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12.02.2013

10:27 Uhr

Angeschlagener Stahlkonzern

Letzte Chance für Thyssen-Krupp

VonSebastian Ertinger

Der Traditionskonzern steckt in der schwersten Krise der Firmengeschichte. Noch zeichnet sie keine Erholung ab. Die Quartalsbilanz fällt schwach aus. Konzernchef Hiesinger ist mit seinen Umbauplänen zum Erfolg verdammt.

Thyssen-Krupp in der Krise

Video: Thyssen-Krupp in der Krise

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Essen/DüsseldorfKorruptionsskandale, Kartelle und milliardenschwere Fehlinvestitionen: Der Stahlkocher Thyssen-Krupp steckt in der tiefsten Krise seit der Fusion der beiden Traditionskonzerne Thyssen und Krupp 1999. Vorstandschef Heinrich Hiesinger hat einen umfassenden Umbau angekündigt und zu einem Wandel bei den Werten des Unternehmens aufgerufen. Missmanagement und Bestechlichkeit sollen der Vergangenheit angehören. Und Hiesinger will aus dem Stahlhersteller einen modernen Industriekonzern formen – mit zum Teil schmerzhaften Einschnitten für die Mitarbeiter.

Wie dringend der Umbau ist, zeigen die Zahlen für das erste Quartal des neuen Geschäftsjahres 2012/2013 (per Ende September). Von Oktober bis Dezember verbuchen die Essener einen Rückgang des Gewinns vor Steuern und Zinsen gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 38 Prozent auf 229 Millionen Euro. Der Umsatz schrumpft um acht Prozent auf 8,837 Milliarden Euro. Nach einer erwarteten Stagnation im Geschäftsjahr 2012/2013 soll der Umsatz später wieder zulegen. Der Aktienkurs gab zeitweise um fast zwei Prozent nach.

Die Schattenseiten von Thyssen-Krupp

Umgang mit Geschäftspartnern

Thyssen-Krupp soll den Wettbewerber Salzgitter bei einer Gemeinschaftsfirma betrogen haben. Im Zentrum der Vorwürfe steht GfT Bautechnik, an der Salzgitter bis vor einem Jahr beteiligt war und die exklusiv die Spundwände der Niedersachsen vertrieben hatte. Bei einer Prüfung im Sommer 2011 sei Salzgitter aufgefallen, dass der Ruhrkonzern zu wenig Geld an die Niedersachsen für die Lieferung dieser Stahlprodukte überwiesen habe.

Umgang mit Geschäftspartnern (2)

Thyssen-Krupp muss sich wegen illegaler Preisabsprachen im Schienengeschäft auf eine Klage der Deutschen Bahn gefasst machen, allerdings wird auch weiter über eine außergerichtliche Einigung verhandelt. Thyssen-Krupp war Teil eines Karrtells, zu dem auch die österreichische Voestalpine und das Bahntechnikunternehmen Vossloh gehörten. Die Firmen sollen von 2001 bis 2008 und teilweise bis 2011 Preise – unter anderem zum Schaden der Bahn – abgesprochen haben.

Umgang mit Gewerkschaftern

Der Industriekonzern Thyssen-Krupp hat Gewerkschafter zu kostspieligen Reisen in der ersten Klasse eingeladen. Mehrfach flogen Vertreter des Arbeitnehmerflügels im Aufsichtsrat nach Asien und Amerika, aber auch zu exotischen Zielen. Die Reisen hatten zum Teil touristischen Charakter

Querelen im Vorstand

ThyssenKrupp-Vorstand Jürgen Claassen ließ im Zuge von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Essen im Zusammenhang mit Luxusreisen Anfang Dezember 2012 sein Amt ruhen. Er wolle durch den Schritt „angesichts der derzeitigen öffentlichen Berichterstattung Schaden vom Unternehmen fernhalten“. Claassen war wegen luxuriöser Reisen in die USA unter Druck geraten, die er von seinem Arbeitgeber finanzieren ließ, obwohl sie nicht vornehmlich dienstlich veranlasst schienen.

