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31.08.2012

17:23 Uhr

Deutsche Bank

Tod von Norbert Walter löst Bestürzung aus

Norbert Walter ist im Alter von 67 Jahren gestorben. Fast 20 Jahre war er Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Meinungsfreudig und streitbar: Der Ökonom war lange Zeit das Gesicht von Deutschlands größtem Finanzinstitut.

Norbert Walter ist im Alter von 67 Jahren gestorben. dpa

Norbert Walter ist im Alter von 67 Jahren gestorben.

FrankfurtDer langjährige Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, ist tot. Nach Angaben seiner Familie starb der 67-Jährige am Freitag. Eine seiner Töchter sagte der Nachrichtenagentur dapd, ihr Vater sei am Morgen gestorben, die Ursache stehe noch nicht fest.

Walter war über viele Jahre das Gesicht der Deutschen Bank. Er scheute sich nicht vor klaren Aussagen – weder in Bezug auf ökonomische Einschätzungen noch zu anderen Themen. Der Wirtschaftswissenschaftler begann seine berufliche Laufbahn 1971 in Kiel. „Das Kieler Institut für Weltwirtschaft, wo ich Walter 1978 kennengelernt habe, hat ihn als marktliberalen Ökonom geprägt“, sagte sein Nachfolger als Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, zu Handelsblatt Online.

Zitate von Norbert Walter

29. Mai 2012

„Ich kann mir gut vorstellen, dass selbst des Deutschen liebstes Kind - der Urlaub - eingeschränkt wird. Wie soll da Hoffnung aufkommen?“

Norbert Walter zur konjunkturellen Lage in einem Gastbeitrag des Handelsblatts

13. April 2012

„Das ist falsch“

Norbert Walter gegenüber Handelsblatt Online zur Entscheidung der Deutschen Bank, den von ihm einst gegründeten Think Tank DB Research mit dem Rücktritt seines Nachfolgers Thomas Mayer aufzulösen

22. November 2011

„Es gibt für uns keine Alternative zur Solidarität mit Europa.“

Norbert Walter im Interview mit Handelsblatt Online zur Euro-Krise

17. August 2010

„Wir müssen in Nahost und Nordafrika so richtig klotzen.“

In einem Interview mit dem Handelsblatt wirbt Norbert Walter dafür, Fachkräfte im Ausland anzuwerben.

23. März 2009

„Die deutsche Wirtschaft wird nur dann 2009 um lediglich fünf Prozent schrumpfen, falls wir ab Sommer einen richtigen Aufschwung haben. Aber es ist nicht auszuschließen, dass dieser Aufschwung ausbleibt. Deshalb ist auch ein höheres Minus nicht mehr auszuschließen.“

Norbert Walter in der Bild-Zeitung zu den wirtschaftlichen Perspektiven. Damit gehörte er zu den größten Pessimisten und sollte Recht behalten.

29. Dezember 2008

„Ich bin stolz auf die EZB und ihre Führung und die Reputation, die sie weit über Europa hinaus erreicht hat.“

Norbert Walter, zitiert im Handelsblatt.

10. Februar 2006

„Unaufgeregt, entschlossen, aufrecht, neugierig, arbeitsbesessen, missionarisch, motivierend, gelegentlich humorvoll.“

Norbert Walter beschreibt seinen Führungsstil gegenüber dem Handelsblatt.

31. Oktober 2003

Dem neuen Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, trauen führende Bankvolkswirte zu, Alan Greenspan als Oberhaupt der Notenbanker abzulösen. „Irgend jemand muss den internationalen Doyen der Zentralbanker beerben. In Kombination mit der Stärke der EZB bietet sich Trichet für diese Rolle an“

Norbert Walter, zitiert im Handelsblatt

31. Januar 2001

Er misst den Erfolg „an der Nachfrage und Anerkennung durch Applaus und Äußerungen“.

Norbert Walter zitiert in einem Handelsblatt-Porträt.

22. Oktober 1998

„Die Renditen der Staatsanleihen teilnehmender Staaten [gemeint sind künftige Euro-Staaten, Anm. d. Red.] werden auch weiterhin gewisse Zinsdifferenzen bei gleicher Laufzeit aufweisen, da sich Kreditrisiken, Liquidität, steuerliche Faktoren und Abwicklungstechniken noch unterscheiden.“

Norbert Walter in einem Gastbeitrag im Handelsblatt. Mit dieser Prognose lag er daneben, denn der Abbau der Zinsdifferenzen war mit ein Auslöser für die derzeitige Staatsschuldenkrise.

22. Januar 1996

Die Staatsverschuldung bis zum Beginn der dritten Stufe [der Einführung des Euro, Anm. d. Red.] auf das geforderte Maß abbauen zu müssen, sei für Länder mit hohem Verschuldungsstand finanzpolitisch nicht machbar. Erforderlich wäre deshalb eine „aufgeklärte Debatte“, die zu einer vernünftigen Konzeption für die EWWU-Stufe drei führe.

