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27.01.2011

00:00 Uhr

Energie

Der Diplomat von Gazprom

VonStefan Menzel

Der russische Energieriese Gazprom hat mit Marcel Kramer einen Personal-Coup gelandet. Der Chef des Pipeline-Projekts "South Stream" punktet im Wettbewerb mit der Konkurrenz-Pipeline "Nabucco" mit Expertise und Eloquenz.

Gazprom hat sich mir Marcel Kramer clever verstärkt. Quelle: dpa

Gazprom hat sich mir Marcel Kramer clever verstärkt.

WienFrechheit siegt. Nach diesem Motto verfährt Marcel Kramer. „Kommen Sie in vier Jahren zu unserer Eröffnung. Sie sind alle ganz herzlich eingeladen“, erklärt der neue Vorstandschef des Pipeline-Projektes South Stream auf der europäischen Gaskonferenz in Wien. Es ist zwar ein offenes Geheimnis, dass South Stream mindestens genauso wackelig ist wie das Konkurrenz-Projekt Nabucco. Aber Marcel Kramer stört das nicht. Er weiß: Selbstbewusstsein auszustrahlen und Siegesgewissheit zu verbreiten, das ist seine zentrale Aufgabe.

Der Niederländer ist erst seit Oktober der erste Mann von South Stream, davor war er Vorstandsvorsitzender des holländischen Energiekonzerns Gasunie. Hinter South Stream steht der russische Energieriese Gazprom, der mit diesem Milliardenprojekt einen neuen Vertriebsweg nach Westeuropa eröffnen will – und muss. South Stream umgeht die Ukraine, mit der es immer wieder Auseinandersetzungen gegeben hat, und führt über die Türkei und den Balkan Richtung Österreich. Für Nabucco ist fast ein ähnlicher Verlauf geplant. Das Erdgas soll allerdings nicht aus Russland kommen, sondern aus Feldern rund um das Kaspische Meer.

Mit der Berufung von Kramer ist den Russen ein Coup gelungen. Der 60-jährige gelernte Jurist ist durch und durch ein Mann der Gasbranche, bei der Gasunie in den Niederlanden hat er das zuletzt bewiesen. „Mit 60 hat er noch einmal eine neue Herausforderung gesucht“, erzählt sein früherer Gasunie-Vorstandskollege Wim Groenendijk auf der Wiener Tagung. Sicherlich hat Gazprom auch ordentlich mit dem Scheckbuch gewinkt. Aber darüber wird geschwiegen.

Einen westlichen Spitzenmanager wie Kramer für das Projekt zu finden, etwas Besseres hätte den Russen überhaupt nicht passieren können. Kramer hat fachliche Expertise und bewältigt öffentliche Auftritte wie in Wien spielend. Es liegen Welten zwischen ihm und den vielen russischen Energie-Spezialisten, die auch heute noch den spröden Charme der alten Sowjet-Zeit verbreiten.

Auch der Erzkonkurrent Nabucco hat mit dem Österreicher Reinhard Mitschek einen westlichen Manager engagiert. Doch der glänzt in Wien durch Abwesenheit. Er lässt sich wegen eines Aktionärstreffens in Ankara kurzfristig entschuldigen. Und diese Lücke kann auch der deutsche Nabucco-Berater nicht füllen. Das ist niemand Geringerer als Ex-Bundesaußenminister Joschka Fischer, der einen Beratervertrag mit den beiden wichtigsten Nabucco-Gesellschaftern, dem deutschen Energiekonzern RWE und der österreichischen OMV, hat. Fischer ist zwar vor Ort und wirbt für das zweite milliardenschwere Pipeline-Projekt, doch er wirkt längst nicht so überzeugend wie sein Gegenspieler aus den Niederlanden. Vielleicht liegt es einfach daran, dass Kramer vom Fach ist und Fischer Jahrzehnte im Politikgeschäft zugebracht hat.

Eine Entscheidung für South Stream und gegen Nabucco fällt natürlich auch nicht in Wien, auch wenn Kramer ordentlich für die Russen gepunktet hat. Er wird hart dafür arbeiten müssen, dass das Rennen zugunsten seines Arbeitgebers ausfällt, das ist sicher.


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