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03.04.2012

06:08 Uhr

dm-Gründer Götz Werner

Ein Träumer und Unternehmer

VonMiriam Schröder

Ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Bürger - das ist die Vision von Götz Werner, die er seit Jahren predigt. Es klingt wie ein religiöses Gebot. Bisher hat es allerdings nicht viel gebracht.

Götz Werner, Gründer der Drogeriemarktkette dm. ap

Götz Werner, Gründer der Drogeriemarktkette dm.

DüsseldorfGötz Werner hat keine Zeit zu verlieren. Er beginnt gleich mit dem Grundsätzlichen: „Wenn Sie leben wollen, brauchen Sie ein Einkommen.“ Er steht in einer kleinen Kirche in der Düsseldorfer Altstadt. Die Kirche ist bis auf den letzten Platz besetzt, die Menschen stehen dicht gedrängt bis zur Tür. Beim Fototermin eine halbe Stunde zuvor wirkte Werner noch müde, jetzt redet er laut und eindringlich. „Sie brauchen ein Einkommen, sonst können Sie nicht leben“, wiederholt er. Der Satz ist so etwas wie sein Mantra.

Götz Werner, Gründer der Drogeriemarktkette dm und 35 Jahre lang ihr Geschäftsführer, ist laut einer Forsa-Umfrage einer der beliebtesten Manager der Deutschen. Einer, der ordentlich mit seinen Angestellten umgeht und trotzdem günstige Produkte verkauft. Der Anti-Schlecker. 2008 gab er die Geschäftsleitung auf. Seitdem kämpft er hauptberuflich für seine Vision: ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Bürger, mehr als doppelt so hoch wie der aktuelle Hartz-IV-Satz, ohne dass man dafür Bewerbungen schreiben oder Computerkurse besuchen muss. Er hat Bücher darüber geschrieben, er hat in fast jeder deutschen Talkshow gesessen. Gebracht hat es nicht viel. Außer den Piraten fordert keine Partei das bedingungslose Grundeinkommen.

Werner predigt unbeirrt weiter. Er sucht sich Verbündete. Neben ihm in der Kirche steht Johannes Stüttgen, ein Düsseldorfer Künstler und Gründer der Initiative „Omnibus“. Der Verein wirbt für direkte Demokratie und neuerdings auch für das bedingungslose Grundeinkommen. Werner und Stüttgen eint ein Gedanke: Der Mensch soll nicht arbeiten müssen, um leben zu können, er soll leben dürfen, um arbeiten zu können. Ob er Produkte herstellt, über politische Fragen diskutiert, Musik macht oder Kranke pflegt, Hauptsache, er sieht einen Sinn in dem, was er tut.

Für Stüttgen ist eine solche Gesellschaft ein Kunstwerk, eine „soziale Plastik“, an deren Gestaltung sich jeder Einzelne beteiligt. Bei Werner klingt es wie ein religiöses Gebot: „Ich bin doch auf der Welt, um die Welt zu verändern“, ruft er und zitiert aus dem Matthäus-Evangelium, von dem Gleichnis mit den Talenten, nach dem jeder Mensch verpflichtet sei, das Beste aus sich herauszuholen. Nur müsse man ihn auch dazu befähigen. „Sie brauchen ein Einkommen. Sonst können Sie nicht leben.“

Den vorsichtigen Einwand eines Zuhörers, ob das denn überhaupt finanzierbar sei, wischt Werner weg: „Das ist doch schon finanziert. Wir können genügend Güter und Dienstleistungen hervorbringen, wir waren in Deutschland noch nie so reich wie heute.“ Das Publikum klatscht. Es möchte dem Prediger gerne glauben. Viele von ihnen haben vorher gesagt, dass sie enttäuscht sind von den Parteien. Sie haben keine Lust mehr, sich anzuhören, dass die Welt, wie sie ist, alternativlos ist.

Werner macht es ihnen leicht, ihm zu glauben. Schließlich ist er nicht nur Träumer, sondern auch Unternehmer. Im Vergangenen Jahr hatte dm 39 000 Mitarbeiter, 2 400 Filialen und einen Umsatz von 6,2 Milliarden Euro. Und er spricht mit der Weisheit eines alten Mannes, der in seinen fast siebzig Lebensjahren erfahren hat, dass kaum ein Grundsatz für alle Zeiten gilt.

Auf die Frage einer jungen Frau, was sie denn nun konkret tun könne, sagt er: „Verbreiten Sie die Idee. Die Utopien von heute sind die Realität von morgen.“

Kommentare (26)

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petervonbremen

03.04.2012, 08:18 Uhr

Schade, dass dieser Artikel nur unter ferner liefen aufgeführt ist, aber besser so, als gar nicht. Klar, ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre eine preiswerte und gerechte Lösung, um sozialen Frieden zu erhalten und Armut zu vermeiden. Aber, diejenigen die uns regieren und die, die nicht mit ihrer Hände Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen müssen, wollen in letzter Konsequenz natürlich weder sozialen Frieden, noch so etwas wie eine gerechte Verteilung von Volksvermögen. Wenn die arbeitende Bevölkerung nicht mehr erpressbar sein würde, gäbe es keine Möglichkeit mehr für die oben genannten Gruppen, ihre "Hauptsache mir geht es gut - Mentalität" beizubehalten.

Dr.NorbertLeineweber

03.04.2012, 10:39 Uhr

Herr Werner ist nicht nur Träumer, er ist in ökonomischen Verhaltensansätzen beratungsresistent. Alle Menschen handeln nach Anreizen, incentives. Was stelle ich fest: Öl und Gas ist teurer geworden: Alle Einfamilienhäuser um mich herum, lassen sich Holz ankarren, um 200 euro zu sparen. Und wenn es ein Sonderangebot gibt, wenden wir eine halbe Stunde auf, um 3 Euro zu sparen. Jeder Leser erkennt sich selbst. Das hat der gute Mann nie kapiert: Beim Grundeinkommen fehlt der Anreiz eine Selbstvorsorge zu betreiben. Es besteht kein Anreiz vorzusorgen und sich um sich selbst zu kümmern. Die Eigenverantwortung wird auf den Staat übertragen, und zwar mit einem negativen Anreiz, auch das kennt man in der Ökonomie: Trittbrettfahren oder free-rider-Verhalten, d.h. was umsonst ist schnorre ich. Mit der Grundrente werden die Anreize zur Arbeit und Wertschöpfung aus denen man seine Altersvorsorge, auch im Umlageverfahren, aufbaut, vernichtet. Gewonnen hat der Schnorrer, der ohne den Finger zu rühren ein Grundeinkommen bezieht. Das ist schlimmer als bei den übelsten Sozialisten und Kommunisten. Sagte doch einst Marx: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Werner kann ja in seinem Bekanntenkreis oder an seinem Wohnsitz gerne voran gehen und die Grundrente einführen und aus eigener Tasche bezahlen. Alle Niedrigverdiener stellen ihren Beitrag zum BIP ein und genießen die Faulheit. Das ist die Vernichtung der Werschöpfung und aller Besteuerungsgrundlagen, die hier `dranhängen. Es hat in der Wirtschaftsgeschichte noch nie einen noch blöderen Ansatz als die Grundrente gegeben. Jetzt weiß der Leser, weshalb in VWL-Büchern davon nichts zu finden ist. Eine nicht existente Alternative wird erst gar nicht thematisiert.

zarakthuul

03.04.2012, 11:18 Uhr

Deshalb finden ja solche Veranstaltungen in Kirchen statt. Glauben statt Wissen. BGE ist die asozialste Möglichkeit mit Geld umzugehen!

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