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28.03.2014

10:24 Uhr

Deutscher Unternehmer in Russland

„Kaeser hat einen ganz wichtigen Schritt gemacht“

VonTobias Döring

ExklusivDem Siemens-Chef schlägt nach seinem Auftritt mit Putin herbe Kritik entgegen. Unternehmer Quirin Wydra sieht das ganz anders. Er hat zahlreiche deutsche Marken in Russland etabliert – und sieht Kaeser als Diplomaten.

Siemens-Chef Joe Kaeser (l.) zu Besuch bei Wladimir Putin: „Herr Kaeser handelt als Unternehmer.“ dpa

Siemens-Chef Joe Kaeser (l.) zu Besuch bei Wladimir Putin: „Herr Kaeser handelt als Unternehmer.“

Quirin Wydras Karriere als Unternehmer begann kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Für die russische Regierung unter Gorbatschow sollte der ehemalige Jet-Pilot einen Erfahrungsaustausch mit der deutschen Wirtschaft organisieren. Mit seiner Firma Mawy machte Wydra daraus ein Geschäftsprinzip: Zuerst führte er die Modemarke Escada, dann die Joghurts von Ehrmann und Produkte anderer deutscher Lebensmittelproduzenten in den russischen Markt ein. Mawy versteht sich heute als „Botschafter Russlands“.

Herr Wydra, Siemens-Chef Joe Kaeser hat den russischen Präsidenten Wladimir Putin getroffen. Wie wirkt das auf Sie als Unternehmer, der lange in Russland tätig ist?
Wir sollten nur eine Zielsetzung haben und die heißt Kooperation. Dafür müssen wir versuchen, im Dialog zu bleiben und deswegen sehe ich dieses Gespräch absolut positiv.

Aber dieser Auftritt vor laufenden Kameras hatte auf viele genau die gegenteilige Wirkung.
Das mag so sein. Jeder Mensch hat seine eigenen Erfahrungen, nach denen er beurteilt und urteilt. Ich zum Beispiel lese die Presse in Deutschland und höre, was unsere Mitarbeiter und russischen Freunde sagen. Die Meinungen der beiden Seiten liegen teilweise weit auseinander.

Quirin Wydra: Der frühere Starfighter-Pilot baut mit seiner Firma Mawy in Russland Vertriebsstrukturen für deutsche Unternehmen auf. PR

Quirin Wydra: Der frühere Starfighter-Pilot baut mit seiner Firma Mawy in Russland Vertriebsstrukturen für deutsche Unternehmen auf.

Mit Ihrem Unternehmen Mawy arbeiten Sie seit mehr als 20 Jahren in Russland. Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht?

Ich komme ursprünglich aus dem militärischen Bereich, ich war Pilot im Starfighter und Tornado. Damals habe ich Bundeskanzler Helmut Kohl betreut und bin auf diesem Weg nach Russland gekommen. Ich habe auch Mikhail Gorbatschow treffen dürfen. Über meine Arbeit in Russland habe ich viele Menschen kennengelernt, Vertrauen geschaffen und gewonnen – durch Kooperation und Dialog. Wenn mir jemand vor einem halben Jahr gesagt hätte, dass die Lage zwischen dem Westen und Russland derart eskalieren könnte, hätte ich gesagt: So etwas ist nicht mehr möglich.

Aber hat Putin mit der Annexion der Krim nicht das Vertrauen gebrochen?
Das kann man möglicherweise so sehen. Aber was ist ein paar Wochen vorher passiert? Die Außenminister Deutschlands, Polens und Frankreichs hatten sich mit Janukowitsch, dem demokratisch gewählten und damals noch amtierenden Präsidenten der Ukraine, auf Neuwahlen geeinigt. An diese Abmachung hat man sich nicht gehalten.

Sanktionen gegen Moskau: Der Drei-Stufen-Plan der EU

Erste Stufe

Gespräche über Visa-Erleichterungen und ein Wirtschaftsabkommen mit Russland werden am 6. März auf Eis gelegt.

Zweite Stufe

Die zweite Sanktionsrunde betrifft Einreiseverbote für russische und ukrainische Verantwortliche in EU-Staaten sowie das Einfrieren ihrer Auslandskonten in der EU. Die EU-Außenminister beschließen dies am 17. März, nachdem das umstrittene Referendum über eine Abspaltung der Krim trotz der Proteste des Westens abgehalten wurde.

Betroffen sind 21 Russen und Ukrainer, die für das Referendum verantwortlich gemacht werden, unter ihnen der Krim-Regierungschef Sergej Aksjonow und der Befehlshaber der russischen Schwarzmeerflotte, Alexander Witko.

