Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

15.02.2016

14:07 Uhr

Billig-Konkurrenz aus China

Stahl-Arbeiter schlagen in Brüssel Alarm

VonKhang Nguyen, Martin Wocher

Die Furcht vor Billigimporten aus China treibt die Stahlkocher auf die Straße: Tausende Arbeiter aus ganz Europa haben in Brüssel für einen fairen Wettbewerb demonstriert. Sie sehen die gesamte Industrie in Gefahr.

Stahlarbeiter-Demo in Brüssel

85.000 Jobs gestrichen: Massiver Stellenabbau in der Stahlbranche

Stahlarbeiter-Demo in Brüssel: 85.000 Jobs gestrichen: Massiver Stellenabbau in der Stahlbranche

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Brüssel/DüsseldorfMehrere tausend Stahlarbeiter aus ganz Europa marschieren durch das Europaviertel in Brüssel. Sie sind mit Schutzwesten in Neonfarben bekleidet. „Yes to fair trade, no to MES“ oder: „Stoppt das China-Dumping“ heißt es auf den Schildern und Fahnen, die sie hochhalten. Die Demonstranten tröten, pfeifen, wollen auf sich aufmerksam machen. Einige von ihnen zünden immer wieder Böller. Die Stahlkocher gehen gemeinsam mit ihren Arbeitgebern, Gewerkschaftlern und den Belegschaften anderer Industriebranchen in Richtung EU-Kommission, um gegen die existenzbedrohenden Billigimporte aus China zu demonstrieren.

„Es geht hier um unsere Zukunft, um unsere Arbeitsplätze“, sagte Ralf Hoffmeister von den Stahlwerken Bremen, die zu Arcelor-Mittal gehören. Seit 17 Jahren arbeitet er dort in der IT. Für ihn war klar, dass er beim Protestmarsch mitgeht: „Nicht nur unsere Branche ist betroffen – China kann in allen Bereichen Preise subventionieren und eine Spiralwirkung erzeugen!“ Ein britischer Kollege fügt hinzu: „Es geht uns alle etwas an!“

Europas Stahlindustrie zittert: Die Angst vor dem Untergang

Europas Stahlindustrie zittert

Premium Die Angst vor dem Untergang

Europas Stahlbranche ist in Gefahr. Britische Konzerne bauen schon Tausende Jobs ab. In Brüssel protestieren heute Stahlmanager und -mitarbeiter aus ganz Europa gegen Billigimporte aus China. Sie fordern Schutzzölle.

Für den neuen Präsidenten des europäischen Stahlverbandes Eurofer, Geert van Poelvoorde, geht es um nichts weniger als die Zukunft der europäischen Stahlindustrie: „Das ist ein Notruf“, sagte er dem Handelsblatt am Montag. „Mit den Protesten wollen wir der Politik klar machen, wie dringend die Situation für die europäische Stahlbranche ist.“ So seien innerhalb der vergangenen sechs Monate bereits rund 7000 Jobs in europäischen Hütten verlorengegangen. Poelvoorde ist auch Chef der europäischen Flachstahlsparte von Arcelor-Mittal, dem weltweit größten Stahlproduzenten.

Vor der Büste des früheren französischen Ministerpräsidenten Robert Schuman versammelt sich die Menge. Er war Initiator der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl und gilt neben Jean Monnet als einer der Gründungsväter der Europäischen Union. „Wir brauchen Regeln, um mit China konkurrieren zu können“, redet sich einer der Redner auf der Bühne vor Wut. Er legt nach: „Unsere Qualität ist viel besser.“ Später werden die Demonstranten symbolisch Tausende von Schutzhelmen vor den EU-Institutionen niederlegen.

Die größten Stahlhersteller der Welt

Platz 1: Arcelor-Mittal

Der mit Abstand größte Stahlproduzent der Welt ist Arcelor-Mittal. Der Konzern mit europäischen und indischen Wurzeln stellte 2015 gut 97 Millionen Tonnen Stahl her.

Quelle: World Steel Association

Platz 2: Hesteel Group

Der zweitgrößte Hersteller kommt aus China: Die Hebei Iron and Steel Group stellte 2015 rund 47,8 Millionen Tonnen Stahl her. Auch dieser Konzern ging aus einer Fusion hervor, die Unternehmen Tangsteel und Hansteel schlossen sich 2008 zusammen.

Platz 3: Nippon Steel & Sumitomo Metal

Auf Platz drei abgerutscht ist der japanische Konzern Nippon Steel & Sumitomo Metal. Die beiden japanischen Hersteller hatten sich im Oktober 2012 zusammengeschlossen und kamen 2015 zusammen auf ein Produktionsvolumen von 46,3 Millionen Tonnen Stahl, knapp 3 Millionen weniger als im Vorjahr.

Platz 4: Posco

Mit einer Produktion von rund 42 Millionen Tonnen Stahl ist Posco der viertgrößte Hersteller. Das Unternehmen ist der größte südkoreanische Anbieter und macht viele Geschäfte mit China.

Platz 5: Baosteel Group

Auf Platz fünf folgt ein weiterer chinesischer Konzern: Baosteel Group. Das Unternehmen mit Sitz in Shanghai produzierte knapp 35 Millionen Tonnen Stahl. Schlagzeilen machte der Hersteller im Jahr 2000 mit seinem Börsengang, der damals in China Rekorde brach.

Platz 16: Thyssen-Krupp

Im Vergleich zu Arcelor-Mittal, Hesteel & Co. ist Thyssen-Krupp ein Leichtgewicht. 2015 ging es für den größten deutschen Stahlproduzent mit einer Produktion von 17,3 Millionen Tonnen aber immerhin drei Plätze hinauf auf Rang 16. Ähnlich viel produziert der Konkurrent Gerdau aus Brasilien (17 Millionen Tonnen).

Die Proteste richten sich vor allem gegen China. Die vielfach schon Verluste schreibenden europäischen Stahlkonzerne werfen den chinesischen Herstellern vor, ihre gewaltigen Überkapazitäten um fast jeden Preis auf den Weltmarkt zu werfen. Viele Stahlsorten würden weit unter Herstellungskosten angeboten und damit zu erheblichen Verwerfungen führen. Die EU-Kommission hatte zuletzt am Freitag vorläufige Schutzzölle in drei Fällen beschlossen und zusätzliche Anti-Dumping-Maßnahmen für weitere Sorten auf den Weg gebracht.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×