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09.06.2013

15:09 Uhr

Amnestie läuft aus

Thyssen-Krupp und der Kampf gegen Korruption

Eine Reihe Kartellverfahren hat den Stahl- und Industriekonzern Thyssen-Krupp erschüttert. Mit einer Amnestie sollten reuige Sünder zu Beichten gelockt werden. Das Verfahren endet, die Bilanz wird mit Spannung erwartet.

Eine Notrufsäule vor der Thyssen-Krupp-Zentrale in Essen. dpa

Eine Notrufsäule vor der Thyssen-Krupp-Zentrale in Essen.

Düsseldorf/EssenFür reuige Kartellsünder wird die Zeit knapp: Nur noch wenige Tage können weltweit rund 150 000 Thyssen-Krupp-Mitarbeiter ihr Gewissen ohne Angst vor Strafe erleichtern - dann heißt es „Null-Toleranz“. Mit der auf zwei Monate begrenzten Offerte, hat Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger neue Wege in dem ständig kriselnden Traditionskonzern eingeschlagen.

Mit dem Weggang des halben Vorstands im vergangenen Jahr und dem Rücktritt des langjährigen Aufsichtsratsvorsitzenden Gerhard Cromme waren seit dem Amtsantritt des neuen Chefs Tabus bereits reihenweise gefallen. Der 53-jährige ehemalige Siemens-Manager sitzt seit Anfang 2011 im Chefsessel des Ruhr-Konzerns. Neben mehreren Kartellfällen macht dem Unternehmen derzeit vor allem ein Milliarden-Desaster um fehlgeschlagene Stahlwerksinvestitionen in Übersee zu schaffen.

Die größten Baustellen von Thyssen-Krupp

Einleitung

Im Geschäftsjahr 2012/13 fuhr Thyssen-Krupp das dritte Mal in Folge einen Nettoverlust ein. Mit einem Fehlbetrag von 1,5 Milliarden Euro fiel dieser zwar niedriger aus als die fünf Milliarden Euro Miese im Jahr zuvor. Die Aktionäre müssen jedoch erneut auf eine Dividende verzichten. Das könnte auch im neuen Geschäftsjahr 2013/14 der Fall sein. Thyssen-Krupp will zwar operativ zulegen, für einen Nettogewinn könnte es aber erneut nicht reichen. Zudem schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte, sondern auch das Geschäft mit dem Werkstoff in Europa und mit Teilen für die Automobilindustrie.

Ertragsschwäche

Thyssen-Krupp fuhr im Geschäftsjahr 2011/12 einen Nettoverlust von fast fünf Milliarden Euro ein. In den ersten neun Monaten des Ende September abgelaufenen Geschäftsjahres 2012/13 waren es rund 1,2 Milliarden Euro. Analysten zufolge schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte. Auch das europäische Stahlgeschäft, der Großanlagenbau, der Verkauf von Autoteilen und die Aufzugssparte hätten im Geschäftsjahr weniger verdient. Der Handel mit Werkstoffen und das Dienstleistungsgeschäft habe hingegen zugelegt.

Stellenabbau

Für Unruhe im Konzern sorgen auch die Pläne zum Abbau tausender Arbeitsplätze. In der Verwaltung sollen 3000 Jobs wegfallen. In der Stahlsparte will Thyssen-Krupp 2000 Arbeitsplätze abbauen. Weitere 1800 Stellen könnten durch Beteiligungsverkäufe aus dem Konzern fallen. „Wir bügeln damit auch die Managementfehler der Vergangenheit aus“, hatte Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath in einem Reuters-Interview gesagt. Thyssen-Krupp will damit die Kosten um 500 Millionen Euro senken. Die Summe ist Teil der insgesamt geplanten Einsparungen des Konzerns bis 2014/15 von nun 2,3 Milliarden Euro. Das Unternehmen beschäftigt rund 156.000 Mitarbeiter, davon etwa 58.000 in Deutschland. Ein weiterer Stellenabbau ist nach den Worten von Personalvorstand Oliver Burkhard derzeit nicht geplant.

