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30.07.2012

19:31 Uhr

Der Werber-Rat

Zeitarbeit - zu Unrecht verschrien

VonBodo Hombach

Oft wird vergessen, dass auch das Gute und Richtige ohne Werbung in Verruf kommen kann. So ergeht es der Zeitarbeit, dem Schreckgespenst der Arbeitswelt. Das System mag nicht glanzvoll sein, aber es funktioniert.

Zeitarbeit: Schlechtes Image, aber wichtige Rolle. dapd

Zeitarbeit: Schlechtes Image, aber wichtige Rolle.

Das Image von Zeitarbeitsfirmen steht in grobem Missverhältnis zu Bedeutung und Erfolg. Man assoziiert sofort eine Reihe hässlicher Eigenschaften: Lohndrückerei, befristete Arbeitsverhältnisse, statistische Verschönerung der Arbeitslosigkeit, Prekariat. Dagegen steht, dass Zeitarbeitsfirmen in der Dynamik der heutigen Arbeitswelt eine wichtige Rolle spielen. Wäre ich ein PR-Mann, fände ich gute Gründe, Sein und Schein anzunähern.

Viele Unternehmen stellen zusätzliche Leute trotz Engpässen nicht ein. Sie fürchten in Krisensituationen und bei Absatzschwächen um ihre Flexibilität.

Jeder Sozialarbeiter weiß, dass Langzeitarbeitslose nicht nur Job und Einkommen verlieren. Nach rund drei Monaten sind zu viele auch aus dem Takt. Sie verlieren Fähigkeiten und Interessen, sie fühlen sich gedemütigt und resignieren. Der wichtigste Motor aller Aktivitäten und Abenteuer ihres Lebens war ein intaktes Selbstwertgefühl. Jetzt sitzen sie auf der langen Bank in der Agentur für Arbeit und werden oft "bedarfsfern" nachqualifiziert. Auf der anderen Seite steht ihr alter Betrieb im scharfen Wind des Marktes. Er muss Segel reffen, um nicht unterzugehen. Vielleicht hat er auch - wie weiland die Titanic - einen selbstgefälligen Kapitän, der lieber mit Eisbergen pokerte, als ruhiges Wasser zu wählen.

Autor Bodo Hombach ist Jurymitglied für die Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises und Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

Autor Bodo Hombach ist Jurymitglied für die Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises und Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

Zeitarbeit mit fairen Löhnen puffert Probleme ab. Den Betrieben hilft sie, die schwankende Auftragslage auszugleichen. Den Arbeitnehmern ermöglicht sie, neue Kontakte aufzubauen. Sie trainiert die Sprunggelenke innerhalb des Erwerbsprozesses, auch wenn der große Sprung noch nicht möglich ist. Sie kommt denen entgegen, die nebenbei auch noch Väter oder Mütter sind oder deren Kräfte nachlassen. Und vor allem: Sie behindert den Absturz ganzer Familien in die soziale Randlage. Wunschziel ist natürlich, ihn dauerhaft zu verhindern.

Solange das Angebot an Vollzeitarbeit schneller schrumpft als die Bevölkerung, muss man teilen. Die Natur macht es uns vor. Sie setzt nicht auf starres, sondern auf dynamisches Gleichgewicht. Solche Systeme funktionieren, nicht immer glanzvoll und heroisch, aber Millionen Jahre lang.

"Alles oder nichts" ist eine deutsche Versuchung. Die Geschichte gab oft die Antwort: "Dann eben nichts!" - "Jeder ist seines Glückes Schmied", das ist Poesie-Album. Wo das große Glück - noch - nicht geht, ist Überleben ja auch schon was. Wir wissen längst: Auch das Gute und Richtige kann in Verruf kommen, wenn man nicht argumentiert und dafür wirbt.

Der Autor:

Bodo Hombach ist Hochschullehrer und ehemaliger WAZ-Chef. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare (15)

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DieBlender

30.07.2012, 19:53 Uhr

So ein Quatsch. So ein Dummkopf.
Auch der Sklavenhandel und die Sklaverei hat funktioniert.
Die Frage ist doch wer sind die Gewinner und wer die Verlierer. Verlierer gibt es viele und wenig Gewinner.

Holla

30.07.2012, 20:36 Uhr

Mindestlohn und Equal pay sind die Stichworte. Ansonsten ist die Zeitarbeit überflüssig, die Unternehmen können ja Zeitverträge machen. Hombach redet Unsinn

Account gelöscht!

30.07.2012, 20:43 Uhr

Zeitarbeit, man mag dazu stehen wie man will, ist die Antwort auf einen betonierten, überregulierten Arbeitsmarkt. Von "Markt" = Angebot und Nachfrage kann da sowieso schon längst keine Rede mehr sein.
Die Flexibilität muß zurück in die Betriebe verlagert werden.
mondahu war 30 Jahre Unternehmer. Er hätte sich lieber die Hand abgehackt als einen seiner Leute zu verlieren. Gut, das Beispiel ist vielleicht nicht ganz typisch, denn einen neuen einzuarbeiten und zu integrieren verursachte Kosten in Höhe eines Jahresgehalts des betreffenden. Aber das ist doch heute der Fall in der Mehrzahl aller Betriebe die nicht nur Jahrmarktartikel im Sortiment haben.
Außerdem: mondahu hatte einen Betriebsrat, aber keine Gewerkschaften im Haus.

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