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01.07.2016

20:00 Uhr

Batteriespeicher

Unzuverlässig und brandgefährlich

VonFranz Hubik

Dank neuer Billig-Akkus lohnt es sich bald, Sonnenstrom zu speichern und selbst zu verbrauchen. Die Solarbranche hofft auf goldene Zeiten. Was in dem Hype untergeht: Manche Batterien stellen ein Sicherheitsrisiko dar.

Es gibt Batteriezellen, die „sicherheitstechnisch ein Desaster“ sind. Imago

Batteriespeicher

Es gibt Batteriezellen, die „sicherheitstechnisch ein Desaster“ sind.

MünchenKarl Nestmeier ist ein Elektronarr. Der 51-Jährige beschäftigt sich seit gut dreißig Jahren mit Batterien. Mit dem CityEL hat er eines der ersten Elektroautos nach Deutschland gebracht und Pionierarbeit in der Branche geleistet. Heute fährt Nestmeier durch halb Europa, um Firmen zu beraten, die in Akku-Technologie investieren oder bei denen akute Schadensfälle bei Lithium-Ionen-Batterien aufgetreten sind. Was Nestmeier bei seinen Reisen als Gutachter und Sachverständiger erlebt, sorgt nicht nur bei ihm für Kopfschütteln und Entsetzen.  

„Da, schauen Sie mal“, sagt Nestmeier während  er den Kofferraum seines Pkw öffnet. Was der Elektro-Meister hier lagert, sind Batteriezellen, die ihm häufig im Alltag begegnen. Nestmeier nimmt ein verformtes Kunststoffgehäuse in die Hand, deutet auf Ventile, aus denen Elektrolyt sabbert und zeigt Fotos von krumm zusammengepressten Aluminium- und Kupferverbindungen.

Gas aus Strom: ein Durchbruch für die Energiewende?

Wie funktioniert „Power to gas“?

Das Verfahren ist simpel und Manchem vielleicht noch aus dem Physik- oder Chemieunterricht in Erinnerung: Mit Strom lässt sich in einer Lösung per Elektrolyse Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff trennen. Der Wasserstoff kann in einem zweiten Schritt mit CO2 zu Methan weiterverarbeitet werden, das sich kaum von natürlichem Erdgas unterscheidet. Modernere Elektrolyse-Verfahren wie das in der RWE-Anlage funktionieren mit einer Membran aus einem Material ähnlich wie Teflon.

Was ist der Vorteil?

Gas lässt sich problemlos speichern und transportieren: Theoretisch stünde dafür das gesamte deutsche Gasnetz von rund 400.000 Kilometern Leitung mit zahlreichen unterirdischen Gasspeichern bereit. Laut dem Gasfachverband DVGW könnte allein in den Speichern der deutsche Strombedarf für 2000 Stunden, also fast drei Monate, in Gasform gelagert werden. Bei Bedarf lässt sich das Gas mit bewährter Technik wieder zu Strom umwandeln. In der RWE-Anlage treibt der Wasserstoff ein Blockheizkraftwerk für das Ibbenbürener Strom- und Fernwärmenetz an. Außerdem kann man den Wasserstoff direkt verbrauchen, um mit Brennstoffzellen Autos anzutreiben, oder in geringerer Menge dem Gasnetz beimischen.

Wo liegen die Probleme?

Bisher ist die Technik nicht effizient genug. Bei einem Elektrolyse-Wirkungsgrad von rund 70 Prozent ist nach einer anschließenden Rückverstromung schon rund die Hälfte der Energie verloren. Eine weitere Umwandlung in Methan würde noch deutlich mehr Energie schlucken. Außerdem rechnen sich derzeit schon Kraftwerke mit natürlichem Gas nicht - künstlich erzeugtes Gas habe da erst recht keine Chance, sagen Kritiker. Wirtschaftlich arbeitet auch die Anlage des RWE-Konkurrenten Eon im brandenburgischen Falkenhagen nicht.

Was sagen die Befürworter?

Der Kostenvergleich führt aus ihrer Sicht in die Irre, da für „Power to gas“ überschüssiger Strom verwendet werden soll - also vor allem die mehreren hundert Gigawatt Windkraft pro Jahr, die derzeit mangels Speicher gar nicht erst gewonnen werden. Wenn Deutschland 2050 seinen Energiebedarf zu 80 Prozent aus regenerativen Quellen deckt, gehe an den Gasspeichern ohnehin kein Weg vorbei. Deshalb solle die Politik die Speicheranlagen zumindest als Startanreiz finanziell fördern, sagt der DVGW. Das lehnen Kritiker als Doppelsubventionierung ab, da schon der Strom aus Windkraft und Photovoltaik subventioniert wird.

Und was ist mit den Kunden?

Umweltbewusste Kunden unterstützen die Technik. Der Energieversorger Greenpeace Energy, der im Dezember 2014 einen „Pro-Windgas“-Gastarif an den Markt brachte, fand in der kurzen Zeit laut einem Sprecher bereits 10 500 Kunden - trotz eines Preises über Marktniveau mit einem „Innovationsaufschlag“ von 0,4 Cent pro Kilowattstunde für die Weiterentwicklung der Technik.

Quelle: dpa

„Solche Zellen sind sicherheitstechnisch ein Desaster“, erklärt Nestmeier. Im schlimmsten Fall könnten Häuser abfackeln und dabei Brandgase entstehen, die zu schweren Lungenverätzungen führen. „Hier besteht Gefahr für Leib und Leben“, sagt Nestmeier. Was den Bayer so empört: „Diese Zellen werden bei uns völlig legal in den Verkehr gebracht.“ Denn der Markt für die vergleichsweise junge Batterietechnologie entwickle sich viel schneller als die gesetzlichen Vorschriften.

Tatsächlich sind Batteriespeicher gerade in aller Munde. Autohersteller wie Tesla, Daimler oder BMW mischen den Markt auf und wollen mit Eigenheimspeichern ihr Geschäft mit Elektrofahrzeugen quersubventionieren. Zudem setzt die seit Jahren kriselnde deutsche Photovoltaikindustrie all ihre Hoffnungen auf den Durchbruch der Batterietechnik. Ein Solarboom 2.0 auf Basis von Billig-Akkus ist sogar ein durchaus realistisches Szenario. Schließlich dürften die Preise für Lithium-Ionen-Batterien noch schneller fallen als bisher angenommen.

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Für Ausrüster und Hersteller aus der Speicher- und Photovoltaik-Industrie brechen „goldene Zeiten“ an, prophezeit etwa die Unternehmensberatung Ernst & Young. Während es 2015 im Schnitt noch rund 600 Dollar kostete eine Kilowattstunde Strom zu puffern, werden es 2020 bereits weniger als 300 Dollar sein. Weil parallel die Strompreise für Privathaushalte weiter steigen dürften, lohnt es sich zunehmend Sonnenergie vom Dach zu speichern und  selbst zu verbrauchen.

Karl Nestmeier warnt angesichts des sich abzeichnenden Batteriebooms vor einer fatalen Begleitentwicklung. „Wenn wir nicht aufpassen“, sagt der Sachverständige für Speichersysteme, „haben wir bald hunderte Tonnen von miserabel verarbeiteten Batteriezellen in Gebäuden und kriegen sie dort nicht mehr hinaus.“

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