Fehlinvestitionen in Übersee

Nach einer langen Hängepartie konnte Thyssen-Krupp das Weiterverarbeitungswerk in den USA verkaufen. Das verlustreiche Rohstahlwerk in Brasilien hängt dem Konzern immer noch wie ein Klotz am Bein. Thyssen-Krupp muss neue Abnehmer für den Werkstoff in Nord- und Südamerika finden, da das US-Werk künftig weniger abnimmt. Die Kosten für beide Werke waren auf fast 13 Milliarden Euro explodiert, mehr als acht Milliarden entfielen auf Brasilien. Das US-Werk bleibt bis zu der erhofften Freigabe des Deals durch die Regulierungsbehörden noch für Monate in den Büchern. Thyssen-Krupp erwartet in der Sparte weitere Verluste - wenn auch niedrigere als bislang.

Schulden

Dem Konzern sitzen die Ratingagenturen im Nacken. Thyssen-Krupp drücken Schulden von fünf Milliarden Euro. Das Eigenkapital schmolz zwischenzeitlich von 4,5 Milliarden auf 2,5 Milliarden Euro zusammen, durch eine im Dezember 2013 durchgezogene Kapitalerhöhung konnte es inzwischen auf 3,3 Milliarden Euro aufgebessert werden. Die Eigenkapitalquote ist einer der niedrigsten Werte eines Dax-Konzerns. Gespräche mit Banken sorgten Ende September für Erleichterung, nachdem dieser Wert über die Marke von 150 Prozent gestiegen war.

Kartellverstöße und Korruptionsvorwürfe

Der Mischkonzern wird immer wieder von Kartellverstößen und Korruptionsvorwürfen erschüttert. Vorstandschef Heinrich Hiesinger will eine neue Unternehmenskultur, in der für krumme Geschäfte kein Platz ist. Bei illegalen Preisabsprachen war Thyssen-Krupp ein Wiederholungstäter. Einem Aufzugskartell folgten Kungeleien mit Schienenherstellern. Hier einigte sich Thyssen-Krupp nun mit der Deutschen Bahn auf Schadensersatz. Wie ein Damoklesschwert hängt zudem der Verdacht über dem Konzern, sich auch an einem möglichen Kartell von Herstellern von Blechen für die Automobilindustrie beteiligt zu haben. Ob sich dieser Verdacht bestätigt, ist offen. Sollte dies aber der Fall sein, wären die Konsequenzen nicht abzuschätzen - die Autoindustrie gehört zu den größten Kunden von Thyssen-Krupp. Welchen Stellenwert die Aufarbeitung der Verstöße hat, zeigte sich auch auf der Hauptversammlung im Januar 2014: Dort schuf Thyssen-Krupp für den ehemaligen Metro-Manager Donatus Kaufmann einen neuen Vorstandsposten für Compliance.

Ramponierter Ruf

Der Ruf des einst stolzen Unternehmens ist durch Pleiten, Pech und Pannen und die Korruptionsvorwürfe ramponiert. „Es herrschte offenbar bei einigen die Ansicht vor, dass Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gelten“, hat Konzernchef Hiesinger beklagt. Er will aufräumen und eine neue Unternehmenskultur einführen, in der Seilschaften und blinde Loyalität nicht wichtiger sind als unternehmerischer Erfolg. Dafür braucht er die volle Rückendeckung vom Aufsichtsrat.

Im Februar dieses Jahres war Hiesinger von neuen Durchsuchungen des Kartellamts unliebsam überrascht worden. Vor dem Hintergrund von möglichen Kartellabsprachen bei Autoblechen hatte das Bundeskartellamt Büros von Thyssen-Krupp sowie der Konkurrenten ArcelorMittal und Voestalpine unter die Lupe nehmen lassen. Wenige Wochen später hatte der Essener Stahlriese dann die bis zum 15. Juni befristete Amnestie verkündet.

In einer ersten Reaktion hatte der Thyssen-Krupp-Chef auf unnachgiebige Härte gegenüber möglichen Kartellsündern gepocht. „Wer hier nicht mitzieht, hat bei uns nichts zu suchen“, sagte er damals.

Nur wer sich rechtzeitig zu einer Aussage entschließt und Kartell- oder Korruptionsfälle „freiwillig, wahrheitsgemäß und umfassend“ offenbart kann auf Gnade hoffen, so das Unternehmen. Ansonsten drohen Schadenersatzansprüche oder der Verlust des Arbeitsplatzes.

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