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28.01.2005

06:58 Uhr

Die Maschinisten vom „Einstein“

Jürgen Hogrefe steht für neue Generation von Lobbyisten

VonDieter Fockenbrock

Dunkle Hinterzimmer meidet Jürgen Hogrefe. Dann schon eher das „Café Einstein“ an Berlins Flaniermeile Unter den Linden. Dort ist nichts geheim – ein geeigneter Arbeitsplatz für den 55-Jährigen.

HB DÜSSELDORF. Hogrefe ist Lobbyist und steht dazu. Dabei hat es sein Berufsstand derzeit schwer. Mauschelei und Schieberei sollen sie betreiben, die Einflüsterer, die im Unternehmensauftrag in die Hauptstadt gesandt werden. Affären um Abfindungen und nebulöse Zweitjobs für Politiker wirken nach.

Hogrefe scheut trotzdem nicht die Öffentlichkeit: Er steht für eine neue Generation hauptberuflicher Interessenvertreter.

Im „Einstein“, ganz hinten an den weiß eingedeckten kleinen Bistrotischen jenseits der Bar, lässt es sich in Ruhe plaudern. Geheim ist der Treffpunkt auch nicht: Das Café ist der Zoo-Ersatz für Hauptstadttouristen, die statt Löwen lieber Volksvertreter sehen wollen. Am liebsten natürlich einen Minister – damit lässt sich daheim wunderbar prahlen.

Diese Mischung aus politischem Treffpunkt und Attraktion ist nicht jedermanns Sache. Doch die wachsende Schar der modernen Lobbyisten mag das. Ihre offiziellen Berufsbezeichnungen sind so vielfältig wie blumig. Hogrefe fungiert als „Generalbevollmächtigter Leiter Wirtschaft, Politik und Gesellschaft“ des Karlsruher Energiekonzerns EnBW. Sein Kollege Hansgeorg Hauser von der Commerzbank trägt den schönen Namen „Beauftragter des Vorstands“ und ist zugleich stellvertretender Chef der Berlin-Repräsentanz. Der Siemens-Cheflobbyist Edward Krubasik beeindruckt gar mit dem Titel eines Mitglieds im Zentralvorstand.

Ohne Glaubwürdigkeit kein Einfluss

Der Berufsstand der Lobbyisten ringt um seine Reputation. Nicht nur, dass „da unter dieser Berufsbezeichnung viele Kriminelle unterwegs sind“, beklagt Hogrefe unter Hinweis auf den Waffenhändler Karlheinz Schreiber. Auch die jüngsten Affären um Gehaltszahlungen und Abfindungen für Berufspolitiker wie Laurenz Meyer (CDU) oder Jann-Peter Jansen (SPD) schaden dem Image der hauptberuflichen Repräsentanten deutscher Konzerne. Für Hogrefe zeigen die lukrativen Nebenjobs der Politiker nur eines: „Das völlig falsche Verständnis mancher Unternehmen von Interessenvertretung. Verdeckte Lobbyarbeit“, sagt der gelernte Journalist, „ist Lobbyismus von gestern.“

Marco Althaus, Direktor des Instituts für Public Affairs in Potsdam, pflichtet ihm bei: Die Geheimniskrämerei um bezahlte Berufspolitiker nähre nur den Generalverdacht gegen einen ganzen Berufsstand.

Dabei brauchen die Lobbyisten vor allem eines: Glaubwürdigkeit. Denn sie wollen Einfluss nehmen, bei Politikern und Ministerialbeamten, um die Gesetzgebung in ihrem Interesse zu beeinflussen. Und in der breiten Öffentlichkeit, um das Image ihrer Arbeitgeber zu verbessern.

Boomende Branche

Für Hogrefe heißt das nicht nur Überzeugungsarbeit bei den Ministern Clement oder Trittin wenn die Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes ansteht. Es ist zugleich Schwerstarbeit, wenn EnBW und seine Wettbewerber wegen Strompreiserhöhungen als Abzocker angeprangert werden.

Die Branche boomt. Etwa 100 Firmen, schätzt Lobbyexperte Manuel Lianos, haben seit dem Regierungsumzug in Berlin eine Repräsentanz eröffnet. Manche üppig, wie Bertelsmann mit der wieder aufgebauten Stadtkommandantur gegenüber dem Zeughaus. Andere, wie der Stromkonzern Eon, residieren in einer Altbauetage – immerhin aber mit der Topadresse „Unter den Linden“. Kleinere Firmen begnügen sich mit einfachen Bürohäusern. Aber alle suchen die Nähe zur Macht, drängen in das neue Zentrum der Stadt. Und mittendrin liegt das „Einstein“.

Allein die Unternehmen beschäftigen mehrere hundert Mitarbeiter für politische Kontakte in Berlin, hinzu kommen 1 900 Verbände und Organisationen mit ihren Geschäftsführern oder Repräsentanten. Die Branche ist inzwischen so dicht besetzt, dass sich sogar ein eigenes Fachmagazin lohnt. „Politik + Kommunikation“ heißt das Blatt, dessen Chefredakteur Lianos ist und das regelmäßig über Trends und vor allem Personalien aus der Szene berichtet.

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