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02.07.2012

12:18 Uhr

Deutschlands Aufseher

Die mächtigsten Räte der Republik

VonDieter Fockenbrock

Das Mandat als Aufseher bei einem der führenden 160 Konzerne verschafft Einfluss und Reputation. Die Macht konzentriert sich in Deutschland auf 30 Frauen und Männer. Sie bilden das Netzwerk der wichtigsten Entscheider.

Gerhard Cromme, Aufsichtsratsvorsitzender von ThyssenKrupp, gehört zu Deutschlands mächtigsten Kontrolleuren. dpa

Gerhard Cromme, Aufsichtsratsvorsitzender von ThyssenKrupp, gehört zu Deutschlands mächtigsten Kontrolleuren.

DüsseldorfDeutschlands mächtigster Aufsichtsrat ist Gerhard Cromme. Seine Reputation in der Öffentlichkeit, sein Netzwerk mit anderen einflussreichen Aufsehern und sein Status unter Kollegen verschaffen ihm den höchsten Machtfaktor unter allen Aufsichtsräten der führenden Konzerne. Mit knapp 266 von maximal 300 Bewertungspunkten liegt Cromme in der Handelsblatt-Rangliste der einflussreichsten Aufsichtsräte in Führung vor Clemens Börsig, dem noch amtierenden Chefaufseher der Deutschen Bank. Auf Platz drei folgt Manfred Schneider.

Das Finanzierungsdesaster des Stahlkonzerns Thyssen-Krupp in den USA bleibt nicht ohne Folgen. Ekkehard Schulz, auf Rang fünf der Rangliste, wird durch seinem kurz bevorstehenden Abschied bei Thyssen-Krupp auf Rang 15 abstürzen. Netzwerk, Reputation und Status (siehe Erklärungen auf dieser Seite) sind die Bewertungs-Kriterien im Handelsblatt-Ranking der einflussreichsten Aufsichtsräte. Sie messen öffentliche Wirkung, Anzahl und Qualität der Beziehungen zu anderen Unternehmenskontrolleuren und die Macht jedes Kandidaten innerhalb der einzelnen Aufsichtsgremien.

Denn Einfluss speist sich aus verschiedenen Quellen. Cromme brilliert durch den höchsten Status unter Kollegen, Börsig ist der beste Netzwerker und Schneider Aufseher mit der höchsten Reputation. Wenn Börsig im Mai das Ruder wie geplant an Paul Achleitner abgibt, fällt er allerdings um acht Stufen auf Platz zehn ab. Achtleitner dagegen rückt von Rang neun auf vier.

Machtfaktor 1: Reputation

Einflussfaktoren

Wie hoch ist die Außenwirkung eines Aufsichtsrats? Wie werden seine Mandate in der Öffentlichkeit wahrgenommen? Welche Bedeutung hat das Unternehmen? Diese Fragen werden mit dem Reputationsindex beantwortet.

Einflussfaktor Unternehmensgröße

Der Aufseherjob in einem renommierten Dax-Konzern wie Bayer wiegt naturgemäß schwerer als ein Posten bei der kleinen MDax-Firma Baywa. Selbst Dax-Konzern ist nicht gleich Dax-Konzern. Wer bei Siemens (360.000 Mitarbeiter, 69 Milliarden Euro Börsenkapitalisierung) Aufsicht führt, hat ein anderes Ansehen als jemand bei Beiersdorf (19.000 Beschäftigte, elf Milliarden Euro Börsenwert). Das alles fließt in die Bewertung ein.

Teilindikatoren

Um die Reputation eines Aufsichtsrats zu messen, wird deshalb jedes seiner Mandate anhand von drei Teilindikatoren bewertet. Erstens nach der Index-Zugehörigkeit. Zweitens wird die Größe des Unternehmens nach Zahl der Beschäftigten gemessen und drittens die Bedeutung am Markt anhand der Börsenkapitalisierung eingestuft.

