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23.09.2015

14:45 Uhr

Die Chef-Beraterin

Werwölfe am kalten Buffet

Die Business-Raffgier regiert: Gibt es bei einer Geschäftsveranstaltung ein Buffet, werden viele Manager zum Tier. Doch die wilde Schlacht ums Essen ist für Mitarbeiter auch die Gelegenheit, positiv aufzufallen.

Sabina Wachtel schreibt jeden Mittwoch ihre Berater-Kolumne auf Handelsblatt Online. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive.

Die Chef-Beraterin

Sabina Wachtel schreibt jeden Mittwoch ihre Berater-Kolumne auf Handelsblatt Online. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive.

Herr M. ist ein netter Kerl. Mittlerweile hat er ein Team von acht Leuten zu führen, und das macht er wirklich gut. Auch menschlich kein unsympathischer Typ, sehr gepflegt und höflich. Also: Man kann nichts Schlechtes von ihm sagen. Herr M. kann es weit bringen. Wenn da nicht... Nun: Wenn Herr M. nicht mehrmals im Jahr zum Tier würde. Ja, zum Tier. Genauer gesagt, zu einem reißenden Werwolf auf der Suche nach Nahrung. Das finde ich bedenklich (und ein paar seiner Kollegen auch, schätze ich).

Hauptversammlung, Führungskräftekonferenz, Sales Kick-off, Roadshow, von Weihnachtsfeier und Jubiläum ganz zu schweigen: Mehrmals im Jahr bedient sich die durchschnittliche Führungskraft beruflich am Buffet.

Es sind Bilder wie aus einem Steven-Spielberg-Klassiker, dabei ist es ein ganz normales Business-Buffet. Immer der gleiche Film, der sich da abspielt: die unausweichliche Verwandlung vom Mensch zum Werwolf. Treffend ausgedrückt hat es auch Reinhard Mey „Gemurmel dröhnt drohend wie Trommelklang, gleich stürzt eine ganze Armee die Treppe herauf und die Flure entlang. Dort steht das kalte Büffet. Mit feurigem Blick und mit Schaum vor dem Mund kämpft jeder für sich allein, und schiebt sich in seinen gefräßigen Schlund was immer hineinpasst hinein.“

Business-Raffgier: Zwar ist der ständige Drang, viel Besitz an sich zu bringen, ohnehin weit verbreitet. Doch verstärkt er sich an Deutschlands Buffets, und besonders bei Business-Veranstaltungen, ins Uferlose. Man könnte meinen, da würde tagelang gehungert in der Aussicht auf eine kostenlose Mahlzeit bei der nächsten Betriebsvollversammlung. Und was nichts kostet, verdient auch keinen Respekt. Und wozu anstellen, wenn man Ellenbogen hat? Das geht gar nicht!

Bei so einem Business-Buffet lässt sich die Spreu vom Weizen trennen. Denn es gibt, oh Wunder, auch Menschen, die positiv auffallen. Das sind dann diejenigen, die wissen, dass genug für alle da ist, das man mehrmals gehen kann und sich dementsprechend den Teller nicht vollschaufeln muss, als wolle man die Gesetze der Statik auf die Probe stellen. Diese Menschen wissen auch, dass es einen sehr unfeinen Eindruck hinterlässt, einen halbvollen Teller stehen zu lassen. Und wenn man was umschmeißt, einem etwas runterfällt, packt man selber beherzt an und versucht den Schaden zu beheben. Auf keinen Fall geht man einfach weiter wie eine Memme.

Und vor allem wissen diese Menschen, dass Drängeln unhöflich ist (auch wenn es um das Grundbedürfnis geht zu essen). Das macht Herr M. ja besonders gern.

Der Vorgesetzte von Herrn M., der dieses Schauspiel auf einer Kick-Off-Veranstaltung beobachtet hat, hat ihn da auch gleich zur Seite genommen. Als guter Vorgesetzter weiß er auch, wie er was zu verpacken hat: „Wenn ich Ihnen mal einen Tipp geben darf… wissen Sie, woher ich immer die interessantesten Infos herkriege?“ Herr M. guckt ihn ratlos wie ein Auto an und kann sich jetzt überhaupt keinen Reim auf dieses Gespräch machen. Zumal seine Hand gleich abfällt, weil der Teller so schwer ist. Außerdem hat er Hunger.

„Die besten News kriegt man immer entweder in der Kaffee-Küche oder beim Anstehen am Buffet. Warten kann sich also lohnen! Aber jetzt müssen Sie mich bitte entschuldigen – ich muss mir auch was holen.“

Sabina Wachtel berät Manager. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive mit den Labels ManagerOutfit.de und 55dresscodeberater.de. Außerdem ist sie Autorin.

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