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01.07.2013

08:21 Uhr

Der Werber-Rat

Zivilcourage üben

VonBodo Hombach

Verantwortungsdiffusion nennt sich das Phänomen, wenn eine Menschenmenge beim Anblick einer Tat lieber wegsieht als einschreitet. Je mehr Menschen anwesend sind, desto feiger verhalten sie sich.

Gedränge am Bahnsteig: „Verantwortungsdiffusion“ nennen Psychologen das Phänomen, wenn große Menschenmengen bei einem Unglück zusehen statt einzugreifen. dpa

Gedränge am Bahnsteig: „Verantwortungsdiffusion“ nennen Psychologen das Phänomen, wenn große Menschenmengen bei einem Unglück zusehen statt einzugreifen.

Es gibt namenlose Helden, die selbstlos eingreifen, wenn ein Verbrechen geschieht. Häufiger liest man von vielen anderen, die hinsehen, aber als Voyeure einer Gewalttat, die sie nicht betrifft. Der Einzelne ist leichter bereit, einzuschreiten und sich sogar selbst zu gefährden. Das Kollektiv, das die Tat am ehesten verhindern könnte, hält sich feige zurück.

Sozialpsychologen versuchen, dieses Verhalten zu enträtseln. Sie nennen es Verantwortungsdiffusion. Je mehr Personen anwesend sind, desto mehr verdünnt sich das Gefühl, man müsste was tun, um dem Opfer beizustehen. Der potenzielle „Held“, als den sich mancher empfindet, seitdem er Superman gesehen hat, verwandelt sich in den „Zuschauer“, der sich nicht zuständig fühlt.

Autor Bodo Hombach ist Jurymitglied für die Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises und Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

Autor Bodo Hombach ist Jurymitglied für die Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises und Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

Vermutlich verstärkt unser Medienkonsum diesen Effekt. Als die Gladbecker Geiselnehmer mit ihrem Pkw einen Tag lang in der Kölner Fußgängerzone standen, die Pistole am Kopf ihres Opfers, bildete sich um sie herum eine Menschentraube, die das Geschehen beglotzte, frei nach Loriot: „Lasst doch das Kind mal heran!“ Journalisten eilten herbei, unterhielten sich mit den Gangstern. Jeden Moment konnten Schüsse fallen, offenbar erfasste niemand die Gefährlichkeit der Situation. Es war der totale Wirklichkeitsverlust. Man fühlte sich als Zuschauer eines Fernsehprogramms. Wenn es ungemütlich wurde, konnte man ja umschalten.

Zivilcourage. Kann man ein defektes Gen im Humanum der Gesellschaft und des Einzelnen reparieren? Kann man richtiges Verhalten durch Training lernen?

Der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr und der Sicherheits- und Gebäudedienstleister Kötter Services haben die Stiftung „muTiger“ gegründet. Teilnehmer ihrer kostenlosen Kurse lernen, bewusst hin- statt wegzusehen. Sie üben, kritische Situationen richtig einzuschätzen und Handlungsspielraum zu erkennen. Zugleich entsteht ein Netzwerk für Zivilcourage. Aus „gemeinsam sind wir schwach“ soll „gemeinsam sind wir stark“ werden. Eine sinnvolle Initiative, die Aufmerksamkeit verdient.

Der Autor:

Bodo Hombach ist Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

Kommentare (20)

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Account gelöscht!

01.07.2013, 09:01 Uhr


Tja, Herr Hombach,

das hört sich ja alles ganz nett an - aber was sagen sie zu den Risiken und Nebenwirkungen der Zivilcourage?

"Schlägerei in U-Bahnhof – Helfer verurteilt.
600 Euro Strafe, weil er helfen wollte"

http://www.tz-online.de/aktuelles/muenchen/strafe-weil-er-helfen-wollte-tz-722259.html

"Wochen später bekommt der Handwerker einen Brief vom Amtsgericht. Es ist ein Strafbefehl. Er soll 600 Euro zahlen – wegen vorsätzlicher Körperverletzung!

Begründung: Die Lage im U-Bahnhof sei bereits bereinigt, ein Notruf abgesetzt gewesen. Es habe somit keinen Grund gegeben, dem Schläger so kräftig zu schubsen, dass dieser ins Gleisbett fallen konnte. Zudem sei er Savas K. körperlich weit überlegen.

Uwe W. fällt aus allen Wolken, legt Einspruch ein. Es folgt die Hauptverhandlung. „Ich hatte keine Wahl: Entweder ich akzeptiere den Strafbefehl oder werde wegen gefährlicher Körperverletzung zu mindestens einem halben Jahr verurteilt.“"

Mit anderen Worten: alles, was man im Ernstfall innerhalb von Sekunden tut oder entscheidet unterliegt der Nachprüfung eines Sessel******s am Gericht, und wenn der nach gründlicher Prüfung zum Schluß kommt, man habe "überreagiert", geht man ins Kittchen, wenn man Pech hat.

Das sollte Ihnen aber bekannt sein, Herr Hombach. Und Sie sollten es in diesem Zusammenhang nicht verschweigen.

Bmehrens

01.07.2013, 09:02 Uhr

Bodo Hombach - nur Politiker gewesen, jetzt Präsident von irgendwas. Was will DER uns erklären? DER hat noch NIE in einer U-Bahn gesessen....

Bluecher

01.07.2013, 09:31 Uhr

Eine Möglichkeit Zivilcourage zu üben wäre, mit gestellten Szenen in Bus und Bahn
konkrete Situationen vorzutäuschen in denen dann ein ebenfalls eingeweihter (scheinbarer Zuschauer) andere Passanten bittet ihn zu unterstützen und in die Situation einzugreifen.
Wenn z.B. Im Bus eine Pöbelei entsteht könnte dieser seine Nachbarn bitten mit ihm zusammen aufzustehen und den Aggressor gemeinsam aufzufordern sein Tun zu unterlassen. Da dieser in diesem Moment auch. Ich weiß wie weit die Überzahl an Gegnern geht könnte dies ihn verunsichern und von seiner Tat abhalten. Anschließend könnte man die Situation aufklären und den anderen Passanten erklären wie sie in Zukunft in einer realen Situation eingreifen können.

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