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11.07.2014

12:08 Uhr

Atomfirma

Tepco laufen die Mitarbeiter davon

Der Fukushima-Betreiber Tepco hat seit der Atomkatastrophe in Japan einen miserablen Ruf, zudem bekommt die Nuklearbranche Konkurrenz von der staatlich geförderten Solarindustrie. Immer mehr Mitarbeiter fliehen.

Ein Tepco-Mitarbeiter misst die Strahlenwerte bei Fukushima. Schlechtes Gehalt und Strahlenschäden treiben die Tepco-Mitarbeiter aus dem Konzern. Reuters

Ein Tepco-Mitarbeiter misst die Strahlenwerte bei Fukushima. Schlechtes Gehalt und Strahlenschäden treiben die Tepco-Mitarbeiter aus dem Konzern.

TokioSeit der Nuklearkatastrophe 2011 in Japan haben rund 3000 Beschäftigte das Energieversorgungsunternehmen Tepco verlassen, den Betreiber des havarierten Atomkraftwerks Fukushima Dai-ichi. Gründe dafür sind der schlechte Ruf der Firma, Gehaltskürzungen und das Strahlenrisiko. Nun gibt es einen weiteren Faktor: besser bezahlte Jobs in der populären Solarbranche.

Früher waren die Ingenieure und anderen Mitarbeiter von Tepco typische Vertreter der japanischen Unternehmenskultur, die von lebenslanger Loyalität zu einem einzigen Arbeitgeber geprägt ist. Doch der Tsunami vom März 2011, der zur Katastrophe in Fukushima führte, hat das geändert. Wegen ihrer chaotischen und mangelhaften Reaktion auf das Unglück geriet die Betreiberfirma ins Kreuzfeuer der Kritik. Die öffentliche Meinung wandte sich gegen die Atomindustrie, und der Name Tepco wurde zum Schimpfwort.

Fukushima in Zahlen

9,0

Das Erdbeben mit der Stärke 9,0 war das bisher schwerste in der Geschichte Japans.

260

Mehr als 260 Küstenstädte wurden zum großen Teil zerstört.

16.000

Beben und Flutwelle töteten rund 16.000 Menschen, 4000 gelten noch immer als vermisst.

130.000

Zehntausende mussten die Region verlassen. Zeitweise lebten 130.000 Menschen in Notquartieren. Zum Jahresende sollen immer noch Zehntausende auf eine Behelfsunterkunft angewiesen sein.

210 Milliarden

Mit einem gesamtwirtschaftlichen Schaden von 210 Milliarden US-Dollar (156 Milliarden Euro) handelt es sich nach Angaben des Rückversicherers Munich Re um die teuerste Naturkatastrophe aller Zeiten.

2,1

Die japanische Wirtschaft schrumpfte im zweiten Quartal so stark, dass die Experten ein Minus von 2,1 Prozent für 2011 erwarteten.

5,8 Milliarden

Von April bis September verbuchte der Betreiber des Kernkraftwerks Fukushima einen Verlust von umgerechnet 5,8 Milliarden Euro.

2 Millionen

Mindestens zwei Millionen Menschen sind von den gesundheitlichen Spätfolgen der Atomkatastrophe betroffen.

8,4 Milliarden

Mindestens 8,4 Milliarden Euro will die Regierung dem Betreiber zur Verfügung stellen, um Opfer zu entschädigen.

Im Jahr vor der Katastrophe verließen nur 134 Beschäftigte das Unternehmen. 2011 waren es schon 465, im Jahr darauf weitere 712 und im vergangenen Jahr 488. 70 Prozent derer, die gingen, waren jünger als 40 Jahre. Als die Firma in diesem Jahr erstmals ein Programm für den freiwilligen Ruhestand anbot, bewarben sich 1151 Mitarbeiter um die 1000 vorhandenen Plätze. Inzwischen arbeiten noch etwa 35 700 Menschen bei Tepco.

Die finanziellen Folgen der Atomkatastrophe führten zu einschneidenden Gehaltskürzungen, und die andauernden Probleme in Fukushima - das Austreten verstrahlten Wassers etwa - verstärkten das Image Tepcos als inkompetentes und unverantwortlich handelndes Unternehmen. „Niemand will dort arbeiten, wenn er nicht muss“, sagt Akihiro Yoshikawa, der die Firma 2012 verließ und die Initiative „Schätzt die Fukushima-Arbeiter“ gründete. Damit will er dem „riesigen gesellschaftlichen Stigma“ begegnen, das mit der Arbeit in der Atomanlage verbunden sei.

Viele der Beschäftigten sind als Bewohner der Region selbst Opfer der Katastrophe, dürfen beispielsweise ihr Haus in der Evakuierungszone nicht mehr betreten. Außerdem sorgen sie sich um die Auswirkungen der Strahlung auf ihre Kinder. Die Stigmatisierung ist so groß, dass manche ihre Arbeit in der Atomanlage verschweigen. Sie befürchten sogar, in Restaurants abgewiesen zu werden. In Dutzenden Fällen wurden ihre Kinder in der Schule diskriminiert, wie ein Regierungsbericht aufzeigte.

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