschung sind irritiert. Nicht weil sich die Faktoren geändert hätten, sondern weil die Stimmungen schwanken wie nie. Einstellungsmuster weichen rapide auf. Wir beobachten einen fundamentalen Vertrauensverlust in genau die Institutionen und Strukturen, die früher die berufenen Vertrauensspender waren.

Was lehrt uns das? Statische Bestandsaufnahmen gelten nur für sich selbst und im Moment ihrer Erhebung. Wir brauchen dehnbare Formeln mit weichen Konstanten. Großprojekte sind nicht mehr Ablauf in Netzplantechnik, sondern Kommunikationsprozess von Anfang bis Ende. Sie siedeln in einer Wolke möglicher Entscheidungen. Da gibt's nur eins: Augen auf und durch.

Der Autor:

Bodo Hombach ist Hochschullehrer und ehemaliger WAZ-Chef. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare (4)

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DerDoolittle

25.03.2013, 10:24 Uhr

***Der Mensch agiert wie ein elektronischer Ladungsträger, beliebig, abhängig von der anliegenden Spannung. Was er heute mit Nachdruck verkündet, hat er morgen fröhlich vergessen. Politiker tuen es ihnen nach***
Ähm, also bin ich jetzt völlig bescheuert? Der oben zitierte "Mensch" macht es den Politikern und anderen "Galionsfiguren" nach.
Also langsam reicht es aber wirklich mit dem Schwachsinn, der hier verbreitet wird...

Gast

25.03.2013, 10:39 Uhr

Statistische Bestandsaufnahmen gelten eigentlich garnicht. Es ist immer eine Frage wer die Statistik erhebt, unter welchen Leuten, aber insbesondere mit welchen Fragen.
Stellt man die Frage richtig, bekommtn man die Antwort, die der der die Frage in Auftrag gibt, sucht.

reinhard.wilhelm

25.03.2013, 11:39 Uhr

*lol* sind die guten Zeiten für die waz vorbei ? WAZ immer artig und treu zur SPD, der pöhse Waehler gar nicht mehr, ist dieser doch sprunghaft. Nunja, wer sich die Politik der letzten Jahrzehnte anschaut, der sieht, dass diese den Wähler nachdrücklich verarscht hat: Die SPD mit verbal stets lauthalst abgelehnten Sozialeinschnitten, die Grünen als lautschreiende und steineschmeißende Friedensengel mit der Verteidigung am Hindukush, die FDP und CDU mit Schuldenpakten und verbal abgelehnten, dafür doppelt so teuren Steuererhöhungen und das ganze sogar ohne Bürokratieabbau. Das Grundvertrauen fehlt. Seit einiger Zeit versucht man den Wähler mit Radieschen, Möhrchen, sonstigen Lekkerlies zu locken. Dieser schleckt mal darüber, aber echte Freundschaft kommt so halt einfach nicht mehr auf. Das Internet ist wie ein Katalysator. Alles wird deutlich schneller analysiert und die Beurteilungen fallen härter aus. Den Medien wird schon lange keine Deutungshoheit mehr eingeräumt. NPD-Verbotsverfahren, EURO-Rettungspakete, Globale Erderwärmung,pp. mögen in den Medien große Breite eingeräumt werden, aber die Bürger sehen inzwischen genau hin, wer sich die Taschen vollstopft, wer zu welcher Musik tanzt. Es ist eben ein Demokratieverlust, wenn sich Bürger nicht mehr vertreten fühlen, weder von den Parteien, noch von den von ihr gesteuerten Medien.

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