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10.07.2013

12:53 Uhr

Angeschlagener Konzern

RAG-Stiftung könnte bei Thyssen einsteigen

Die Stiftung RAG könnte sich an einer Kapitalerhöhung des Konzerns Thyssen-Krupp beteiligen. Das sei laut Satzung möglich, so Stiftungschef Müller. Noch habe es aber keine Gespräche mit Thyssen-Krupp gegeben.

Eine Flagge weht vor dem Verwaltungsgebäude von Thyssen-Krupp. Schon vor einigen Tagen war berichtet worden, dass die RAG-Stiftung möglicherweise Thyssen-Krupp zu Hilfe eilt. dpa

Eine Flagge weht vor dem Verwaltungsgebäude von Thyssen-Krupp. Schon vor einigen Tagen war berichtet worden, dass die RAG-Stiftung möglicherweise Thyssen-Krupp zu Hilfe eilt.

DüsseldorfDie milliardenschwere RAG-Stiftung könnte dem angeschlagenen ThyssenKrupp -Konzern zu Hilfe eilen. Eine Beteiligung der RAG-Stiftung an ThyssenKrupp sei grundsätzlich möglich, sagte Stiftungschef Werner Müller der SPD-Fraktion im Düsseldorfer Landtag nach Angaben eines Fraktionssprechers. Die Bestimmungen der RAG-Stiftungssatzung ließen solche Beteiligungen zu, zitierte der Fraktionssprecher Müller am Mittwoch weiter. Rechtlich sei dies "kein Problem". Es habe aber Müller zufolge noch keine Gespräche mit ThyssenKrupp in dieser Sache gegeben. Eine Sprecherin der RAG-Stiftung sagte ebenfalls, die Satzung lasse Beteiligungen grundsätzlich zu.

Die Stiftung könnte sich an einer Kapitalerhöhung von ThyssenKrupp beteiligen, hatte Reuters bereits Ende Juni aus Branchenkreisen erfahren. Voraussetzung dafür sei aber unter anderem, dass sowohl ThyssenKrupp als auch die Krupp-Stiftung mit entsprechenden Wünschen auf die RAG-Stiftung zukämen und auch die Politik zustimme.

Die größten Baustellen von Thyssen-Krupp

Einleitung

Im Geschäftsjahr 2012/13 fuhr Thyssen-Krupp das dritte Mal in Folge einen Nettoverlust ein. Mit einem Fehlbetrag von 1,5 Milliarden Euro fiel dieser zwar niedriger aus als die fünf Milliarden Euro Miese im Jahr zuvor. Die Aktionäre müssen jedoch erneut auf eine Dividende verzichten. Das könnte auch im neuen Geschäftsjahr 2013/14 der Fall sein. Thyssen-Krupp will zwar operativ zulegen, für einen Nettogewinn könnte es aber erneut nicht reichen. Zudem schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte, sondern auch das Geschäft mit dem Werkstoff in Europa und mit Teilen für die Automobilindustrie.

Ertragsschwäche

Thyssen-Krupp fuhr im Geschäftsjahr 2011/12 einen Nettoverlust von fast fünf Milliarden Euro ein. In den ersten neun Monaten des Ende September abgelaufenen Geschäftsjahres 2012/13 waren es rund 1,2 Milliarden Euro. Analysten zufolge schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte. Auch das europäische Stahlgeschäft, der Großanlagenbau, der Verkauf von Autoteilen und die Aufzugssparte hätten im Geschäftsjahr weniger verdient. Der Handel mit Werkstoffen und das Dienstleistungsgeschäft habe hingegen zugelegt.

Stellenabbau

Für Unruhe im Konzern sorgen auch die Pläne zum Abbau tausender Arbeitsplätze. In der Verwaltung sollen 3000 Jobs wegfallen. In der Stahlsparte will Thyssen-Krupp 2000 Arbeitsplätze abbauen. Weitere 1800 Stellen könnten durch Beteiligungsverkäufe aus dem Konzern fallen. „Wir bügeln damit auch die Managementfehler der Vergangenheit aus“, hatte Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath in einem Reuters-Interview gesagt. Thyssen-Krupp will damit die Kosten um 500 Millionen Euro senken. Die Summe ist Teil der insgesamt geplanten Einsparungen des Konzerns bis 2014/15 von nun 2,3 Milliarden Euro. Das Unternehmen beschäftigt rund 156.000 Mitarbeiter, davon etwa 58.000 in Deutschland. Ein weiterer Stellenabbau ist nach den Worten von Personalvorstand Oliver Burkhard derzeit nicht geplant.

