Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

31.12.2012

09:32 Uhr

Ein Jahr der Krisen

„Keine Katastrophe ist ein großer Knall, der aus dem Nichts auftritt“

VonDana Heide

Euroländer auf der Kippe, Schlecker pleite – 2012 war auch ein Jahr der Krisen und Unsicherheiten. Wie es dazu kommt und warum Unsicherheiten auch ihr Gutes haben, erklärt Katastrophenforscher Wolf Dombrowsky.

"Krisen werden umso wahrscheinlicher, desto schlechter Führung ist": Feuerwehrkräfte mussten im Oktober in schweren Schutzanzügen anrücken, als bei einem Chemieunfall auf dem Gelände des Nahrungsmittelkonzerns Kraft Foods in Bad Fallingbostel (Niedersachsen) eine giftige Gaswolke entstanden war.

"Krisen werden umso wahrscheinlicher, desto schlechter Führung ist": Feuerwehrkräfte mussten im Oktober in schweren Schutzanzügen anrücken, als bei einem Chemieunfall auf dem Gelände des Nahrungsmittelkonzerns Kraft Foods in Bad Fallingbostel (Niedersachsen) eine giftige Gaswolke entstanden war.

Herr Dombrowsky, die Welt um uns herum wird auch im kommenden Jahr immer unsicherer werden, viele Menschen bekommen nur noch befristete Verträge, für 2013 werden steigende Insolvenzen prognostiziert und ganze Länder stehen auf der Kippe - haben diese Unsicherheiten und Krisen auch irgendetwas Gutes? 

Dombrowsky: Ja, denn Menschen, die schon einmal Unsicherheiten erfolgreich bewältigt haben, erwerben Selbstvertrauen und lernen, wie man mit immer größeren Probleme umgeht und Lösungen findet. 

 

Ist es auch umgekehrt so - Menschen, deren Leben besonders sicher ist, sind weniger fähig, mit Krisensituationen umzugehen? 

In den meisten Menschen steckt der Wunsch, Probleme immer mit den Mitteln, die man schon kennt und die man zur Hand hat, zu bewältigen. Man gewöhnt sich also Routinen an. Darin liegt aber genau die Gefahr. Weil man glaubt, alles funktioniert so, wie man es kennt, befasst man sich weder mit den Veränderungen in der Umwelt, noch lernt man dazu. Der Effekt ist also dreifach: Die Gewöhnung gibt einem das Gefühl, dass man die Dinge unter Kontrolle hat.  Weil man nichts Neues mehr lernt, wird man objektiv dümmer, und weil man glaubt die Umwelt unter Kontrolle zu haben, befasst man sich nicht mehr mit ihr und sie entgleitet einem. 

Wolf R. Dombrowsky, Inhaber des Lehrstuhls Katastrophenmanagement an der Steinbeis Hochschule Berlin. 

Wolf R. Dombrowsky, Inhaber des Lehrstuhls Katastrophenmanagement an der Steinbeis Hochschule Berlin. 

Was hat das für eine Folge?

Es führt dazu, dass man immer krisenanfälliger wird. 

 

Ist es also im Umkehrschluss gut, wenn ständig viele Veränderungen im Unternehmen stattfinden, und ich meine Mitarbeiter mit befristeten Verträgen auf Trab halte?

Nein, im Gegenteil. In den meisten Fällen kauft man sich so Menschen mit einer ganz begrenzten Perspektive ein, die sich auch nur in dieser begrenzten Perspektive engagieren. Man bekommt genau das nicht hin, was Planungssicherheit eigentlich bedeutet.  

Es ist paradox: Die Unternehmen wollen mit der Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse auf die sich ständig ändernden Marktbedingungen reagieren und somit ihre Planungssicherheit erhöhen. Wer jedoch durch einen befristeten Vertrag selbst in seinem Privat- und Berufsleben unsicher ist, der wird in seinem Niveau befangen bleiben, der wird sich nicht engagieren und auch nicht für den Betrieb mitdenken wollen. 

 

Aber wird dieser Effekt nicht dadurch aufgehoben, dass sich Jahresverträgler besonders anstrengen, um vielleicht doch den gewünschten unbefristeten Vertrag zu bekommen?

Ja, allerdings nur, wenn das auch eingelöst werden kann. Wenn der Mitarbeiter auch nach der dritten Befristung keinen unbefristeten Vertrag bekommt, dann erweist sich die Mohrrübe vor der Nase des Esels als Veralberung.

 

Was passiert, wenn es zu viele Unsicherheiten im Leben eines Menschen gibt? 