Die Sanktionen sind zunächst auf sechs Monate beschränkt, können aber verlängert werden. Auf dem EU-Gipfel am Donnerstag und Freitag in Brüssel geht es nach Angaben von Diplomaten um eine Ausweitung der Stufe zwei, also eine Ausdehnung der Sanktionsliste auf weitere Verantwortliche.

Dritte Stufe

Die dritte Stufe beschreibt Folgen „in einer Reihe von Wirtschaftsbereichen“, also Wirtschaftssanktionen. Diese sollen verhängt werden, sollte Russland weitere Schritte „zur Destabilisierung der Lage in der Ukraine“ unternehmen, also etwa über die Krim hinaus im Osten des Landes militärisch eingreifen.

Angesichts der damit verbundenen weitreichenden Auswirkungen auf die Wirtschaft in der EU könnte der Gipfel die EU-Kommission beauftragen, diese zu analysieren und abzuwägen.

Jetzt ist die Krim aber durch Russland annektiert worden. Was sagen Ihre russischen Geschäftspartner dazu?
Auf der einen Seite verstehen sie, dass diese Aktion völkerrechtlich fragwürdig ist, aber auf der anderen Seite sagen sie, hätte Präsident Putin nicht gehandelt, wäre die Krim für die Zukunft verloren gewesen. Die Russen hätten es Putin als Schwäche ausgelegt, wenn er abgewartet hätte.

Wenn es um so große Geschäfte wie die von Siemens in Russland geht, ist Moral da überhaupt angebracht oder geht das Geld vor?
Ist nicht die oberste Prämisse Frieden? Es geht jetzt darum, wie wir die von beiden Seiten begangenen Fehler schnellstmöglich korrigieren können. Das geht nur im Dialog. Was Herr Kaeser gemacht hat, war ein ganz, ganz wichtiger Schritt.

Kommentare (7)

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28.03.2014, 10:32 Uhr

"Wenn es um so große Geschäfte wie die von Siemens in Russland geht, ist Moral da überhaupt angebracht oder geht das Geld vor?
IST NICHT DIE OBERSTE PRÄMISSE FRIEDEN? "

Diese Antwort sollten sich unsere von den spionierenden Freunden aufgehetzten CDU/SP/Grünen - Poliriker mal durch den Kopf gehen lassen!
Die USA haben kein Problem mit einem EU-Rußland- Konflikt. Europa ist weit, und der Dollar rollt!

Account gelöscht!

28.03.2014, 11:16 Uhr

Wer sich nicht dafür interessiert, wer für die Massenmorde auf dem Maidan verantwortlich war, hat jedes Anrecht auf irgendwelche moralischen erhobenen Zeigefinger verloren.
Nicht nur die versammelte Medein- und Presselandschaft gehört dazu, sondern vorneweg unsere - leider immer noch - Bundesregierung.
Was für ein Glück, daß sich so einflußreiche Personen wie hier nicht vor den Propagandakarren spannen lassen und stattdessen solche dinge wie Frieden in Europa und Kooperation als oberste Prämisse setzen.
Ich fühle mich nicht bedroht durch ein Referendum in einem anderen Land, ich fühle mich allerdings heftigst bedroht durch Kriegspropaganda, die mich wie alle anderen, die nicht in Kalter-Kriegs-Logik verfallen sind, allein dafür diffamiert und verhöhnt als "Putin-Versteher". Viel zu offensichtlich sind die US-amerikanischen Interessen dahinter, die geostratigisch erheblichen Vorteil aus einer Verschärfung der Konfrontation zwischen Europa und Rußland zieht und damit zwei global Player wirtschaftlich massiv schwächt.
"and the winner is: ..."?
Die Angst vorm bösen Russ' als strategisches Konzept, um ein Zusammenwachsen zu sabotieren.

Account gelöscht!

28.03.2014, 11:19 Uhr

Respekt vor allen, die nicht den Politikern nachäffen.
Die heftigste Kritik an Andersdenkenden kommt von den Predigern die das Paradies einführen wollen. Dabei haben die meisten von denen in ihrem Leben nur von Alimenten oder Transferleistungen ihr Leben gefristet. Um einen Auftrag mussten sie wohl nie kämpfen und eine Kunden haben die wohl auch nicht nie gesehen.

Die Annexion der Krim ist völlig inakzeptabel aber trotzdem nachvollziehbar. Viele unfähige Politiker haben in Kiew fast alles verkehrt gemacht. Von den Gruppierungen in Kiew guckt eine nach Westen und die andere nach Osten. Dabei sind beide nur machtgierig keinen Deut besser und bis aufs Mark korrupt.
Warum mischen wir Europäer uns da überhaupt ein und provozieren die Russen?
Es besteht Hoffnung, dass viele Parteien bei der Europawahl einen Denkzettel bekommen - leider in die falsche Richtung, aber ein Nach- /Umdenken muss so erzwungen werden!

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