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04.04.2006

09:59 Uhr

Deutsche Bank

Clemens Börsig: Nicht der geborene Banker

VonChristian Potthoff

Finanzvorstand Clemens Börsig soll Rolf Breuer als Aufsichtsratschef folgen. Börsig ist fraglos qualifiziert, wenngleich er keine typische Bankkarriere vorweisen kann. Er ist ein Quereinsteiger.

FRANKFURT. Für eine Unterhaltung mit Clemens Börsig braucht man gute Nerven. Ehe er eine Frage beantwortet, mustert er seinen Gegenüber gerne für ein paar Sekunden mit durchdringendem Blick. Dann kann es passieren, dass er seinen Gesprächspartner mit einem knappen Satz in harschem Ton abbügelt. Manchmal hebt er aber auch zu einer langen, grundsätzlichen Antwort an – dann schimmert sein Job als Honorarprofessor in München durch, den der promovierte Betriebswirt seit Jahren ausübt.

In der Bank verzichtet der 57-jährige Badener aber auf den Professorentitel. Dort gibt er den knallharten Zahlenmanager, wie es sich für einen Finanzvorstand gebührt. Die intimen Kenntnisse der Bankbücher und ihrer Risiken dürften dem designierten Aufsichtsratschef helfen, seinem derzeitigen Chef Josef Ackermann künftig genau auf die Finger zu schauen.

Mit Ackermann verstehe sich Börsig recht gut, heißt es in der Bank. Anders etwa als Vorstand Tessen von Heydebreck oder Privatkundenchef Rainer Neske hat er beispielsweise nicht gegen die umstrittene Schließung des Immobilienfonds Grundbesitz-Invest gestimmt. Auch bei der strikten Orientierung am Aktionärsinteresse (Shareholder-Value) steht er Ackermann und Breuer in nichts nach.

Anders als diese ist Börsig aber nicht der geborene Banker. Vielmehr hat er den größten Teil seiner Karriere in der Industrie absolviert. Nach Stationen bei Mannesmann und Robert Bosch wechselte der kinderlose Manager 1997 als Finanzvorstand zu RWE. Dort entwickelte er das Modell, unter dem RWE die Mehrfachstimmrechte der Kommunen abschaffte – eine Konstruktion, die für einen kapitalmarktorientierten Manager wie Börsig ein Greuel sein musste.

Nach seinem Wechsel zur Deutschen Bank vor sechs Jahren führte Börsig unter anderem eine bilanztechnische Neuerung ein, die Bilanzierung nach US-GAAP. Bei Analysten stieß er anfangs mit seiner bisweilen knorrigen Art auf Vorbehalte. Mittlerweile kommt er zwar besser an, doch zumindest die Investmentbank Bear Stearns hofft jetzt, dass sein Nachfolger Anthony Di Iorio die Zahlen „etwas knackiger“ präsentieren wird.

In der Bank verschaffte sich der penible Finanzprofi mit seiner Sachkenntnis schnell Respekt. Intern galt er sogar als möglicher Interims-Nachfolger Ackermanns, falls dieser über den Mannesmann-Prozess stolpern sollte. Auch beim Gehalt setzte er sich zuletzt von den Vorstandskollegen Heydebreck und Hermann-Josef Lamberti ab. Mit 5,65 Millionen Euro verdiente er 2005 ein paar Hundertausend Euro mehr als diese.

Zuletzt drohte sein Einfluss aber zu schrumpfen. Seit Monaten hielten sich Gerüchte über den Aufstieg des Risikomanagers Hugo Bänziger in den Vorstand. Dies hätte dazu führen können, dass Börsig „nur“ noch für die Finanzchef gewesen wäre. Dieser Halbierung seiner Kompetenzen ist er mit dem Aufstieg in den Aufsichtsrat elegant entgangen. Und viele, die ihn kennen, gehen davon aus, dass er trotz seiner strategischen Übereinstimmung mit Ackermann nicht alles durchwinken wird. „Der wird dem Aufsichtsrat schnell seinen Stempel aufdrücken“, meint ein Frankfurter Banker.

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