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09.11.2014

11:29 Uhr

Effizienzwahn im Büro

Warum Optimierung nicht optimal ist

VonLisa Hegemann

Der Optimierungswahn hat Deutschland fest im Griff. Ständig erscheinen Bücher, die uns sagen, wie wir mehr Aufgaben in kürzerer Zeit schaffen. Effizienz kann sinnvoll sein – aber nicht grundlegend für die Karriere.

Fleißig und effizient arbeiten macht noch lange keine Karriere aus. Getty Images

Fleißig und effizient arbeiten macht noch lange keine Karriere aus.

DüsseldorfAm Ende will Christiane Stenger noch raus aus der Optimierungsschublade. Im Gespräch mit Handelsblatt Online erklärte die Buchautorin vor kurzem, wie wir unser Gehirn austricksen können. Doch trotz der Tipps, die sie für die Selbstorganisation gibt, ist ihr auch eins wichtig: „Mein Buch soll kein Optimierungsbuch sein.“ Es gehe nicht darum, dass alles immer höher, schneller, weiter sein müsse.

Wer sich in Deutschlands Buchhandlungen umschaut, stellt fest, dass diese Haltung ungewöhnlich ist. Ratgeber wie „Effizienter arbeiten“, „So organisieren Sie Ihren Büroalltag“ oder „So optimieren Sie Ihre Gedächtnisleistung“ legen uns nahe, dass wir nur ein bisschen mehr in derselben Zeit schaffen müssen, um Erfolg zu haben und Karriere zu machen. Besser organisieren, zielgerichteter arbeiten, mehr Leistung in kürzerer Zeit erbringen, Schwächen ausbügeln – dann kommt die Beförderung schon von alleine.

Doch Stenger ist nicht die Einzige, die nicht an diese Formel glaubt. Dem Optimierungswahn aus Ratgebern, Fortbildungsangeboten und persönlichen Zeitmanagementberatern stellen sich immer mehr Experten entgegen. Sie meinen: Effizienz ist nicht der Schlüssel zum Erfolg. Ganz im Gegenteil – Optimierung kann bei der Karriere sogar hinderlich sein.

12 Karriere-Mythen

Mit 50 ist man zu alt für die Karriere

Nein! In der Realität gibt es diese Altersschranke oft gar nicht, glaubt Headhunter Marcus Schmidt: „Manche Mandanten suchen sogar explizit Führungskräfte ab 50, weil sie viel Wert auf Erfahrung legen und nicht wollen, dass der Neue gleich wieder weiterzieht.“ Zudem gilt in Deutschland seit 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, das eine Diskriminierung aus Altersgründen verbietet.

Seine Erfahrungen hat Schmidt in dem Buch „Die 40 größten Karrieremythen“ niedergeschrieben. Handelsblatt Online hat die spannendsten Zitate ausgewählt.

Ohne Doktortitel geht es nicht

„Die Frage, ob man promovieren soll oder nicht, hängt von der angestrebten Karriere ab“, sagt Schmidt. Denn die Promotion koste immer auch Zeit – in der Diplomanden ein vergleichsweise geringes Gehalt beziehen. „Nicht alle jungen Berater, Anwälte und Wirtschaftsprüfer wollen in einem Unternehmen zum Partner aufsteigen oder erreichen dieses Ziel.“

Eine Top-Karriere macht man nur im großen Konzern

Falsch! Entscheidend für die Karriere sei nicht, bei welchem Unternehmen man arbeite, sondern welche Aufgaben und Entfaltungsmöglichkeiten man habe, sagt Personalberater Schmidt. „Gerade in weniger etablierten Unternehmen gibt es oftmals spannendere und weniger standardisierte Aufgaben als in Großkonzernen“, so Schmidt.

Nur wer sich anpasst kommt weiter

Im Gegenteil: Eigene, gut argumentierte Überzeugungen hält Headhunter Marcus Schmidt für unabdingbar. „Wer nur mitläuft, um ja keinen Fehler zu machen, kann nichts Herausragendes leisten und wird nicht dauerhaft auf sich aufmerksam machen“, so Schmidt. So könne man sich nicht profilieren oder für die nächsten Ebenen empfehlen.

Der MBA ist ein Karriere-Turbo

Die deutsche Wirtschaft zeigt ein anderes Bild: Absolventen hätten sich selten in die Führungsetage hochgearbeitet, sagt Schmidt. Anders als der Doktortitel ist der MBA zudem kein normierter akademischer Grad, seine Vergabe wird also grundsätzlich nicht staatlich geregelt oder kontrolliert. Wer Studiengebühren von bis zu 70.000 US-Dollar auf sich nehme, solle deshalb das Renommee der Schule immer überprüfen.

