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14.08.2014

06:53 Uhr

Deutsche Autoren rebellieren

Aufstand gegen das Amazon-Diktat

ExklusivWie in den USA prangern nun auch deutsche Autoren die Verkaufsmethoden von Amazon an, unter ihnen prominente Schriftsteller wie Ingrid Noll und Elfriede Jelinek. Der Vorwurf: Es würden Bücher als Geiseln genommen.

Amazon verzögert Auslieferungen bei Büchern. Die deutschen Autoren gehen dagegen vor. dpa

Amazon verzögert Auslieferungen bei Büchern. Die deutschen Autoren gehen dagegen vor.

Düsseldorf/Wien.Die deutschen Schriftsteller greifen die Geschäftsmethoden von Amazon scharf an. In einem Protestbrief an Amazon-Chef Jeff Bezos, der dem Handelsblatt (Donnerstagsausgabe) vorliegt, heißt es: „Amazon manipuliert Empfehlungslisten. Amazon nimmt Autoren und ihre Bücher als Druckmittel her, um noch mehr Rabatte zu erzwingen.“

Zu den bereits über 100 Erstunterzeichnern gehören Schriftsteller wie Ingrid Noll („Die Apothekerin“), Nele Neuhaus („Sommer der Wahrheit“), Eva Rossmann („Männerfallen“) und „Tatort“-Autor Fred Breinersdorfer. Auch die österreichische Literatur-Nobelpreistrgerin Elfriede Jelinek („Gier“), und prominente Autoren wie Günter Wallraff („Ganz unten“) John von Düffel („Born in the RAF“) haben den Protest der deutschsprachigen Autoren gegen Amazon unterzeichnet, wie Beteiligte am Donnerstag berichteten.

„Wir müssen die Leser aufklären, dass die Manipulation der Empfehlungslisten und die verzögerte Auslieferung von Büchern, deren Verlage sich gegen Amazon wehren, zum Alltag bei Amazon gehören“, sagte Regula Venske, Generalsekretärin des PEN Zentrums Deutschland, dem Handelsblatt.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

Wie fing Amazon an?

Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

Wie relevant ist der deutsche Markt?

Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

Wie ist der Konzern aufgestellt?

In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

„Wir Autoren sind der Meinung, dass kein Buchhändler den Verkauf von Büchern behindern oder gar Kunden vom Kauf von Büchern abhalten darf“, sagte Tobias Kiwitt, Vorstandssprecher des Bundesverbandes junger Autoren und Autorinnen, dem Handelsblatt. Der offene Brief soll zu Beginn der nächsten Woche veröffentlicht werden. „Amazon versucht, noch rigider seine Geschäftsinteressen gegen die Verlage und Autoren durchzusetzen – mit abenteuerlichen Methoden“, kritisiert Gerhard Ruiss, Geschäftsführer der IG Autoren Österreich. Die Autoren behaupten, dass Amazon auch die Auslieferungen von Büchern einzelner Verlage verlangsame.

Mit ihrem Protest gegen den weltgrößten Internethändler sind die hiesigen Autoren nicht allein. Zuvor hatten mehr als 900 US-Schriftsteller wie Stephen King oder John Grisham das Vorgehen von Amazon im Streit um E-Book-Preise scharf verurteilt. Amazon verweist darauf, dass Literatur billiger werden müsse, da sie mit anderen Medien in Konkurrenz stehe.

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Wachstum um jeden Preis: Amazon legt sich mit Zulieferern an

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hps

Kommentare (7)

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Herr Peter Kayatz

14.08.2014, 07:51 Uhr

Ich weiss jetzt einiges über die Geschichte von Amazon, aber leider immer noch nicht, worüber konkret sich die Autoren aufregen. Alles was ich lerne ist: "„Amazon manipuliert Empfehlungslisten. Amazon nimmt Autoren und ihre Bücher als Druckmittel her, um noch mehr Rabatte zu erzwingen.“ Ich hoffe, dass zumindest die unterzeichnenten Autoren besser wissen, was sie stört.

Herr wulff baer

14.08.2014, 07:55 Uhr

Auf die geistigen Ergüsse der genannten Autoren kann man getrost verzichten, denn oft handelt es sich um Redundanz, die die Hohlköpfigkeit der Deutschen noch fördert.
Wahrscheinlich kann man mehr als 90% der Neuerscheinungen als wenig hilfreich für den Leser bezeichnen.
Viel wichtiger als das fortgesetzte Amazon-Bashing wäre, die Buchpreisbindung abzuschaffen, denn die Handelsspannen der Buchhändler reichen an die 50% heran.

Peter Wolf

14.08.2014, 08:09 Uhr

Ich finde Amazon gut! Wenn ich mir da neue Bücher angeschaut habe, bestelle ich sie beim Buchhändler bei uns im Ort. Finde ich eine faire Lösung.

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