Wenige Tage später griff Aufsichtsratschef Gerhard Cromme durch und setzte nicht nur Claassen vor die Tür. Auch zwei weitere Vorstände mussten gehen – insgesamt die Hälfte der Mitglieder des Top-Führungsgremiums.

Korruptionsvorwürfe

Die Staatsanwaltschaft Essen ermittelt gegen 14 Beschuldigte wegen des Verdachts auf Untreue. Im Zusammenhang mit einem Bauprojekt in Kasachstan soll es Schmiergeldzahlungen an eine Briefkasten-Firma im US-Bundesstaat Georgia gegeben haben. Die Ermittlungen gingen auf interne Ermittlungen von Thyssen-Krupp zurück.

Das Werk in Brasilien (1)

Als Thyssen-Krupp 2005 seine Pläne für die Expansion auf den Stahlmarkt in Südamerika und den USA präsentierte, klang alles sehr einfach. Mit günstig in Brasilien produziertem Qualitätsstahl wollte der Ruhrkonzern den US-Hüttenbetreibern Marktanteile abjagen. Dass deutsche und asiatische Autokonzerne zeitgleich im Süden der USA Produktionsstätten errichteten, machte die Strategie plausibel.

Problematisch war allerdings die Umsetzung. Die Stahlhütte vor den Toren der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro kostete nicht 1,3 Milliarden Euro, wie zunächst angekündigt. Die Investitionen summierten sich letztendlich auf mehr als fünf Milliarden Euro. Das Werk wurde weitaus teurer. Wegen Fehlplanungen muss die Kokerei umfangreich nachgebessert werden, auch bei anderen Teilen des Hüttenwerks gibt es Probleme.

Das Werk in Brasilien (2)

Im Werk der lokalen Thyssen-Krupp-Tochter CSA wurde mehrfach Graphitstaub in die Luft gewirbelt. Der sogenannte „Silberregen“ setzte sich in etwa zwei Kilometern Entfernung vom Stahlwerk im Nachbarort Santa Cruz auf Straßen und Häusern ab. Die Anwohner klagten über Atembeschwerden und Hautausschläge. Seit der Eröffnung des Werks im Jahr 2010 hat Thyssen-Krupp-CSA wegen der Pannen mehrfach Strafen zahlen müssen: umgerechnet 700.000 Euro beim ersten, 1,1 Millionen Euro beim zweiten Mal und zuletzt vier Millionen Euro.

Das Werk in den USA

Auch beim Bau eines Stahlwerks im US-Bundesstaat Alabama hatte sich der Stahlkonzern verkalkuliert. Wegen Planungsfehlern und veränderten Rahmenbedingungen entwickelte sich auch diese Projekt zu einem Milliardengrab. Gemeinsam belasten die beiden Hütten die Bilanz mit mehreren Milliarden Euro. Insgesamt hat Thyssen-Krupp zwölf Milliarden Euro für die Werke ausgegeben.

Unter dem Strich verdient Thyssen-Krupp noch 29 Millionen Euro nach 41 Millionen im Vorjahr. Während das Aufzugsgeschäft zulegen kann, brechen im europäischen Stahlgeschäft die Gewinne wegen der schwachen Nachfrage und gefallener Preise ein. Bei Steel Europe sinkt der Gewinn gegenüber dem Vorjahreszeitraum von 102 Millionen auf 30 Millionen Euro. Die Vision Hiesingers von Thyssen-Krupp als breit aufgestelltem Industriekonzern muss gelingen. Zu ernst ist die finanzielle Lage des Traditionsunternehmens.

