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04.09.2015

19:51 Uhr

Der Werber-Rat

Wenn alle an einem Strang ziehen

VonRaphael Brinkert

Bei der Kampagne „Jeder hat das Recht auf Menschenrecht“ engagieren sich Prominente und Bürger gemeinsam gegen den Fremdenhass. Das ist gut so, denn es braucht das Kollektiv, um in der Gesellschaft etwas zu verändern.

Viele Menschen, wie hier in Sachsen, setzen sich für Flüchtlinge und gegen Fremdenhass ein. dpa

Zeichen setzen

Viele Menschen, wie hier in Sachsen, setzen sich für Flüchtlinge und gegen Fremdenhass ein.

Vor vier Wochen habe ich mich an dieser Stelle zur Asyldebatte geäußert. Aus der Abstraktheit ist in den letzten Wochen tagtägliche Realität geworden. Es ist eine kollektive Bereitschaft entstanden, in dieser Debatte klare Haltung zu zeigen.

Nach den rechtsextremen Krawallen in Heidenau, vermehrtem Hass über Social Media sowie der Flüchtlingstragödie in Österreich haben sich immer mehr Einzelpersonen zu Wort gemeldet. So rechnen mit Joko und Klaas zwei Entertainer mit Usern ab, die sich über die sozialen Medien rassistisch äußern. Die Botschaft: „Ihr seid nicht die Mehrheit, sondern die Dummheit!“ Es sind jedoch nicht nur mediale Ikonen, die etwas bewirken.

Den größten gesellschaftlichen Impact hat aktuell nämlich eins: die Gemeinschaft!

Raphael Brinkert ist Mitinhaber der Agentur Jung von Matt/Sports.

Raphael Brinkert ist Mitinhaber der Agentur Jung von Matt/Sports.

Mit der Mitmachkampagne „Jeder hat das Recht auf Menschenrecht“ setzen auch Deutschlands führende Agenturen – unter dem Dach des Gesamtverbands Kommunikationsagenturen GWA – gemeinsam mit dem Deutschen Olympischen Sportbund und Prominenten ein Zeichen.

Egal ob Bundesligaprofi, Popstar, Bestsellerautor, Moderator oder Student, Bäcker oder Taxifahrer. Jeder kann seinen Beitrag leisten: durch Aktionen, durch Geld- und Zeitspenden, durch Freischaltungen in den Medien oder einfach mit einem Foto, das man mit einem Artikel der Menschenrechte im Social Web veröffentlicht. Das Kollektiv errichtet so gemeinsam einen nationalen Leuchtturm.

Wie Menschen in Deutschland Flüchtlingen helfen

Einwohner

Marxloh hat 19.000 Einwohner und ist ein junger und bunter Ortsteil. Das Durchschnittsalter beträgt 37,2 Jahre, jeder vierte Marxloher ist unter 18 Jahren. Der Ausländeranteil liegt bei 45 Prozent. Angehörige von 92 Nationalitäten leben dort.

Fahrräder

Zwei junge Ingenieure gründeten 2012 in Karlsruhe das Projekt „Bikes without Borders“. Flüchtlinge können neben der Erstaufnahmestelle gebrauchte Fahrräder bekommen, die gespendet und von Ehrenamtlichen repariert wurden. Bis vor einigen Monaten wurden die Räder verliehen; inzwischen werden sie für zehn Euro verkauft und müssen nicht mehr zurückgebracht werden. „Die Nachfrage hat enorm zugenommen“, sagte am Dienstag Mitinitiator Tobias Fleiter.

Fußballverein

Gerade erst hat Deutschlands erste reine Flüchtlingsmannschaft „Welcome United 03“ in Potsdam den Liga-Spielbetrieb aufgenommen. Der Verein SV Babelsberg 03 hat das Team als dritte Herrenmannschaft angemeldet.

Garten

In Berlin legen Helfer zusammen mit Flüchtlingen bewegliche Hochbeete an - sie nennen das „mobile Seelengärten“. „Wir verstehen den Garten als Gegenpol zu den schrecklichen Erfahrungen, die viele Flüchtlinge gemacht haben“, erläuterte Traumatherapeutin Tina Diest, die die Gartenprojekte begleitet, vor rund zwei Wochen.

Hilfe beim Einkauf

Die Freiwilligenagentur in Halle verzeichnet seit Mai einen enormen Anstieg an Angeboten, um Flüchtlingen im Alltag zu helfen. „Wir haben alle Hände voll zu tun“, sagte eine Sprecherin. Die Angebote: Sprache lernen, Begleitung beim Einkaufen („Warum braucht man einen Chip am Einkaufswagen?“), Arzt- und Behördenbesuche, Umzug samt Installation von Waschmaschinen.