Fehlinvestitionen in Übersee

Nach einer langen Hängepartie konnte Thyssen-Krupp das Weiterverarbeitungswerk in den USA verkaufen. Das verlustreiche Rohstahlwerk in Brasilien hängt dem Konzern immer noch wie ein Klotz am Bein. Thyssen-Krupp muss neue Abnehmer für den Werkstoff in Nord- und Südamerika finden, da das US-Werk künftig weniger abnimmt. Die Kosten für beide Werke waren auf fast 13 Milliarden Euro explodiert, mehr als acht Milliarden entfielen auf Brasilien. Das US-Werk bleibt bis zu der erhofften Freigabe des Deals durch die Regulierungsbehörden noch für Monate in den Büchern. Thyssen-Krupp erwartet in der Sparte weitere Verluste - wenn auch niedrigere als bislang.

Schulden

Dem Konzern sitzen die Ratingagenturen im Nacken. Thyssen-Krupp drücken Schulden von fünf Milliarden Euro. Das Eigenkapital schmolz zwischenzeitlich von 4,5 Milliarden auf 2,5 Milliarden Euro zusammen, durch eine im Dezember 2013 durchgezogene Kapitalerhöhung konnte es inzwischen auf 3,3 Milliarden Euro aufgebessert werden. Die Eigenkapitalquote ist einer der niedrigsten Werte eines Dax-Konzerns. Gespräche mit Banken sorgten Ende September für Erleichterung, nachdem dieser Wert über die Marke von 150 Prozent gestiegen war.

Kartellverstöße und Korruptionsvorwürfe

Der Mischkonzern wird immer wieder von Kartellverstößen und Korruptionsvorwürfen erschüttert. Vorstandschef Heinrich Hiesinger will eine neue Unternehmenskultur, in der für krumme Geschäfte kein Platz ist. Bei illegalen Preisabsprachen war Thyssen-Krupp ein Wiederholungstäter. Einem Aufzugskartell folgten Kungeleien mit Schienenherstellern. Hier einigte sich Thyssen-Krupp nun mit der Deutschen Bahn auf Schadensersatz. Wie ein Damoklesschwert hängt zudem der Verdacht über dem Konzern, sich auch an einem möglichen Kartell von Herstellern von Blechen für die Automobilindustrie beteiligt zu haben. Ob sich dieser Verdacht bestätigt, ist offen. Sollte dies aber der Fall sein, wären die Konsequenzen nicht abzuschätzen - die Autoindustrie gehört zu den größten Kunden von Thyssen-Krupp. Welchen Stellenwert die Aufarbeitung der Verstöße hat, zeigte sich auch auf der Hauptversammlung im Januar 2014: Dort schuf Thyssen-Krupp für den ehemaligen Metro-Manager Donatus Kaufmann einen neuen Vorstandsposten für Compliance.

Ramponierter Ruf

Der Ruf des einst stolzen Unternehmens ist durch Pleiten, Pech und Pannen und die Korruptionsvorwürfe ramponiert. „Es herrschte offenbar bei einigen die Ansicht vor, dass Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gelten“, hat Konzernchef Hiesinger beklagt. Er will aufräumen und eine neue Unternehmenskultur einführen, in der Seilschaften und blinde Loyalität nicht wichtiger sind als unternehmerischer Erfolg. Dafür braucht er die volle Rückendeckung vom Aufsichtsrat.

ThyssenKrupp wollte zu den Äußerungen Müllers nichts sagen. Ein Sprecher verwies darauf, dass es derzeit weder eine Entscheidung noch konkrete Planungen für eine Kapitalerhöhung gebe. Vorstandschef Heinrich Hiesinger hatte allerdings im Mai erklärt, er schließe eine Kapitalerhöhung in den kommenden sechs bis neun Monaten nicht aus. Vor einer Entscheidung müsse der Konzern aber das Verluste schreibende amerikanische Stahlgeschäft abstoßen. Der Verkaufsprozess hat sich immer wieder verzögert.

Bei den Beschäftigten des Konzerns gibt es durchaus Sympathien für einen Einstieg der RAG-Stiftung. "Wenn man die Möglichkeit hat, einen Anteilseigner zu bekommen, der ähnlich wie die Krupp-Stiftung nicht nur an der Rendite interessiert ist, wäre dies wünschenswert", hatte ein Arbeitnehmervertreter der Nachrichtenagentur Reuters gesagt. Allerdings solle die Krupp-Stiftung auf jeden Fall auch weiter ein großer Anteilseigner bleiben. Die Stiftung hält derzeit 25,3 Prozent an dem Mischkonzern und gilt als Bollwerk gegen eine feindliche Übernahme. Von ihr war zunächst keine Stellungnahme zu verhalten.

ThyssenKrupp steht enorm unter Druck. Der Essener Konzern fuhr im vergangenen Geschäftsjahr einen Verlust von fünf Milliarden Euro ein. Ursache hierfür war vor allem das Desaster des amerikanischen Stahlgeschäfts. Zudem drückt den Konzern ein Schuldenberg in ähnlich großer Höhe. Die RAG-Stiftung kann dagegen nach dem Verkauf von Anteilen des Spezialchemiekonzerns Evonik auf ein Milliarden-Vermögen zurückgreifen.

Von

rtr

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