Hiesinger räumt ein, dass er mit der Ertragskraft nicht zufrieden sein könne. Der Konzernchef beteuert aber: „Wir sind auf gutem Weg, unsere operativen Ziele im Gesamtjahr zu erreichen.“ Und er betont immer wieder, dass Segmente wie der Anlagenbau, Aufzüge und Rolltreppen sowie die Werften für U-Boote und Fregatten profitabel seien. „Diese Bereiche sind die Zukunft“, sagte Hiesinger bei der Vorlage der Bilanzzahlen für 2012. Im zurückliegenden Geschäftsjahr war der Konzern vor allem wegen der Fehlinvestitionen in neue Stahlwerke in Übersee tief in die roten Zahlen gestürzt. Am Ende schlug ein Minus von fünf Milliarden Euro zu Buche.

Die Stärken von Thyssen-Krupp

Stärke 1

Mutiger Chef: Mit Heinrich Hiesinger hat Thyssen-Krupp im Frühjahr 2011 einen entscheidungsfreudigen Chef erhalten. Schon Mitte vergangenen Jahres – wenige Monate nach seinem Amtsantritt – stellte er Bereiche wie Edelstahl zum Verkauf. Kurz danach folgte die Ankündigung, auch die Stahlwerke in Brasilien und den USA veräußern zu wollen. Thyssen-Krupp kann sich die Verluste dort nicht leisten. Wichtigstes Merkmal für Hiesinger ist, er ist vollkommen unabhängig. Dass gibt ihm laut Beobachtern die Chance, auch unpopuläre Entscheidung durchzuziehen.

Thyssen-Krupp Stärke 2

Aufstellung: Im Konzern Thyssen-Krupp gibt es eine Reihe von Perlen, die nun entwickelt werden sollen. Stark sind vor allem die Sparten Aufzüge und Anlagenbau. Beide haben sich in den vergangenen Jahren als solide Erlösbringer erwiesen. Der Konzern will die Bereiche nun stärken.

Thyssen-Krupp Stärke 3

Stahlsparte: Bei aller Kritik am Stahlgeschäft – Thyssen-Krupp ist einer der Qualitätsführer bei Flachstahl in Europa. Premiumhersteller wie BMW, Daimler und Volkswagen sind gute Kunden – Thyssen-Krupp verdiente auch im jetzigen schwierigen Marktumfeld noch Geld.

Hiesinger hatte vergangene Woche gezeigt, dass er es mit den Umbauplänen ernst meint. Thyssen-Krupp kündigte an, mindestens 2000 Stellen im europäischen Stahlgeschäft zu streichen. Die meisten Jobs fallen in Deutschland weg. Durch mögliche Verkäufe könnte sich die Belegschaftszahl um weitere 1800 Mitarbeiter reduzieren. Derzeit sind in der europäischen Stahlsparte 27.600 Mitarbeiter beschäftigt. Mit dem Einschnitt sinkt die Bedeutung des Stahlgeschäfts innerhalb des Konzerns.

Der Konzern will beim geplanten Stellenabbau möglichst auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten. „Wir gehen davon aus, dass die notwendigen Personalabbau-Maßnahmen sozialverträglich erfolgen“, sagte ein Sprecher von Thyssen-Krupp Steel Europe.

Kommentare (1)

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MBoudik

12.02.2013, 13:08 Uhr

Die Zahlen sind grausam. Hier kommen große Aufgaben auf Vorstand und Mitarbeiter zu. Hoffentlich gelingt die Wende zum Guten. Das wäre eine wirklich anerkennenswerte Management-Leistung.

ThyssenKupp hat einen deutlich negativen Cash flow, egal wie man diesen definiert. Das begrenzt den Handlungsspielraum ganz erheblich.

Das Problem der Betriebsrenten wird - wieder mal - verschwiegen. Hier muss man sich den Tatsachen stellen und aufzeigen, wie man die Zusagen erfüllt. Potentielle Käufer werde diese Last nicht übernehmen wollen.

Immer noch werden diese unzeitgemäßen „Luxus-Betriebsrenten“ teilweise neuen Mitarbeitern versprochen.

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