Ohne Examen gibt es keinen Aufstieg

Muss man heute studieren, wenn man Karriere machen will? Nein, glaubt Headhunter Marcus Schmidt. Und einige prominente Konzernlenker geben ihm recht: Telekom-Chef René Obermann etwa hat sein Studium abgebrochen, und auch Klaus-Peter Müller, bis 2008 Vorstandsvorsitzender der Commerzbank und jetziger Aufsichtsratsvorsitzender, hat nie studiert.

Gehalt ist ein untrüglicher Gradmesser des Karriereerfolgs

Die Position mit Perspektive sei nicht immer die am besten bezahlte, sagt Marcus Schmidt. So könne sich für ein renommiertes Traineeprogramm ein kurzfristiger Gehaltsverzicht durchaus auszahlen - etwa, wenn das ausbildende Unternehmen in seiner Branche als Kaderschmiede gilt.

Ein Auslandsaufenthalt fördert die weitere Karriere

Nicht immer, sagt Headhunter Marcus Schmidt – stattdessen kann der Auslandseinsatz sogar zum Nachteil werden. „Oftmals sind es die Daheimgebliebenen, die dann verbleibende Inlandsposten unter sich aufteilen“. Sie säßen dann auf Stühlen, auf die Auslandsrückkehrer vergeblich spekulieren.

Der erste Job muss der richtige sein

Wer auf standardisierte Einstiegsprogramme in Unternehmen mit hohem Bekanntheitsgrad setze, müsse auch in Kauf nehmen, dass die eigene Berufslaufbahn nachgemacht wirkt, sagt Personalberater Marcus Schmidt. „Gehen Sie eigene Wege. Suchen Sie Ihren Einstieg ruhig gegen den Strich. Probieren Sie etwas aus, was sie wirklich interessiert.“

Karriere macht, wer mehr als 60 Stunden pro Woche arbeitet

Falsch, glaubt Headhunter Marcus Schmidt. Ebenso wichtig wie der tatsächliche Zeiteinsatz sei der gefühlte Zeiteinsatz. Und der definiere sich auch durch die Befriedigung mit der getanen Arbeit. „Wer es schafft, aus seines Arbeit weitgehend Befriedigung zu ziehen, muss auch nicht Karriereschablonen zum persönlichen Zeiteinsatz nachjagen.“

Frauen hindert die „gläserne Decke“ am Aufstieg

Tatsächlich finde sich diese „gläserne Decke“ vor allem in den Köpfen der männlichen Entscheider, glaubt Schmidt. Für weibliche Führungskräfte scheine sie hingegen kein Thema zu sein. „Viele Beratungsunternehmen und große Konzerne bitten uns öfter sogar explizit, nach weiblichen Kandidatinnen zu suchen.“

In der Wirtschaftskrise macht man keine Karriere

„In der Krise wählen Unternehmen bei der Besetzung von Stellen zwar sorgfältiger aus. Aber sie stellen trotzdem noch ein“, ist die Erfahrung von Marcus Schmidt. Gerade in Phasen des Umbruchs gebe es etwa die Chance zur Übernahme von Restrukturierungsjobs, bei denen wirklich die Fähigkeit der Verantwortlichen zählt.

Tipps, wie wir der E-Mail-Flut Herr werden, bei Meetings schnell auf den Punkt kommen oder diszipliniert an einem Projekt arbeiten, helfen natürlich weiter. Schließlich sparen diese Anregungen Zeit und geben uns so mehr Raum für andere Projekte.

Aber anders als oft kolportiert gehört den Fleißigen nicht die Welt. „Leistung ist die Grundlage für einen Job“, erklärt der Professor Michael Hartmann, der an der TU Darmstadt forscht. Doch: „Es ist nicht die entscheidende Grundlage für den Aufstieg.“ Das liege wesentlich daran, dass Leistung nicht objektiv messbar sei, so Hartmann. Nur, weil ein Mitarbeiter zum Beispiel drei Projekte weniger schafft als der Kollege, heißt das nicht zwingend, dass der Kollege mehr leistet.

Diese Erfahrung hat auch Dorothea Assig gemacht. Sie berät gemeinsam mit Dorothee Echter Führungskräfte im Top-Management. „Es mag manchmal leichter sein, wenn jemand gut organisiert ist, aber es gibt keinen Menschen, der wegen seiner Selbstoptimierung eine Top-Position errungen hat“, sagt sie im Gespräch mit Handelsblatt Online.

Auch der disziplinierteste Mitarbeiter darf sich nicht automatisch Hoffnungen auf den Spitzenposten machen. Disziplin spielt nach Meinung von Professor Hartmann keine zentrale Rolle beim Aufstieg. „Diszipliniert sind Leute auf allen Ebenen – vom Feuerwehrmann über die Krankenschwester bis hin zum Top-Manager“, sagt er. Aber viel Arbeit ist kein Grund für eine Beförderung.

Kurzum: Wenn es um die Karriere geht, ist Effizienz überbewertet. Der Organisationskünstler oder Fleißkärtchensammler wird nicht automatisch der nächste Chef.

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