Internet

Nach Recherchen des Blogs „Netzpolitik.org“ stellen nur etwa 15 Prozent der Flüchtlingsunterkünfte Internetzugänge. Die Daten seien nicht vollständig, heißt es, viele Behörden hätten keinen umfassenden Überblick. Initiativen wie „Freifunk Dortmund“ oder „Refugees Online“ nehmen die Sache in die Hand. Sie bringen Flüchtlinge ins Netz, damit sie etwa ihre Familie sprechen können.

Online Challenge

Fernsehköchin Sarah Wiener verteilte bei der „Welcome Challenge“ Essen an Flüchtlinge. Die Aktion funktioniert ähnlich wie die „Ice Bucket Challenge“: Im Internet veröffentlicht man Bilder und nominiert weitere Kandidaten, die mitmachen sollen.

Patenschaften

Flüchtlingsfamilien haben im rheinland-pfälzischen Jugenheim einen Paten. Eine Initiative mit dem Motto „Willkommen im Dorf“ kümmert sich um 40 Flüchtlinge, die in einem umgebauten Pfarrhaus leben. Ehrenamtlich Paten gibt es auch andernorts.

Sporttraining

Amateurboxerin Lina Schönfeld trainiert in Braunschweig Flüchtlinge. Einmal pro Woche kommen junge Männer aus den umliegenden Unterkünften, um beim Boxen zu schwitzen. „Tendenziell wird die Gruppe immer größer“, sagt die 28-Jährige. Die Teilnehmer zählen auf Deutsch und erhalten kleine Anweisungen.

Theater

Syrische Flüchtlinge stehen im hessischen Biedenkopf auf einer Bühne. Noch bis Anfang September wird dort ein Stück über einen legendären Postraub gezeigt. Die fünf Flüchtlinge hoffen, so ihre Deutschkenntnisse zu vertiefen. Und sind stolz auf das Vertrauen, das die Regisseurin in sie setzt, wie einer von ihnen berichtet.

Umweltbelastung

Ob Feinstaub-Belastung, Verkehr oder Straßenlärm: Duisburg-Marxloh zählt zu den Stadtvierteln mit der höchsten Umweltbelastung. Ein großer Teil der Gebäude ist auch sanierungsbedürftig.

WG-Börse für Flüchtlinge

Die Berliner Initiative „Flüchtlinge Willkommen“ vermittelt WG-Zimmer an Flüchtlinge. Schon 80 Mal hat das bundesweit geklappt, heißt es auf der Homepage. Finanziert werden die Zimmer über Spenden oder mit staatlichem Geld.

Wissenschaft

Frankfurter Studentinnen wollen Flüchtlingen mit akademischem Hintergrund Orientierung im Wissenschaftsbetrieb geben. Mit ihrer Organisation Academic Experience Worldwide vermitteln sie dazu unter anderem Tandempartner. Sie wollen dem Klischee vom „armen, ungebildeten Flüchtling“ entgegenwirken, sagen die Initiatorinnen.

Zuhause

Die Familie des Bundestagsabgeordneten Martin Patzelt (CDU) nahm zwei Flüchtlinge aus Eritrea bei sich auf. Der ehemalige Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder) wirbt dafür, sich stärker für Flüchtlinge zu engagieren. Drohungen wurden für ihn trauriger Alltag. „Täglich bekomme ich E-Mails mit Beleidigungen. Manchmal sind sogar Morddrohungen darunter“, erzählte der Politiker Anfang August.

Zuwanderung

Viele Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien kommen nach Marxloh. Seit Ende 2012 hat sich ihr Anteil in der Bevölkerung fast verdreifacht (Stand 31.12.2014: 3000). Knapp die Hälfte der im vergangenen Jahr nach Marxloh gezogenen Bulgaren und Rumänen waren Kinder und Jugendliche (46 Prozent).

Bemerkenswert ist, dass auch im Alltag konkurrierende Kommunikationsagenturen an einem Strang ziehen. Eigene Interessen werden einer gemeinsamen Initiative untergeordnet und mit konkreten Hilfsangeboten untermauert. Dieser Kollektivgedanke, der mittlerweile Akteure aus Wirtschaft, Sport, Kultur und Politik vereint, ist ein Schritt, um Lösungen in der Flüchtlingsproblematik zu entwickeln.

Der Autor:
Raphael Brinkert ist Mitinhaber der Agentur Jung von Matt/Sports.

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