Norbert Walter, zitiert im Handelsblatt

22. Juni 1990

„Die deutsche Einheit wird teurer als nötig, weil vieles verschlafen worden ist.“

Norbert Walter in einem Interview mit der Wirtschaftswoche. Im Januar 1990 war Walter zum Chefvolkswirt der Deutschen Bank aufgestiegen.

18. Dezember 1987

Ein immer niedrigerer Dollarkurs ist „auch nicht das Gelbe vom Ei“.

Norbert Walter in einem Interview mit dem Handelsblatt. Ein halbes Jahr zuvor war er vom Kieler Institut für Weltwirtschaft in die volkswirtschaftliche Abteilung der Deutschen Bank gewechselt.

16. November 1984

„Ich habe hier keine mittlere, sondern eine liberale Position. Ich moechte, dass unsere Wirtschaftsordnung mehr als bisher den Individuen die Chance laesst, ihre Praeferenzen hinsichtlich Einkommen und Tempo des Strukturwandels selbst zu bestimmen.“

Norbert Walter in einem Interview mit der Wirtschaftswoche.

Walter trat 1987 in die Volkswirtschaftliche Abteilung der Deutschen Bank ein und nahm dort zunächst Position eines dritten Direktors ein. 1990 stieg er zum Chefvolkswirt auf. Den Posten bekleidete Walter bis zu seinem Ausscheiden Ende 2009.

Walter war stets streitbar. „Norbert Walter hat sich nie gescheut, auch unpopuläre Meinungen zu vertreten“, sagte Mayer. Das hat ihm nicht immer nur Freunde eingebracht – ihn aber zu einer echten Marke gemacht.“ Der Professor sagte als einer der ersten den historischen Konjunktureinbruch in Deutschland 2009 im Gefolge der weltweiten Finanzkrise voraus. In den 1990er-Jahren setzte er sich vehement für eine rasche Einführung der europäischen Gemeinschaftswährung ein. Damals sagte er unter anderem voraus, dass die Zinsdifferenzen zwischen einzelnen Euro-Staaten bestehen bleiben würden. Doch das erwies sich als Trugschluss und einer der Auslöser der jetzigen Staatsschuldenkrise.

Gastkommentar von Mai 2012: Norbert Walter: Die Konjunkturzeichen stehen auf Sturm

Gastkommentar von Mai 2012

Norbert Walter: Die Konjunkturzeichen stehen auf Sturm

Vor uns liegt die Rezession: International sieht es düster aus, Griechenland wird die europäische Solidarität sprengen und die deutsche Binnennachfrage, die nun anzieht, reicht einfach nicht aus.

Walter wählte stets markante Formulierungen. Als die Deutsche Bank im April beschloss, unter der neuen Führungsriege die Struktur umzubauen, war er außer sich. Das Research der Deutschen Bank, das Walter aufgebaut hatte, wurde mit der Abteilung Market Research zusammengeschlossen. Walter wetterte: Das passe zu einer Investmentbank, die kein unabhängiges Research haben wolle, sondern nur an Sales Support interessiert sei, sagte er dem Handelsblatt. Deutsche Bank Research brauche einen Denker, sagte er. „Das war ich, das war Mayer – aber das ist Folkerts-Landau (Mayers Nachfolger, Anm. d. Red.) nicht, weil er es nicht sein will.“

„Walter war über viele Jahre das Gesicht der Deutschen Bank“, sagte Mayer. Norbert Walter habe die Position des Chefvolkswirt geprägt wie kein anderer. „Er hat es verstanden, ökonomisch schwierige Zusammenhänge einer breiten Öffentlichkeit zu erklären.“

Dem bekennenden Katholiken Walter waren stets auch Werte und Ethik in der Wirtschaft wichtig. Nach seinem Abschied von der Deutschen Bank setzt sich der umtriebige Vater zweier Töchter freilich nicht zur Ruhe: Er gründet unter anderem mit seinen Töchter eine Beratungsfirma im Taunusort Bad Soden

Kommentare (62)

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31.08.2012, 14:40 Uhr

Bin sehr erschüttert. Ein aufrichtiger Mann wird der Welt fehlen. Gerade jetzt.

hiram

31.08.2012, 14:43 Uhr

Sehr, sehr traurig.
War ein toller Mensch.
Einer der wenigen, der den Durchblick hatte.


Account gelöscht!

31.08.2012, 14:45 Uhr

Dem schliesse ich mich 100% an. Er war einer der seltenen Finanzmänner, denen man glauben konnte, dass sie tatsächlich das sagen, was sie denken.

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