Menschen brauchen eine Art Grundsicherheit. Denn nur dann können sie mit den vielen kleinen und großen Unsicherheiten und Risiken im Alltag umgehen und sie nicht als Risiko, sondern als Chance ansehen. Wenn aber zu einer privaten „Grund-Unsicherheit“ noch andere starke Unsicherheiten, beispielsweise im Beruf, hinzu kommen, dann wird es zu viel; dann kann man sogar depressiv werden. 

Gibt es heute mehr solcher Fälle als früher?

In den Industrieländern nehmen solche Krankheiten enorm zu. Die meisten Arbeitsmediziner führen das zurück auf dieses Zusammenfallen von nachlassender Grundsicherheit bei gleichzeitiger Zunahme der täglichen kleinen Unsicherheiten, wie der Sorge um seine Altersvorsorge, der Sorge um die Versorgung seiner Kinder. 

Und wenn die Grundsicherheit geringer wird, dann sind selbst diese kleinen Herausforderungen des Alltags, an denen man eigentlich sonst wächst, eine zunehmende Bedrohung. Und so werden Menschen immer verzagter. 

 

Wie schafft man es denn dann, dass sich in Unternehmen, in denen Mitarbeitern die angesprochene Grundsicherheit geboten wird, keine Routinen einschleichen, sondern die Mitarbeiter wach, flexibel und kreativ bleiben?

Im Idealfall orientiert sich die Personalentwicklung an der Lösungsfähigkeit der Mitarbeiter. IBM macht das zum Beispiel sehr gut. Dort stellen Mitarbeiter ihre Problemlösungen in eine Datenbank. Die Kollegen können dann diese Problemlösung nach deren Nützlichkeit bewerten. Dadurch strukturiert sich die Datenbank um. Das Ranking der Mitarbeiter in dieser Datenbank wird dann zur Grundlage von Beförderungen. 

Dadurch ist eine lernende Organisation entstanden, weil es sich nun für die Mitarbeiter lohnt, die Datenbank mit ihrem Wissen zu füttern. Dadurch entsteht eine berufliche Grundsicherheit durch eigenes Engagement, ohne dass die langfristigen negativen Routinen der Sicherheit entstehen, die Mitarbeiter zum Einschlafen bringen. 

Wie Sie sich auf Skandale vorbereiten

Bewusstsein schärfen

Diskutieren Sie im engeren Führungskreis regelmäßig, welche Aspekte der Unternehmenspolitik als problematisch wahrgenommen werden könnten. Mitarbeitern muss klar sein, dass das Verheimlichen auch scheinbar irrelevanter Vorkommnisse schädlich sein kann.

Dossiers vorbereiten

Bereiten Sie für skandalträchtige Themenfelder ein Dossier mit allen verfügbaren Informationen vor, um im Ernstfall schnell reagieren zu können. Dazu zählt auch das stete Beobachten relevanter Internet-Kanäle.

Mediennetzwerk knüpfen

Nur wer gute Kontakte zu Multiplikatoren und Meinungsbildnern in allen Mediensparten hat - dazu zählen heute auch Blogger -, hat die Chance, im Krisenfall Einfluss zu nehmen.

Schnellschüsse vermeiden

Wenn Sie Vorwürfe unvorbereitet treffen, voreilige Stellungnahmen vermeiden. Besser: zugeben, dass Sie noch Zeit brauchen, und rasche Aufklärung ankündigen.

Wahrheit sagen

Die beste Kommunikationsstrategie heißt: Die Wahrheit muss auf den Tisch. Selbst kleinste Fehler zerstören das wichtigste Gut der Krisenkommunikation: Vertrauen.

Anschaulich kommunizieren

Stellen Sie etwaige Schäden in einen plastischen Kontext ("Wie viel dioxinverseuchte Eier müsste man essen, um sich zu vergiften?"). Sonst geht die Bevölkerung vom größtmöglichen Schaden aus.

Opferrolle einnehmen

Für nicht bestreitbare Missstände muss eine glaubwürdige Erklärung her. Schlüpfen Sie in die Opferrolle ("Was hätten wir tun sollen? Wir mussten so handeln!") - das erregt Mitleid.

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Realist

31.12.2012, 10:53 Uhr

Eindeutige Aussage: Da wir uns inmitten einer Krise befinden, haben wir diese also unserer schlechten Führung zu verdanken. Daher kann die Politik nicht das Problem lösen, denn SIE - und niemand anders - ist das Problem! Wie absolut unfähig unsere politische "Geschäftsführung" ist, kann man an 2,1 Billionen Euro "erwirtschafteten" Staatsschulden erkennen. In der freien Wirtschaft wäre jeder Manager mit derartigen "Erfolgen" bereits in der Wüste. Unsere Führungelite schlägt sich gerade Gehaltserhöhungen vor und stimmt uns auf schwere Zeiten ein....

RumpelstilzchenA

31.12.2012, 13:13 Uhr

Danke, Realist, da muss man nichts mehr hinzufügen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×