Gewichtung von Chefposten

Das Amt des Vorsitzenden wird mit der doppelten Punktzahl gewichtet, weil dieser laut Aktiengesetz das Gremium nach außen repräsentiert - und weil ihm das Gesetz auch mit dem zweifachen Stimmrecht für Pattsituationen eine herausragende Rolle zuweist.

Vorteile von Mehrfach-Vorsitzenden

Die Toppositionen im Reputationsindex werden trotzdem nicht automatisch nur von Mehrfach-Vorsitzenden belegt. Aber es hilft natürlich. Clemens Börsig musste nach Übergabe des Chefpostens im Aufsichtsrat der Deutschen Bank an Paul Achleitner Ende Mai deshalb auch die Position drei im Reputationsranking räumen.

Autorität, Ansehen und Kontakte sind messbare Dimensionen der Macht. Schwer greifbar ist die Qualifikation der Kontrolleure. Spätestens seit der Finanzkrise ist klar: Viele hochbezahlte Aufsichtsräte verstehen nicht, was ihnen die Vorstände an Bilanzen und Konzepten präsentieren. „Ein Aufsichtsrat sollte deshalb ein Gefühl dafür entwickeln können, ob Zahlen und Strategien stimmig sind“, sagt Henning Kagermann, heute Aufseher mit vier Topmandaten bei BMW, Deutsche Bank, Münchener Rück und Post. Unternehmerisches Gefühl ist für den ehemaligen Vorstandssprecher der SAP ein absolutes Muss. Denn „die größten Fehler werden in der strategischen Ecke gemacht“.

In den vorderen Reihen der Handelsblatt-Rangliste finden sich auch einige Überraschungskandidaten. Bernhard Walter etwa, nur zwei Jahre von 1998 bis 2000 Vorstandssprecher der inzwischen untergegangenen Dresdner Bank, leitet seinen Einfluss vor allem aus drei Topmandaten (Daimler, Henkel, Telekom) und seiner extrem langjährigen Aufsichtstätigkeit ab.

Machtfaktor 2: Netzwerk

Warum ein guter Draht entscheidend ist

Der Einfluss eines Aufsichtsrats hängt ganz entscheidend von seinen persönlichen Kontakten ab. Gut vernetzte Räte können sich auf kurzem Wege selbst Rat einholen, bringen durch die Kontakte neue Ideen ein. Der kurze Draht zu einem exzellenten Juristen oder einem Branchenkenner spart nicht nur Geld und Arbeit, sondern kann vor mancher Fehleinschätzung bewahren. Kontakte helfen auch bei der Suche nach qualifizierten Vorständen. Professionelle Aufseher sind daher immer bestens verdrahtet.

Der Netzwerk-Indikator

Der Netzwerk-Indikator untersucht daher: Wer kennt wen in welchem Aufsichtsrat? Und: Wie gut ist die Kontaktperson wiederum mit anderen Aufsichtsräten vernetzt? Gemessen wird also nicht nur die Zahl, sondern auch die Qualität der Kontakte. Bessere Kontakte erhalten höhere Punktbewertungen.

Anzahl der Kontakte

Zwischen den 885 Aufsichtsräten ergeben sich - rein statistisch betrachtet - über 6800 Kontakte. Einschließlich der indirekten Zweitkontakte sind es rund 69.000 Verbindungen. Doch die Zahl an sich ist eben nicht entscheidend. Den Multi-Aufseher Manfred Schneider beispielsweise zu kennen, der über weitere hochwertige Kontakte verfügt, ist danach zweifellos wichtiger als Igor Landau, den gebürtigen Franzosen, aber kaum vernetzten Adidas-Chefaufseher.

Die besten Netzwerker

Top-Netzwerker unter den Aufsichtsräten ist nach dem Handelsblatt-Ranking jetzt Henning Kagermann, dessen Mandate bei BMW, Deutsche Bank, Post und Munich Re ein hervorragendes Netzwerk darstellen. Dabei hat der ehemalige Chef des Softwareunternehmens SAP noch nicht einmal einen Posten als Vorsitzender.

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